Volks*theater trifft Matriarchale Volksküche: Theorie und Praxis für ein neues Volks*theater

Foto: Dominique Brewing

Zur Eröffnung des Volks*theaters am 25.6.2019 versammelten sich die Besucher*innen im Hinterhof, wo Rampe-Intendantin Martina Grohmann betonte, dass das Projekt noch am Anfang stehe, ein Labor sei. „Das Konzept des V*T verfolgt mich schon sehr lange: In Wien kennt man eine lange Tradition des Volkstheaters, die aber zur Unterhaltung verkommen ist. Einiges sagt der Begriff vielleicht gar nichts.“

Mit dem Volks*theater möchte das Theater Rampe die zeitgenössische Stadtgesellschaft anregen, das V*T für sich zu entdecken: „Dazu haben wir Nina Gühlstorff eingeladen, die in allen möglichen Sparten – von Oper bis zum klassischen Regie-Theater – unterwegs ist, und sich in diesem Projekt gemeinsam mit Paula Kohlmann um Verbindungslinien kümmert.“

Für Grohmann ist das V*T durch vier Begriffe geprägt:

1. Volk:
Dieser Begriff ist nicht nur ambivalent und provokant, in der Linie des Volkstheaters steht es gegen eine Top-down-Kultur. Durch das * wird Volk zu einem offenen Begriff, steht für ein inklusives Theater einer diversen Gesellschaft

2. Sprache:
… ist oft mundartbehaftet, es wird eine soziale gegen eine literarisierte Sprache gesetzt; es wird improvisiert, spontan kritisiert. Der Zwischenruf steht für eine andere Durchlässigkeit dieses Theaters (siehe 3.)

3. Öffentlicher Raum
Der öffentliche Raum ist mit dem Volkstheater verknüpft: angefangen von den freien, wandernden Gruppen über die Tatsache, dass das Publikum keinen definierten Ort betreten muss und es für alle zugänglich ist. „Es gibt auch öffentliche Räume außerhalb des Digitalen“, so Grohmann. „Wie durchbricht man diese Echokammern? Wie schafft man einen demokratischen Raum?“ Vielleicht mit einem Zwischenruf. Nina Gühlstorff ruft sogleich: „Ich mach‘ den ersten!“

4. Unterhaltung + Kritik
Das V*T könnte die Trennung von E und U aufheben, derben Witz und scharfe Kritik zugleich ermöglichen

Nina Gühlstorff ergänzte, dass all dies Themen waren, die ihnen in der Recherche begegnet waren und forderte die Anwesenden auf, „eine Allianz gegen die Hitze“ einzugehen (an diesem Abend hatte es weit über 30 Grad, Anm.d.Red.). „Ich glaube, was gewünscht wird, ist, dass wir uns auseinandersetzen – was jedoch nur wenige mitbekommen. Theater inszeniert elitär.“ Nun sollen Orte einen Sinn bekommen, die einen einfachen Zugang und Begegnung ermöglichen. Für die Regisseurin geht es im V*T um Teilhabe: „Das Theater könnte der Ort sein, wo das passiert.“

Sie verwies auch auf den „archäologischen Fund“ des Kontakttheaters, das im Stuttgart der 1970er-Jahre entstand und Teil der Ausstellung im Theatersaal der Rampe war und sich etwa mit ökologischen Themen oder Wohnen beschäftigte. „Die Themen waren also schon damals da und sind wieder zerbröselt“, so Gühlstorff, „ich würde gerne dazu beitragen, diese neu zu bündeln.“

Sie gab zudem einen kurzen Ausblick in den Juni  2020, wo es eine Aufführung des V*T geben werde. Anfangs, zu Beginn der Recherche, hätte sie noch konkrete Ideen gehabt, doch mittlerweile sei sie zur Auffassung gelangt, dass sie nicht kuratiere. Stattdessen seien Fragen aufgetaucht: Wieviele Grenzen möchte man haben? Wer übernimmt Verantwortung? Die Bitte an die Besucher*innen: mit Offenheit befragen, zwischenrufen, uns kritisieren und beschimpfen!

Paula Kohlmann ergänzte, dass das Kontakttheater der 70er nicht verschwunden, sondern zum Kulturkabinett  geworden sei. Sie habe aus der Recherchephase und den Gesprächen mit den Menschen vieles mitnehmen können. „Im V*T wollen wir den Versuch machen, sie Teil des Theaters sein zu lassen, ihre Themen und Ästhetiken zu zeigen. Und vielleicht schließen wir ja das Rampe und ziehen auf den Marienplatz?“ Auf all ihre Fragen geben die Gäste in den kommenden Tagen künstlerische und musikalische Antworten.

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Im Saal war bereits die „Matriarchale Volksküche“ dabei, Gazpacho und Piroge vorzubereiten. Nina Gühlstorff sprach mit Sabrina Schray, was Kochen denn mit Kunst zu tun habe: „Gar nicht so viel“, sagte Schray, „natürlich kann man das Kochen auf die Spitze treiben, dann sieht es so aus und schmeckt individuell. Die beiden passen gut zusammen, bilden ein gutes Paar. Gemein ist ihnen der zufriedene Blick – bei gutem Essen wie bei der Betrachtung von Kunst.“

Surja Ahmed erklärt kurz wie es zur Idee der Matriarchalen Volksküche kam: „Wir kochen gerne zusammen und dabei kamen stets gute Gespräche zustande. Das wollten wir in die Öffentlichkeit tragen.“ Marcela Majchrzak sprach die Einladung aus, sich an der Herstellug der Piroge zu beteiligen, räumte jedoch gleich ein: “Es sind 10.000 Stunden Übung nötig, um das Piroge-Falten zur Meisterschaft zu führen.“

Währenddessen kamen verschiedene kleinere Gespräche zustande, eine Besucherin berichtete etwa von einer Gruppe junger Student*innen, die immer ins Theater gingen, um Kritiken zu schreiben und sich so ein Zubrot zuverdienen. Kommentar eines Besuchers: „Wenn der regionale Kulturjournalismus weiter zusammenbricht, wäre das doch die Lösung!“

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Den ersten Input des Abends sprachen Hanna Noller und Sebastian Klawiter vom Verein Stadtlücken über den öffentlichen Raum. Die beiden sind Schreiner, Architekten und mittlerweile am Institut für Städtebau der Uni Stuttgart tätig. Zunächst zeigten sie im Schnelldurchlauf ein 24-Stunden-Echtzeitexperiment, das im Rahmen des Reallabor Spacesharing an der Kunstakademie am Weißenhof durchgeführt wurde und der Frage nachging: Wie wird Raum genutzt? Zu beobachten war, wie sich der Raum veränderte, indem dort gegessen, geschlafen, gearbeitet wurde oder ein Empfang für 200 Leute zu Eröffnung des Reallabors stattfand (mehr: http://www.abk-stuttgart.de/fileadmin/redaktion/events/2018/07/2018-07-17_Space_Sharing-Report_digital.pdf).

In ihrer Masterarbeit (https://issuu.com/spacesharing/docs/150824_masterthesis_einleitung) setzten sich die beiden theoretisch mit folgenden Fragen auseinander: Was heißt teilen? Teilt man es wie ein Stück Kuchen auf oder nutzt man etwas gemeinsam? Um den Wissensaustausch zu fördern gingen sie verschiedenen Fragen in Low-Budget-Magazinen nach, die sich beschäftigten mit:

  • Was ist Raum?
  • Sharing Economy
  • Space/Raum
  • Commons
  • Space Sharing

Der Begriff „to share“ sei dabei zentral, und – so Klawiter – eben nicht einfach mit dem Deutschen „(auf)teilen“ zu übersetzen, sondern beinhalte das Gemeinsame: gemeinsam nutzen, gemeinsam teilen. So landeten sie schnell beim (landwirtschaftlichen) Begriff der „Allmende“,  die eine Form gemeinschaftlichen Eigentums bezeichnet. Aber, wie Noller griffig erklärte: „Wie in einer WG-Küche kümmert sich keiner drum, wenn’s allen gehört.“

Lösen ließe sich das mit einem Ansatz der US-amerikanischen Professorin Elinor Ostrom, der 2009 als erster und bisher einziger Frau der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zuerkannt wurde, gemeinsam mit Oliver E. Williamson. Ihr Thema sind die Gärten der Gemeingüter (Allmenden), in denen Menschen sich um knappe Ressourcen wie Wasser, Wiesen und Wälder und deren gemeinsame Nutzung streiten. Dabei scheitern sie jedoch nicht immer. (www.bpb.de/apuz/33204/elinor-ostrom-und-die-wiederentdeckung-der-allmende?p=all)

Ihre Zielfrage war: „Wie kann sich eine Gruppe von einander unabhängiger Akteure zur Erzielung langfristiger, gemeinsamer Vorteile selbst organisieren und verwalten, wenn alle versucht sind, Trittbrett zu fahren, sich zu drücken oder sonst wie opportunistisch zu handeln?“

Über die Spieltheorie bewies sie, dass Menschen Regeln brauchen, denn es gibt ihn sehr wohl, den vernünftigen Gemeinsinn in Gruppen. Sie hat gezeigt, wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann (siehe ihr Buch: Die Verfassung der Allmende) Diese Haltung haben die Klawiter & Noller für ihre Masterarbeit genutzt und daraus die Frage abgeleitet: WEM GEHÖRT DIE STADT?

Auf der Suche nach Lücken (in der Stadt) entwickelten sie ein Konzept, das Lücken findet, sammelt, vernetzt, Aufmerksamkeit schafft, diese kommuniziert. Während sie diese Strategie entwickelten, begannen sie mit ersten offenen Treffen in der Rampe unter dem Titel EINMAL IM MONAT. „Die Rampe ist für uns bereits V*T. Wir haben es schon vor drei Jahren so nutzen können“, betonte Noller.

Daraus entstanden die Stadtlücken und die Idee, den Österreichischen Platz zu bespielen. „Wir haben diesen Raum gefunden, einen öffentlichen Raum, der aus unserer Sicht Potenzial hat, aber falsch genutzt wird.“ Denn bis 2017 war diese Fläche unter der Paulinenbrücke – „eine Fläche, die allen gehört“ – von einer privaten Firma genutzt, die damit viel Geld verdient hat.

Auf die Frage WO IST DER ÖP? folgten die Fragen, wer alles mitmacht, wie sie das organisieren. Zur Organisation bedienten sie sich den „8 Prinzipien einer erfolgreichen Organisation von Gemeingütern nach Ostrom“ entlang der drei zentralen Linien von Macht, Markt und Moral („Das ist die Kirchenvariante: über schlechtes Gewissen.“).

Ostrom unterscheidet „sieben bzw. acht Prinzipien“ einer funktionierenden Allmende:
1. „Klar definierte Grenzen“ (der Bezugsgruppe)
2. „Kongruenz zwischen Aneignungs- und Bereitstellungsregeln und lokalen Bedingungen“, d.h. Umfang von Nutzung und Aufwand der Ressourcenverwaltung sind auf lokale Begebenheiten abgestimmt.
3. „Arrangements für kollektive Entscheidungen“: Personen, die von den Allmend-Verwaltungsregeln betroffen sind, können über diese Regeln auch mitbestimmen. (Anmerkung: Jüngere Forschungen haben allerdings ergeben, dass die Ergebnisse nicht unbedingt schlechter sind, wenn die Leute nicht mitbestimmen. Sie können aus anderen Gründen mit den gesetzten Regeln einverstanden sein, z.B. weil sie ihrem gewählten Vertreter vertrauen)
4. Kontrolle und Rechenschaftspflicht gegenüber den Allmendeberechtigten
5. Abgestufte Sanktionen (Bsp.: Am ÖP gibt es mittlerweile eine „Lärm-Ampel“, die nach einem warnenden Blinken automatisch den Strom abschaltet, sobald es zu laut ist)
6. schnelle, direkte, lokale Konfliktlösung
(Bsp.: Die Stadtlücken suchen das direkte Gespräch mit einem Italienischen Restaurant nebenan, wenn es Beschwerden gibt.)
7. minimale Anerkennung der jeweiligen Organisationsform und Rechtsverhältnisse durch Unabhängigkeit von äußeren (staatlichen) Machtstrukturen
8. „Eingebettete Unternehmen“: Die Verwaltungsstrukturen großer funktionierende Allmenden sind in kleineren Organisationseinheiten mehrerer Ebenen eingebettet. (Bsp.: Befinden sich mehrere Theater in der Nähe, wie organisisert man sich untereinander?)

Seit 1,5 Jahren nutzen die Stadtlücken den ÖP als Probierfeld, um herauszufinden, was da funktionieren könnte – und alle können mitsprechen. Die meisten halten sich auch an die (teils ungeschriebenen) Regeln. Kommt es zu Zwischenrufen, „Störungen“, dann sei das vielmehr interessant, betonen die beiden. Als Beispiel nannten sie eine Architekturpräsentation, bei der zwei Zuschauer*innen immer wieder Zwischenfragen stellten – „weil sie die ‚Regeln‘ einer solchen Präsentation einfach nicht kannten.“

Zusammenfassend lässt sich das alles auf folgende Formel verdichten:

COMMONS = Ressource + Community + Regeln

Zur Zukunft der Allmende sagte Noller: „Die Frage ist nicht, ob Menschen kooperieren wollen, sondern wie ihnen geholfen werden kann, das zu tun.“ Dies sei heutzutage nicht so einfach: „Statt kooperieren lernen wir, den eigenen Nutzen zu maximieren.“ Somit sei die Frage im Hinblick auf ein VOLKS*THEATER, wie das Theater Kooperation fördern kann.

Es folgte ein weiterer Impuls von Samira Messner über Diversität und Öffnung von Institutionen. Die Fotografin und Gender-Expertin ist Mutter zweier Töchter, stammt aus Addis Abbeba/Äthiopien und wurde durch den V*T-Bauwagen am Marienplatz auf das Projekt aufmerksam.

„Within five minutes I expressed my deep concern on issues like diversity. I am standing here not as a representataive of a group, but as an idividual expressing my opinion. I belong to a box: I’m black, I’m a woman, I’m wearing a head cover, I don’t speak German.”

Sie sei nach dem Studium nach Deutschland gekommen. Nach allem, was sie über den Westen wusste, erwartete sie überall Kinderspielecken, Familienfreundlichkeit etc. „I thought Germany was a feminist country and I expected it to be supportive open…this was my box of Germany.“ Die sich dann doch als Schublade entpuppte, als sie hier ankam und etwa mit Gender-Stereotypen konfrontiert wurde.

„Today I want to talk about the difference between diverse and inclusive: Diversity is natural, given such as sex or the colour of your skin. We are it. Inclusion means more: Today I’m included as a speaker representing POC, mothers. What we have to acknowledge is the lack of inclusion – only then we can move to the second level.”

Gerade in Stuttgart mit seinem Ausländer*innenanteil von ca. 45 Prozent stelle sich doch die Frage, wie hoch der Anteil im Jahr 2040 sein werde. „I want to see compassion! Not because they are others, but I want my kids to see strong African women.“ Für ihre Töchter wünscht sie sich: “They should see a reflection of somebody they know.” Eine starke, unabhängige, schwarze Frau. Denn meist werde Afrika durch “die arme afrikanische Frau” repräsentiert. Messner konfrontiert ihre Zuhörer*innen (und das Theater) mit dem eigenen Bild von Akfrika/afrikanischen Frauen: „Are they seen as professionals? Are they given space or power? Are they writing? And are they not playing a role given by someone else?”

She further addressed the issue of otherness: “My neighbour cooks other food because she is from another culture. We can choose to call it ‘exotic, different’ – or we can choose to include it. I want to make a difference!”

Sie verwies auch auf ein Beispiel aus der Theaterwelt: Am Deutschen Theater inszenierte Michael Thalheimer DIE UNSCHULD von Dea Loher, das 2012 eine Blackfacing-Debatte auslöste. Darin spült es zwei Protagonisten, Geflüchtete, – dargestellt von weißen Männern – ans Ufer der westlichen Welt. Die beiden Schauspieler schminken sich schwarz, dicke rote Lippen krönen dieses Zerr-Bild. Eine antirassistische Aktion, »Bühnenwatch«, protestierte lautstark gegen die schwarze Gesichtsbemalung als Blackfacing.

Messner betonte: „Theatre can be imaginary, artistic. But how is it possible, that we don’t find POC to play these roles?” Und sie führt den Gedanken weiter: “Why don’t we ask writers for their stories?“ In her artictic life she wants to build bridges without dismantling the privileges of others but by sharing power. “We need to give artists from other backgrounds the possibility to include their ideas!”

Im Anschluss gab es diverse Nachfragen bzw. Wortmeldungen wie diese: „I like your point, that we are already diverse, but need to talk about inclusion.“ Leite sich daraus ab, noch deutlicher kommunizieren zu müssen, dass alle eingeladen sind? „Ihr seid alle eingeladen, und übrigens: Wir sind barrierefrei.“ Doch wo fängt man an, das explizit zu kommunizeren?

Nina Gühlstorff brachte da ein schönes Beispiel aus der Recherche-Phase: Das „Theater am Faden“ richtete ein Festival aus, in der Einladung dazu hieß es: „Dieses Festival kann man besuchen, ohne Tschechisch, Russisch oder Hindi zu sprechen.“

 

 

 

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