Volks*theater Praxis: Das Herzstück. (Tag 1)

Pro Abend tragen 6-8 Gäste aus der Nachbarschaft ihre Ideen, Beispiele für oder Gedanken über ein neues Volks*theater vor: Musik, Performance, Text, Kritik. (Tag 1: Mittwoch, 26.06.2019)

  1. Beitrag: Teresa Gomez und Willy

Die beiden präsentierten eigene Songs (Singer-Songwriter). Titel: „Dust for freedom“; während seiner Zeit in Ecuador als Freiwilliger schrieb Willy z.B. den Song „The Heat“, den er der Hitze widmete; „Don´t be afraid“; zuletzt performten die beiden ein bluesiges Cover von Guns `n´ Roses` „Sweet Child o mine“.

  1. Beitrag: Martin Zentner– Thema Nachbarschaft, freie Rede

Nachbarn hat man, ob man will oder nicht, daher ist es besser, wenn man sie kennt. Während Festen kann man sich treffen, auf der Straße grüßt man sich. Was kann nun aber Theater machen, dass Nachbarschaft erlebt werden kann?

Seiner Freundin hat er eine Karte für EUROPEAN HOUSE OF GAMBLING auf dem Marienplatz geschenkt, das sie gemeinsam besuchten. Das Casino dieser Vorstellung gab als Einsatz kein Geld, sondern Schlüssel aus. Ein Nachbar, ein Flaschensammler kam vorbei und fragte, was los sei, daraufhin schenkten die beiden ihm zwei Schlüssel zum Spielen. Er setzte diese gleich ein und gewann 33 Schlüssel. Die drei tranken dann als Dank Schnaps miteinander und unterhielten sich noch einige Zeit. Viele Menschen kamen während des Stücks zusammen, lernten sich kennen und erlebten etwas gemeinsam. Martin sieht dies als gelungenes Beispiel, er wünscht sich solche Formate für die Zukunft.

  1. Foto: Dominique BrewingBeitrag: Mehdi Tavoli und seine persische Ma-Gruppe (Ma bedeutet persisch „wir“)

Performance von drei Leuten: Mehdi performte, Frau sang opernhaft im Hintergrund (kein Text) und Mann spielte Saiten-Instrument. Die Vorstellung bestand aus kurzen, atmosphärischen Szenen, die untermalt mit Gesang und Musik dargeboten wurden. [Wiedergegeben wird nicht gesamter Text, sondern zusammengefasste, beispielhafte Szenen, um einen Eindruck vom Stück zu vermitteln.]

Mehdi: Wie viel von mir ist in dir? Wie viel von dir ist in mir?

Ein Tunnel, am Ende ist ein rotes Licht.

Rote Mama, warum wachsen Haare auf meiner Zunge?

Der Zug ist losgefahren.

Frau: 1. Station Sommerland

Mehdi: Die Tür ist geöffnet, die Füße schauen raus. Zwischen meinen Zehen ist Sand.

Frau: Nächste Station lange Nacht.

Mehdi: Der Wind weht. Er tut weh, zieht an meinen Haaren. Auf meiner Zunge wachsen Haare, es tut weh. Ich möchte reden.

Frau: Nächste Station Zauberland.

Mehdi: Der Himmel ist blau. Hier blau. Hier blau. Überall. Das ist langweilig.

Frau: Nächste Station Deutschland.

Mehdi: Mir geht es schlecht. Mir geht es gut.

Papa, du warst auch mal grün. Geh weiter.

Frau: Nächste Station Armeeland.

Mehdi stellt einen Soldaten dar, der mit seinem Vorgesetzten interagiert.

Frau: Nächste Station Traumland.

Mehdi: Es regnet, der Himmel ist grau.

Ein Punkt im Himmel ist grün. Das rote Licht ist weit weg.

Es wird kalt. Es schneit. Der Wind weht. Er nimmt die Wolken weg.

Überall ist es blau.

Mama, ich will meinen Zug wieder.

Wo ist Papa?

Frau: Nächste Station Nirwana.

Mehdi: Triggercontrol.

Mit seinen Händen zeigt Mehdi Figurenspiel: Sein Vater und eine Person aus dem Jenseits sprechen miteinander. Der Vater sagt am Ende: „God bless neverland“.

Protagonist fällt um (Mehdi).

Frau singt.

Mehdi erhebt sich wieder.

Mehdi: Interaction. Wie viel von mir ist in dir? Wie viel von dir ist in mir?

 

  1. Beitrag: Interventionistische Linke

Drei Protagonist*innen verlesen ihr „Theater-Manifest“ (siehe Handout), das Fragen zu Kunst und der Freiheit von Kunst thematisiert.

Kurz vor Schluss wirft eine vierte Protagonistin diesen Text auf einem Stuhl inmitte des Publikums in den Raum, unter die Leute.

 

  1. Beitrag: Marcel und Anette – Abiturient*in

Die beiden performen diverse Szenen (Dialog). [Wiedergegeben werden einige Ausschnitte.]

Anette: Hast Du mich vergessen?

Marcel: Ich weiß nicht mehr.

A: Verweigere Dich, verantwortlich zu sein. Wo warst Du solange? Ich habe dich so lange gesucht und du sagst nichts.

M: Kennen wir uns? Ich glaub es nicht. Komm mal runter, du hast ja Stimmungsschwankungen.

A: Bedeute ich dir nichts mehr?

M: Ich habe den Bezug zur Realität verloren. Kenne niemanden mehr.

A: Bist du völlig durchgeknallt?

M: Dasselbe könnte ich dich fragen. Was machen wir hier eigentlich?

A: Du bist Thomas aus „Maze Ranner“.

M: Du bist Hazel Grace aus „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.

 

A: Du hast den Zombie erlöst.

M: Ich habe meinen Freund getötet.

A: Lass Dich fallen. Jeder Mensch ist ein Künstler, sagt Joseph Beuys.

M fällt, schreit.

M: Es tut so weh. Ich hab Kopfschmerzen. Es scheint, ich werde ein Zombie.

A: Was soll ich tun?

M: Ich weiß es nicht mehr.

A: Wo bist du nur Augustus? Er braucht mich doch.

M weint, liegt am Boden.

M: Du bist das Beste, was mir passiert ist, Hazel Grace.

Er stirbt.

A: Manchmal muss man Menschen loslassen, wenn es für ihn das Beste ist.

 

  1. Beitrag: New English American Theater (Stuttgart) – Charles, Elma und Kissie

Das NEAT ist ein Community-Theater, das Stücke in englischer Sprache anbietet, aus dem Bedürfnis einiger Muttersprachler*innen, die dies in den Programmen vorhandener Theater vermissten. Gegründet wurde es vor 30 Jahren von 12 Theaterbegeisterten. Mittlerweile wirken 65 Schauspieler*innen und Musiker*innen aus 32 Ländern mit. Das Repertoire des NEAT umfasst Diverses, z.B. die Vagina Monologe („V-Day“), ein Format, das Gewalt gegen Frauen anprangert.

Charles, Elma und Kissie zeigen verschiedene Formate, zum einen Songs, zum anderen präsentiert Kissie ihr Gedicht „My skirt“.

Song von Bob Dylan „It Ain´t Me Babe“. (Charles – Gitarre/Gesang, Elma: Gesang/Tambourine).

Ausschnitt aus den „Vagina Monologes“ von Eve Ensler.

My skirt is no invitation.

My skirt has nothing to do with you.

My skirt is the liberation flag in womens army.

Everything under my skirt is mine. Mine! Mine!

Song – Charles und Elma

 

  1. Beitrag: Kurzes Stück zu Arbeitsbedingungen von Künstler*innen/Schauspieler*innen – Darstellerinnen: Dahab Borke und Magda Agudelo, Inszenierung: Carmen Stürmer.

Dunkelheit. Magda sitzt alleine auf der Bühne, Zeitung lesend, zweiter Stuhl ist leer. „Bitte warten“ schallt es mehrmals und zunehmend lauter und schriller aus den Lautsprechern. Die Bühne wird erleuchtet.

Dahab tritt dazu, setzt sich.

D: Ja, das bin ich. Ich bin gekündigt worden.

M: Tut mir leid. Schade. Ich bin auch Schauspielerin. Zwischen 35 und 50 Jahre wird es schwer, Rollen zu finden. Deswegen wurdest du gekündigt.

D: Lüge! Schweinerei! Infam! … Es ist so anstrengend. 6 Wochen Probe, spielen, 6 Wochen Probe… Neun Stücke habe ich gespielt. Die Ensemble-Sprecherin hab ich aufgesucht, über Mutterschutz, Überstunden, Pausenregelung und Mindestgage haben wir gesprochen. Ich musste zum Indentanden, der hat mich gekündigt.

M: Ich bin freie Schauspielerin. Performance, Tanz, Installation…

D: Machen wir auch. Wie kannst du leben?

M: Ich mache Lesungen, Ausstellungen. Wenn ich kein Sommerprojekt habe, arbeite ich als Kellnerin. Ich genieße die Freiheit, es ist aber auch kein Paradies. Ein Projekt stand an, aber es kam keine Rückmeldung mehr. Für mich ist es eine Ehre auf der Bühne zu sein, eine Leidenschaft.

D: Ja, für mich auch. In der letzten Spielzeit hab ich die Medea gespielt. Am Anfang war die Gage gering, da konnte ich mir nicht mal eine Wohnung leisten. Nach drei Jahren ja, aber Urlaub kann ich mir nicht leisten.

M: Ja, sparen, sparen. Kein Urlaub. Komm, wir üben jetzt.

D: Spielt Szene.

M: Mehr Gefühl.

D spielt leidenschaftlicher.

M: Reicht! Nächste!

M spielt, redet.

D: Nicht so viel Gerede!

M heult, spielt heftiger.

D: Größer!

Reicht! Nächster!

Beide spielen jetzt parallel, jede für sich. Die eine telefoniert, die andere hält Monolog. Beide steigern sich immer mehr rein, werden heftiger. Schließlich wenden sie sich einander zu.

 

 

 

 

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