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Vagabundenkongress

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Am 14.06.2014 wurde aus der Wanderpredigt eine nächtliche, urbane Expedition.
Gemeinsam mit den white Rabbitz vagabundierte eine bunte, fröhliche Truppe von der Herberge zu Contain’t nach Bad Canstatt.
Wer sich die temporäre Aneignung der Streckenabschnitte im Zuge der Wanderung; die zeitgleich laufende Spezialsendung; den grandiosen Schilderwald, welcher sich aus Zitaten des Stuttgarter Bürokratie-Wahnsinns speiste, sowie gar die rauschende Festivität im Anschluss entgehen ließ, kann sich nun dank der filmischen Zusammenfassung davon überzeugen, einen grandiosen Abend versäumt zu haben.

Um meine Arbeit feilzubieten, Geld zu machen und zu meiner Zerstreuung bin ich ein paar Tage auf Wanderarbeit in Dänemark. Den Vagabundenkongress muss ich notgedrungen in dieser Zeit verlassen. Eine totale Abwesenheit ist aber kaum möglich: Täglich erreichen mich Mails mit Breaking News: Justin Time ist just at place. Azul Blazeotto und Eduardo Molinari sind keine Kunden, und Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov  üben 15 Minuten Utopie. Es ist was los. Insofern ist meine Wanderarbeit eher EXTENSION OF THE VAGABONDCONGRESS. Ich wandere nach Dänemark, um den Vagabundenkongress in den Norden Europas zu tragen, und ich wandere zurück, um eingesammelte Werte nach Stuttgart zu bringen. Wandern ist nicht wirklich das richtige Wort für meine Reise: Ein Flugzeug fliegt mich nach Kopenhagen, ein Zug bringt mich nach Stuttgart zurück.

Die dänischen Vagabunden, denen ich vom Stuttgarter Kongress erzähle, wollen mehr wissen. Die Schweizer Vagabunden, die ich per Mail auf den neuen Hotspot Europas aufmerksam machen will, reagieren nicht. Schon immer kochen die Schweizer ihr eigenes Süppchen (Zumindest wird dieser Satz von Schweizern ständig wiederholt, und so glauben es alle, auch Unschweizer). Ich interessiere mich eher für die Auseinandersetzung mit dem Kollektiven, die der Vagabundenkongress bearbeitet. Deswegen: Die Schweiz lassen wir jetzt mal aussen vor.

Der Zug rattert.

In Kopenhagen besuche ich eine Arbeit der beiden Vagabunden Anders Paulin und Johan Forsman über den Hochfrequenzhandel. Sie berichten von einer Pilgerfahrt nach Amerika zu den heissen Quellen des Computerhandels, der sich in den siebziger Jahren abgezeichnet hat. Die Hippies und Nerds, die sich per synthetische Drogen in unter- und transbewusste Phantasmen halluzinierten, die Schamanen, die die irdischen mit galaktischen und subzellulären Wesensformen verbanden, arbeiteten alle an derselben Wanderbewegung: Vom Materiellen ins Immaterielle. Der Hochfrequenzhandel findet auf einer Ebene statt, die sich physisch wahrnehmbaren Sinnen entzieht. Geisterwesen kommmunzieren nur durch Medien in Trance. LSD macht die Akzeptanz einer anderen Realität für alle möglich. Der materielle Impact all dieser grenzenlosen Suchbewegungen ist kaum beschreibbar: Alles ist davon betroffen. Die beiden Hochfrequenzvagabunden experimentieren mit Subfrequenzklängen und manipulieren atomare Strukturen von Salz. Ronald Reagen hält 1988 eine Rede in Moskau über die zukünftigen Veränderungen durch das Internet. Welches Geistwesen oder welcher Ghostwriter hat ihm nur diese Worte in den Mund legen können, die wie eine präzise Vision der Technologien, Vernetzungen, Ungleichgewichte und Todesgefahren klingt, die wir heute haben? Butch Cassidy und Sundance Kid sind die  Protagonisten in der Zukunftsvision des ehemaligen Westernheldes Reagan. Im von ihm skzizzierten Globus der dauerflirrenden Zahlenströme reiten, schiessen, töten, fliehen und erobern die beiden Outlaws und folgen nur ihrer Willkür. Mal im Zentrum der Macht, mal am Rand des Sozialen. Immer am Drücker, jenseits des legalen. Gesetze sind nur interessant, solange sie dem eigenen Profit dienen. Ich muss an Akseli Vittannen und „Robin Hood“ denken, die mir wie eine pragmatische Fortsetzung dieses Setups vorkommen: Sie haben die Prämissen von Ronald Reagen akzeptiert: Der Outlaw als einzige Möglichkeit, sich eine akzeptable Existenz zu schaffen. Die Sitzung, die alle Beteiligten mit nackten Füssen, gewärmt von einem feuchtwarmen Waschlappen, verfolgen, endet mit einer spirituellen Auflösung, die mich wieder auf den Boden der Realität bringt: Ich muss arbeiten. An zwei Abenden zeige ich am Theater meinen Beitrag TRUST (Das Theaterfestival heisst „Follow the money“ – und damit könnte der Hungertrieb der Vagabunden gemeint sein: Wo es Geld gibt, wird hingezogen. Wo die Tiere weiden können, wird gelagert). Mit Trust verdiene ich mein Wandergeld und ich werde auch in Stuttgart damit vagabundieren. Deswegen: Wenig dazu.

Ich besuche für einen Tag (Den ich jetzt mal meinen freien Tag nenne) einen Vagabundenkongress in der dänischen Provinzstadt Holstebro („50 Jahre Odintheater“). Hier treffen sich Vagabunden aus aller Welt zu einem kulturellen Austausch. Thaitänzerinnen, Katkaliperformer, Punk-Sentimentalisten und schlechte Michael Jackson-Imitate feiern das weltweit Regionale. Es gibt eine Führung durch einen abgewirtschafteten Schlachthof, dessen stumme Maschinen ihre Funktion als Strafkolonie für Schweine wachhalten. Nach Blut stinkt es auch noch. Dieser Ort soll Kulturort werden, und deswegen sind Künstler die ersten, denen die leeren Räume gezeigt werden. Warum sollen eigentlich immer sogenannt immaterielle Arbeiter die ehemaligen Räume der materiellen Arbeit auffüllen? Gibt es nichts, was hier noch hergestellt werden kann als Kultur, Kunst, Design und soziale Plastik? Plötzlich interessiere ich mich für die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie, die sich doch auch auf dem Werkplatz Welt behauptet hat. Ich bin dafür, dass leere Industriehallen nicht nur auf ihr phantastisches Potential abgeklopft werden – nicht nur auf ein visionäres Szenario – sondern auch auf Lösungen, die von Hand hergestellt werden können und in denen man wohnen oder die man essen kann. Ich möchte Schreiner werden, Maurer, Grundschullehrer oder Hauswart.

Abwesenheit ist eine Illusion. Nicht nur weil der Vagabundenkongress in Stuttgart dauernd mit mir kommuniziert. Überall begegne ich Vagabunden, die in irgendeiner Art und Weise Kongresse veranstalten. Zukunfts- und Verfallsfragen werden jedenfalls bis in den Norden Europas verhandelt. Am Mittagstisch werden der Plan des Tages und ökonomische Engpässe diskutiert, und am Abend wird mit den künstlerischen Mitteln versucht, sozialen Zusammenhalt spürbar zu machen und die Perspektive auf das Schöne im Leben zu richten. Das ist vielleicht das Beste am kulturellen Arbeiten: Auch das Mühsame, Bedrohliche und Grässliche kann dadurch akzeptierbar, sogar schön, selten auch lustig oder zumindest als unausweichliche Notwendigkeit sinnvoll erscheinen. Und was unterträglich bleibt, wird attackierbar.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, unterwegs

In order make some money and for fun I travel for some vagabondage-days to Denmark. This is why I have to leave the vagabond congress for that time. An absolute absence is not possible though. I regularey get emails with breaking news: Justin Time is just at place, Azul Blazeotto and Eduardo Molinare. are no KUNDEN; and Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov try 15 minutes of utopia.  There is something happening all the time. From that perspective I can say that my travel is rather an EXTENSION OF THE VAGABOND CONGRESS. I wander to Denmark to bring the vagabond congress to the norh. And I wander back to bring the collected values back to Stuttgart. „To wander“ is actually not the right term. A plane flies me to Copenhagen, a train brings me back.

The danish vagabonds to whom I talk about the congress want to know more about it. The swiss vagabonds that I inform by email about this new hotspot of Europe don´t´react. Swiss people always „cooked their own soup“ (At least Swiss people repeat this sentence in swiss german all the time – so everyone believes it). I am interested in the investigation of the collective that is being practised by the vagabond congress: So let´s keep Switzerland out of the discussion.

The train rumbles.

In Copenhagen I visit a work on high frequency trades by the two vagabonds Anders Paulin and Johan Forsman. They talk about their pilgrimage to America, to the very hot sources of the computer based trade which where being developped since the early 70s. The hippies and nerds that hallucinated themselves into sub- and transcendental phantasmas, the shamanes that connected earthly to galactical and subcellular spirits, all worked in the same direction of wandering: From the material to the immaterial. High frequency trade is working at a level that is not perceivable with physical senses. Ghosts and angels communicate through medias in trance. LSD creates acceptance for another reality. The material impact of all these endless searching movements is nearly not describable: Everything is affected by it. The two high frequency vagabonds experiment with subfrequence-sounds and manipulate the atomic structure of salt. Ronald Reagan gives a speach 1988 in Moscow on the future changes by the internet. Which ghost or ghost writer has put these words in his mouth? They sound like a precise vision of the technologies, connections, imbalances and death dangers that we have today. Butch Cassidy and Sundance Kid are the protagonists of the new time for the former western hero Reagan. They live, ride and shoot in micro- and macro dimensions of a globe that is permamently blinking with streams and numbers.  Outlaws. For some time in the center of power and government, for some time at the edge of all social boundaries. Always on the run, far from legality. Laws are just interesting when they help the own profit. I have to think of Akseli Vittannen and „Robin Hood“. They seem to me like a pragmatic consequence of Reagans vision: They acceped his premises. The role of the outlaw as the only possibility to create an acceptable form of living.

The feet of the spactators are warmed by a hot humid towel. The session dissolves in  a spiritual ending. I land on the floor of reality: I have to work.

For two evenings I show my work TRUST at the theatre. The theatre festival  is called „Follow the money“ – this could mean the hunger drive of vagabonds. They follow the money, they follow the food.  By doing „TRUST“ I earn my money for vagabonding. I will also present some of it in Stuttgart. Therefore: Not much about it.

For one day (that I dare to call my day off) I visit a vagabond congress in the danish provincial city Holstebro – „50 years of Odin Theatre“. Here, vagabonds of the wohle world meet for a cultural exchange. Thai-dancers, katakhali-performers, punk-sentimentalists and bad Michael Jackson doubles celebrate the worldwide regionality. I attend a guided tour through industrial halls of a closed slaughter-firm. Its mute machines remind the spectator of their function as penal colony for pigs. It smells like death. This place is dedicated to become a place for culture. That is why the city officials show it first to artists. Why the so called immaterial workers should always fill up the former spaces of material work? Isn´t there anything that can be produced here exept culture, art, design and social sculpture? Suddenly I am interested in the history of the swiss watch industriy that could defend its place in the world of material production. Empty industry halls should not just be imagined as a place of phantastic immaterial work, but also as places for things that can be produced by hand. Things to live in or to live from. I would like to become a carpenter, builder, primary school teacher or cleaning guy.

Absence is an illusion. Not just because the vagabond congress is communicating all the time with me and the rest of the world. All over the place I meet vagabonds that organize their congresses. Questions of the future, of rise and fall are being discussed at least from Stuttgart to the high north. At lunch tables vagabonds discuss plans of the day and economic restrictions. In evenings they try to enforce the feeling of social belonging. Then, the perspective is focused on the beauty of life. Maybe this is the finest thing in cultural work: Through it, the annoying, the threatening, the horrible can appear as something acceptable, even beautiful, rarely funny or at least as an unextinctable necessity. And the still unbearable gets an impulse to crash.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, on the road


Abgelaufen: WANDERPREDIGT ZUR VILLA BERG

Am Sonntag den 15.6 machten sich  die Vagabunden erneut auf –
angeführt von Deborah Brinkschulte (Initiative Occupy Villa Berg) ging es diesmal, mit Zwischenstopps am ehemaligen Vidirent & auf dem Urachplatz, zur Villa Berg, wo die STAdTISTEN auf den Südterrassen im Park der Villa zum gemeinsamen Platznehmen einluden.

Unterwegs waren Leerstaende in Stuttgart das Thema, die Ideen und Konzepte hinter plentyempty und dem Leerstandsmelder kamen ebenso zu Wort, wie Vertreter aus der Politik.

Alle diejenigen, die sich den sonntäglichen Spaziergang haben entgehen lassen, können die Wanderpredigt (inklusive der einzelnen Stationen) nun am Rechner nachholen.