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Archiv für den Monat Oktober 2014

Derjenige, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde darin keinerlei Zufälligkeit, nichts Unwesentliches erblicken, sondern eine mathematisch Verkettung von Gliedern sehen, die durch notwendige Gesetze miteinander verknüpft sind.
»Ach, wäre das schön!« sagte Pécuchet.

Bouvard und Pécuchet, Kapitel 8, S. 256

Jan und Armin richteten sich gemütlich ein und versuchten, die Grenzen zwischen Glauben und Wissen am atmosphärischen Raum des Theaters festzumachen. Das, was zwischen Darsteller und Zuschauern geschieht, umfasst beileibe mehr als das gesprochene Wort und die szenische Darstellung. »Doch braucht es die Metaphysik, um die besonderen Momente des Theaters zu erklären?« wirft Jan ein. Ihm reiche die ganz normale Physik.

Zunächst lauschen sie einer alten Aufnahme aus den 1950ern – Hanns Eisler philosophiert in beeindruckender Weise über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Die Kybernetik! Sie würde es ermöglichen, das Kreative des Schaffens auf einen mechanischen Prozess zu reduzieren. Ist das so? Ein halbes Jahrhundert später erscheint das nicht mehr relevant, denn noch hat kein Computer den menschlichen Intellekt erreicht. Eine Sackgasse.

Die beiden genießen die Freiheit, im Rahmen des Labors Gedanken zu erschaffen, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Während Jan als Kurator das so intendierte, muss Armin sich daran gewöhnen. Was ihm zunehmend besser gefällt. Diese Arbeit – fast ohne Betrachter – stellt den Humus dar, aus welchem neues, kreatives Schaffen erwachsen kann und soll.

Also weiter. »Kann der Künstler ein Werk erschaffen, das nicht mehr interpretierbar ist?« wirft Jan ein. »Niemals, alles ist interpretierbar, da der Zuschauer per se immer subjektiv ist.« Aber wie verhält es sich mit jenen Künstlern und Performern, die auf Zuschauer weitgehend verzichten? Jan hebt hervor, dass gerade sie oftmals den bedeutendsten Einfluss auf die Entwicklung des Theaters haben. Damit hat Armin kein Problem. Er verweist auf die Wissenschaft. Beobachtungen an Affen legen nahe, dass sie lokal unabhängig Verhaltensweisen voneinander erlernen können. Chemiker berichten, dass schwer herzustellende komplexe Verbindungen im Labor sich bei Wiederholungen leichter bilden. Und dass es bekannt ist, dass Erfindungen an mehreren Orten der Welt völlig unabhängig voneinander immer wieder zur selben Zeit gemacht werden. »Und im Okkultismus ist es sowieso keine Frage, dass alles miteinander verbunden ist« erläutert Armin. Nichts können der Einzelne tun, ohne das Gesamte zu beeinflussen. Ein am Ufer des Ozeans in das Wasser geworfener Stein berührt den gesamten Ozean.

Also wirkt sich die Kunst aus, auf alles, was ist – ob sie will oder nicht. Auch wenn sie im stillen Kämmerlein erschaffen und nicht dem gemeinen Zuschauer exponiert wird.

Nun aber zurück zum Thema – was ist dieses Atmosphärische Element im Theater, das uns so beeindrucken kann, dass wir es, einmal erlebt, nie wieder vergessen werden? Engagiert versuchen die beiden, tiefer zu dringen, das Problem einzugrenzen. Was schwingt da in so beeindruckender Weise?

Jan bringt sein Überlegungen auf den Punkt. »Es ist die körperliche Anwesenheit, die Verletzbarkeit, die bloße physische Gegenwart, die Möglichkeit der direkten Konfrontation, welche die Empfindungen über das gesprochene Wort hinaus ermöglicht!« versteht Armin Jans Ausführungen. Ein Gedanke, der nicht von der Hand zu weisen ist, vergleicht man das Erlebnis eines Live-Orchesters mit dem Hören einer digitalen Konserve.

Armin sieht den Zeitpunkt gekommen, das Problem aus der inneren Sichtweise zu betrachten. Er zitiert Die Geheimlehre von Helena Petrovna Blavatsky. Sie stelle drei fundamentale Grundsätze auf, welche das Fundament der gesamten alten Weisheitslehren darstellen.

Der erste der Grundsätze postuliere ein ewiges, unerkennbares und ursachloses Prinzip, das über jegliche Spekulation erhaben sei. Lao Tse nenne es das Tao, in der Theosophie hieße es die Ursachlose Ursache, es werde auch Jenes genannt oder Tat, von den Hindus werde es als Paramatman (Param=über und Atman=Geist, Selbst) bezeichnet. Der zweite der Grundsätze habe besonderen Bezug zur Frage. Er besage, dass die gesamte Schöpfung und alles, was darin enthalten sei, zyklisch entstehe und vergehe. Somit sei alles, was ist, eine Form von Schwingung. Der dritte Grundsatz stelle die fundamentale Identität aller Seelen mit der einen Oberseele fest, was bedeute, dass sämtliche Monaden einer Schöpfung, vom kleinsten atomaren Teilchen bis zum größten vorstellbaren Universum und darunter- und darüberhinaus dasselbe Bewusstsein teilen und daher essenziell eins seien.

»Das bedeutet«, führt Armin weiter aus, »dass wir mehr sind als unsere Körper. Fein abgestufte Ebenen von der niedersten physischen Manifestation bis zum höchsten, feinstofflichen Geist machen die Gesamtheit des Menschen aus.« »Wir begegnen«, so argumentiert er, »uns also auf vielerlei Ebenen gleichzeitig. Nicht durch die Begrenztheit unserer physischen Sinne geblendet, könnten wir das Ganze leichter erkennen«. Und diese Bereiche jenseits der von unseren physischen Sinnen wahrnehmbaren Schwingungen mache die Einheit für uns in besonderen Situationen erfahrbar.

Die Argumentation verfängt nicht bei Jan. Er brauche die »Esoterik« nicht, um zu verstehen, das in einer Gruppe von Zuschauern etwas entstehen kann, was mehr ist als die Summe seiner Einzelteile.

So kommen sie nicht weiter. Oder doch? Haben sie nicht intensiv Gedanken ausgetauscht, Sichtweisen des anderen betrachtet, eigene dargestellt, nach Übereinstimmungen und Unterschieden gesucht? Haben sie nicht wundervolle und seltsame Übereinstimmung gefunden in vielerlei betrachteten Punkten, obwohl doch die Herangehensweisen und Denkschulen so unterschiedlich sind? Auf der Grundlage einer hohen Ethik – nämlich des gegenseitigen Respekts und die Unterlassung des Versuchs, den jeweils anderen von den eigenen Ansichten zu überzeugen – arbeiteten sie an der Frage im intensiven Diskurs.

Die Atmosphäre war offen und fruchtbar – und so konnte am Schluss auch noch ein Hauch des betrachteten magischen Momentes im Theater durch den Raum schwingen. Und zwar gerade da, als Armin zum Ende mit einem Zitat aus der Bibel aufwartet: »Hat nicht Jesus gesagt« zitiert er, »wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter euch?« 

Zufrieden gehen die beiden auseinander, nicht ohne schon das nächste Laborgespräch vereinbart zu haben. Am 30.10. werden sie die Landkarten des Denkens erneut aufschlagen und nach Pfaden forschen, wie die unterschiedlichen Stimmen im Menschen zu ergründen seien.

 

 

Armin

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Armin Zebrowski und ich haben uns am gestrigen Donnerstag (23.10.) für 2 Stunden zum Debattieren im Labor verabredet. Es sollte um Schwingungen gehen. Ich hatte angeboten, über Schwingungen im Theater zu sprechen – eines meiner Lieblingshaßthemen meiner zugegebenermaßen nicht allzu langen Schauspieltheaterkarriere. Armin war sofort begeistert, denn Schwingungen gehören zu seinem Lieblingsthema. Der zweite Grundsatz der Geheimlehre von Blawatsky besagt, sehr frei von mir aus der Erinnerung zusammengefasst, dass alles Sein in periodischen Schwingungen auftritt oder sich entwickelt. Angekündigt hatten wir das Thema als „Schwingungen im Theater“, was ja auch wieder stimmt, denn wir sind in einem Theater.

Armin und seine Frau Petra trafen eine halbe Stunde vor Laboröffnungszeit ein und begannen ziemlich umstandslos, Stühle aufzustellen, den Tisch zu präparieren. Armin hat ein großes Talent, seinen Arbeitsethos mit Freundlichkeit so zu kombinieren, dass man gar nicht mehr merkt, wenn man von ihm zur Sache gebeten wird. Auch bei unseren bisherigen Treffen legte er immer eine Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit in der Sache an den Tag, ohne dabei pedantisch oder ungeduldig zu wirken. Die Sache ist unser Forschungsauftrag. Dass ihm dieser nach wie vor nicht gänzlich klar ist, was ich ihm nicht vorwerfe, hat ihn bisher nicht daran gehindert, sich mit Ernsthaftigkeit und Fleiß in diese Sache zu werfen. Zu unserem ersten Treffen mit Dominic Oley kam Armin jedenfalls mit dem mit Abstand dicksten Leitzordner von uns dreien.

Armin und ich hatten uns vorbereitet. Ich referierte ein bisschen über meine Sicht auf das Theater als Kunstform und meine Kritik an der Esoterik des Theaters, wie ich es nannte. Ich habe mich dabei ziemlich in einen kulturwissenschaftlich aufgejazzten Dramaturgenjargon hineingeschraubt, sogar einen uralten sehr ambitionierten Text von mir aus der Berliner Gazette zitiert, allerdings gegen Ende meiner Ausführungen den argumentativen Boden etwas unter den Füßen verloren. Armin hörte zu jedem Moment derart aufmerksam zu, dass ich zwischendurch zweifelte, ob es Interesse oder Freundlichkeit war, die ihn an meinen Lippen hängen ließen.

Armin antwortete mit einem Exkurs über die Grundregeln der Geheimlehre, die er aus einem schon alleine visuell sehr imposanten uralten Buch vortrug.

Die Frage, die wir eigentlich behandelten, lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Gibt es ein Mehr der theatralen Kommunikation, und wenn ja, was ist das und woher kommt es? Eine Qualität der Erfahrung, die über das Drama und über die reine Anwesenheit als Zuschauer hinausgeht. Dabei sind wir eigentlich nur am Rande auf das Theater als ästhetischen Vollzug auf der Bühne eingegangen, was mir sehr recht war. Stattdessen ging es eher um Fragen von Kommunikation zwischen Gruppen von Menschen, um das Publikum eher als um die Schauspieler.

Komischerweise, obwohl wir beide der christlichen Religion eher fern stehen, hat Armin das, worum es uns ging gegen Ende mit einem Bibelzitat ganz schön zusammengefasst: „Wo zwei oder mehr in meinem Namen versammelt sind, bin ich unter Euch.“ Mir ist später erst eingefallen, dass der amerikanische Theaterwissenschftler Paul Carter Harrison die richtige, oder vielmehr seine, performative Poetik mir gegenüber mal so zusammengefasst hat: To bring the gods into the house. Es ging also eigentlich um Qualitäten des Zusammenseins, und Gott steht hier für dieses Mehr, das ich oben erwähnt habe.

Armin spricht von Schwingungen. Das ganze Universum schwingt. Aber ich muss gestehen, dass mir nach zwei Stunden angeregter Diskussion nicht klar geworden ist, warum man von der Erfahrung erhöhter Präsenz während einer Theateraufführung (etwas was übrigens selten genug passiert, aber ich immerhin schon erlebt habe), auf die Schwingung de Universums kommt. Mir schien es immer ein bisschen so, als würde Armin mit metaphysischen Kanonen auf meine materialistischen Spatzen schießen. Wo ich von körperlicher Nähe, Verletzlichkeit, Verantwortung, Physis rede, spricht Armin von Schwingungen, Ewigkeit und okkulten Kanälen. Ich kann gar nicht sagen, dass all das nicht stimmt oder was daran wahr oder unwahr sein soll. Es scheint mir nur ein komischer Umweg zu sein, bei dem Versuch Erlebnisse zu Erfahrungen zu organisieren (wie Negt und Kluge es sagen) – also brauchbare, nützliche Erkenntnis zu gewinnen.

In diesem pragmatischen Erkenntnisansatz sind wir uns übrigens, neben vielen anderen Dingen, einig. Und das machte die Diskussion dann wieder extrem wertvoll und inspirierend. Denn Armins Okkultismus leistet sich meines Erachtens keine Abgehobenheit und Weltvergessenheit. Er ist bei allem raunenden Jargon doch gleichzeitig erfrischend diesseitig und pragmatisch und (darin) ausgesprochen humanistisch.

JP

Jeder sollte glauben dürfen, was er glauben will, wie Armin Zebrowski immer wieder betont. Spiritualität ist Privatsache und muss es sein – sagt Armin Zebrowski. Aber liegen spezifischen spirituellen Orientierungen spezifische psychologische Dispositionen und ehtische Werte zugrunde, und wie manifestieren sich diese Dispositionen in der gelebten Spiritualität der Menschen? Und lässt sich von diesen auf politisches Handeln oder zumindest politische Einstellungen schließen? Dann wäre Spiritualität immer noch Privatsache, aber sie wäre gleichzeitig nicht nur politischer Seismograph sondern würde selbst wieder politisches Verhalten beeinflussen. Die Ethik beeinflusst die Spiritualität und die Spiritualität beeinflusst die Ethik. Was folgt daraus für einen spirituellen Liberalismus?

Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf hat in der FAZ einen Essay über die Folgen absolutistischen Denkens geschrieben. Unter dem zugegebenermaßen reißerischen Titel: Mord als Gottesdienst.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/religion-und-gewalt-mord-als-gottesdienst-13084596.html

JP

Der Theosoph Armin Zebrowski und der Kurator J.P. Possmann laden an ausgewählten Abenden das Publikum ein, gemeinsam im Labor Zweifel zu säen und Gespräche zu ernten. Nach Bouvards und Pecuchets Devise, alles jederzeit zu hinterfragen, präsentieren Zebrowski und Possmann jeweils einen Grenzfall des Wissens, nehmen Besucherwünsche entgegen und diskutieren alle Themen aus materialistischer und spiritueller Perspektive. Erkenntnis und gepflegte Getränke – Spezialisiert auf okkulte Erfahrungen, ethische Dillemmata und existentielle Zweifel.

23.10. – 18:00 – Über Schwingungen im Theater

30.10. – 18:00 – Über innere Stimmen

weitere Termine auf Anfrage!

Bouvard und Pecuchet machen sich fit. Die vorangegangenen schmerzlichen Erfahrungen müssen abtrainiert und ausgeschwizt werden. Doch der sportliche Eifer währt nicht lange, und sie kommen wieder ins Grübeln. Durch einen Zufall werden sie zu einer spiritistischen Seance eingeladen. Wie es ihre Art ist, werden sie bald zu Experten der neuen Moden des Spiritismus, der Wunderheilung und der Hypnose. Sie behandeln Kranke, Menschen und Tiere, und haben sogar einigen Erfolg. Aber natürlich bleiben sie skeptisch. Das Dorf mögen sie beeindrucken, ihren eigenen Zweifel nicht. Was ist das eigentlich die Materie? Was ist der Geist? Bouvard und Pecuchet lesen die Klassiker der Philosophie und der Metaphysik, verlieren sich in Gottesbeweisen und uralter Mystik. Je länger sie forschen, desto haltloser werden sie: „Es war ihnen als trieben sie nachts durch eine eisige Kälte in einem Ballon, fortgerissen in endloser Fahrt, einem Abgrund von bodenloser Tiefe zu – rings um sie her nichts als das Unfassbare, Regungslose, Ewige. Das war zu viel für sie. Sie gaben es auf.“

Lieber wenden sie den Blick nach Innen. Sie erforschen ihr Bewusstsein. Doch sie sind überrascht, wie wenig Interessantes sie da finden.

Es läuft nicht gut für die beiden heroischen Dilettanten. Immer tiefer denken sie sich in die Krise hinein. Das Dorf ist ihrer längst überdrüssig, alles ziehen sie in Zweifel, keine Gewissheit lassen sie unberührt. Dabei haben sie es selbst längst satt. „Das berühmte cogito ödet mich an!“ ruft Bouvard aus. Doch was können sie tun. Sie ertragen nun mal die Dummheit nicht.

Bouvard und Pecuchet beschließen zu sterben. Warum auch nicht? Intellektuell spricht nichts dagegen. Doch im letzten Moment fällt ihnen ein, dass sie kein Testament gemacht haben…

 

JP

After leaving Stuttgart, Anne Mareike Hess and Miriam Horwitz moved on to Malmö, where they completed their latest production „Palais Ideal“ during a residency at Inkonst theater. The work was influenced by their residency in the laboratory of Bouvard & Pecuchet 3000 and their cooperation with Prof. Holger Sonnabend. The production premiered at Inkonst on April 12. 2014.

JP