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Kathrin Röggla im Interview über das Betrachten und Aushandeln als demokratisches Grundmoment

Worum geht es im Kern in Ihrem Stück?

Im Stück geht es gar nicht so sehr um den realen, historischen NSU-Prozess, sondern um die Perspektive der Gerichtsöffentlichkeit, die nicht unmittelbar beteiligt ist, um die Erwartungen, die Hoffnungen, also die Beurteilung des Prozesses von außen durch diejenigen, die nicht direkt verwickelt waren. Die direkt Betroffenen fragten sich natürlich auch: Warum musste mein Vater, mein Bruder, mein Sohn sterben? Wie kam es dazu, dass das nicht verhindert wurde? Und alle stellen die letztlich ganz konkrete Frage: Wie kann es sein, dass diese Terroristen 13 Jahre lang mordend und bombend durch Deutschland ziehen konnten, unentdeckt? Ja, wo leben wir denn eigentlich? – Was kann das Gericht also in so einem Fall ausrichten? Was erwarten wir, dass es ausrichten solle?

Warum ist das Gericht in der Öffentlichkeit so wichtig geworden als Ort der Wahrheitsfindung?

Zunächst einmal sagt diese Hoffnung aus, dass es ein Versagen aller anderer aufklärerischen Instanzen ist – ob in der polizeilichen Ermittlung oder in der Berichterstattung – das ein Misstrauen gegenüber den Medien und den Behörden geschürt hat und dadurch letztlich auch gegenüber dem politischen Prozess. Das Gericht gilt vielen noch als letzter neutraler Ort, der vermeintlich über den Dingen steht. Und durch seine Autonomiebestrebung auch als nicht in ideologische Kämpfe verwickelt, die die Gesellschaft derzeit spalten.

Was war die Grundmotivation für dieses Stück?

Zum einen der konkrete Gerichtsbesuch. Ich war in den letzten beiden Gerichtsjahren zahlreiche Male dort und war doch sehr erstaunt über die soziale Situation und das Procedere dort, selbst für gerichtserfahrene Personen war das schon eigentümlich. Das gibt es ja nicht oft, fünf Jahre Strafprozess, der partout kein politischer Prozess sein möchte mit diesen gewaltigen Hindernissen. Darüber hinaus interessiert mich das Gericht als gesellschaftlicher Ort. Das Juristische als Herrschaftstechnik wie als politischer Hebel. Seine Behauptung als autonom ist demokratietechnisch sehr spannend.

Inwiefern?

Weil es uns erzählt, dass wir eine Sehnsucht nach Neutralität entwickelt haben, nach einer Instanz, die vermeintlich über den Dingen steht. Das Gericht gibt sich als unpolitisch, und ist das historisch gesehen auch relativ, aber keine demokratische Instanz kann sich ganz frei vom Politischen machen. Gerade bei einem Prozess, der sich mit rechtsextremem Terror auseinandersetzt, wirkt dieser Versuch mehr als bizarr.

Wie hat es sich in den Anfängen und wie seit damals entwickelt?

Ich habe im Umfeld des Prozesses mit einigen Menschen gesprochen, die direkt verwickelt waren in den Prozess und mit zahlreichen, die das beobachtet haben, oder für die Untersuchungs-ausschüsse gearbeitet haben, auch mit Medienvertreter*innen. Ich habe sehr sehr viel dazu gelesen, weil es ein unglaublich rechercheintensives Projekt war. Aber so etwas darf den Theaterabend dann ja nicht ersticken. Dass man vor lauter Details nicht mehr weiß, worum es eigentlich geht. Es war insofern ein ständiges Hineintauchen in das durchaus sehr komplexe Geschehen und wieder Abstand nehmen, auf der Suche nach einem eigenen Punkt. Was hat das mit mir zu tun? Warum fasziniert mich das? Wo schockiert es mich? Wer bin ich, die ich darüber schockiert sein kann? Ganz konkret habe ich den ersten Entwurf 2019 bis Anfang 2020 geschrieben und es dann, als die Pandemie seine Uraufführung verhinderte, liegen gelassen. Vielleicht war das gar nicht so schlecht. Denn als ich es im Herbst 2021 wieder in die Hand nahm, hat sich nicht nur gesellschaftlich einiges verändert, ich hatte auch einen anderen Abstand zum Prozessgeschehen und habe noch viel daran gearbeitet. Mir wurde klar, dass es hier mehr um einen Kampf um demokratische Werte geht, als ich 2019 noch angenommen hätte.

Ensemble | Foto: Martin Kaufhold

»Verfahren« ist bei aller kritischen Betrachtung des betreffenden Strafprozesses unbedingt als Plädoyer auf Rechtsstaatlichkeit zu lesen. Können Sie das noch etwas weiter ausführen?

Wir leben in einer Zeit, in der Rechtsstaatlichkeit sehr angezweifelt wird, und gerade deswegen hielt ich es für eminent wichtig, sehr deutlich zu machen, dass sie aber die Basis der Demokratie darstellt, und ich mich nicht auf die Seite derer stellen möchte, die da leichthin diese wichtige Errungenschaft in Frage stellen. Dass die Verfahren hier nicht sehr weit reichen konnten, darf man den Verfahren nicht alleine anlasten, sondern sollte sich vielleicht um Alternativen der Aufarbeitung kümmern, oder sich an die Behörden wenden, die direkt Mist gebaut haben. Dennoch muss Kritik auch am Prozess möglich sein, auch aus Laien perspektive, denn das Gericht hat nicht umsonst eine Gerichtsöffentlichkeit. Es gibt da keine einfachen Antworten.

Ihre Gerichtsöffentlichkeit hat daher auch nicht nur eine Stimme.

Ja, die Multiperspektive ist ja eine ureigenste Theaterangelegenheit. Wo es Figuren gibt, gibt es verschiedene Perspektiven. Bei der gerichtlichen Aufarbeitung der Verbrechen des NSU ist es natürlich klar, dass das Prozessgeschehen spalten muss, weil es den Erwartungen durch die Art des Verfahrens nicht gerecht werden konnte. Zuviel wurde versäumt in dem ganzen Ermittlungsvorgang, der ja schon viel früher ansetzt als der Prozess. Das war ja ein 13-jähriges Leben im Untergrund. Die Versäumnisse erzählen uns sehr genau, wo Bruchstellen in unserer Gesellschaft sind: Institutioneller Rassismus, ungenügende Zusammenarbeit der Behörden, Verwicklung der Behörden durch die Art der Arbeit, zu unklare Durchsetzung demokratischer Standards, kein Schutz der wirklich Schutzbedürftigen. Da könnte jede Figur eine andere Geschichte erzählen. Insofern muss es die Multiperspektive hier geben. Die richtet sich natürlich auch in die Zukunft. Was erhoffen wir, und mit wem sprechen wir eigentlich, wenn wir Kollektiv sagen? Das ist derzeit sehr unterschiedlich.

Ensemble | Foto: Martin Kaufhold

Inwiefern hat die Pandemie sich auf den Stoff ausgewirkt – mit welcher Gesellschaft haben wir es verglichen mit damals und bezogen auf den »Verfahren«-Stoff heute zu tun?

Das Erschütternde ist, dass gesellschaftliche Spaltung so drastisch vorangeschritten ist. Rechtsextremismus konnte sich normalisieren, ihre Vertreter*innen marschieren Seite an Seite mit Kritiker*innen der Coronapolitik der Regierung. Es herrscht doch einiges mehr an Misstrauen gegenüber den gewählten Politiker*innen und insofern gegenüber dem »System«, was auch immer damit im konkreten Fall gemeint ist, und somit eine pauschalisierende, antisemitisch konnotierte Vorwurfshaltung. Es wird nicht mehr genau hingesehen, sondern immer »die Medien« oder »die Politik« verurteilt und dann mit drohendem Vokabular versehen – hate mails gehören ja heute zur Tagesordnung. Aber Gottseidank, und das muss man auch sagen, geht es noch nicht in eine reale Mehrheit oder eine wirklich relevante gesellschaftliche Größe hinein, es ist eine Minderheit, die sehr laut aufzutreten versteht. Aber das ist gefährlich, weil die den medialen Diskurs vor sich hertreibt und auch sprachlich den Diskurs verändert.

Welchen Umgang mit Ihrem Stück wünschen Sie sich?

Es ist ein Stück, das Balance benötigt. Nicht nur zwischen den Positionen, sondern auch zwischen ästhetischen Mittel. Mut zur Länge wäre hier angebracht. Es ist ein Stück, dass es auch mit dem Nachdenken über das Publikum aufnimmt: Wer sind wir hier als Zuschauer*innen? Es wäre schön, wenn die Komik zum Vorschein käme, die auch darin liegt. Denn ohne sie sind wir verloren.

Das Interview führte Bettina Schuster-Gäb.

Nach einem langen Recherchesommer durch niedersächsische Fleischgefilde entstand im Rahmen der FREISCHWIMMEN-Residenz am Theater Rampe die konkrete Vision und Dramaturgie für unsere interaktive Fest-Aufführung FLEISCH. Aus unzähligen Stunden Audiomaterial von Gesprächen mit Schweinebauern, Fleischarbeiter*innen, Zukunftsforschenden oder Grillmeistern sammelten wir unsere Perlen und zentralen Fragestellungen zusammen um sie auf der Probebühne auszubreiten und aus ihnen schlau zu werden. 

“Fleischfragen sind Beziehungsfragen!” / War Prometheus eigentlich der erste Grillmeister, als er den Menschen das Feuer brachte? / Klee ist das neue Beef des starken Mannes! / “Es ist das Schicksal des Menschen, das er von getöteten Seelen lebt.” 

Bei einem Teamausflug ins Fleischermuseum in Böblingen spielten wir leider kein Wurstaufschnitt-Memory, sprachen dafür aber viel mit Museumsleiter Christian Baudisch, zum Beispiel über den Humor, den es braucht, um verschiedene Meinungen zu einem polarisierenden Thema wie FLEISCH zu versammeln; im weltgrößten Schweinemuseum wühlten wir uns durch mehrere Etagen Schweinewelten, um danach Käsespätzle im ehemaligen Schlachthof zu essen, an einem sinnlichen Grill-Nachmittag versuchten wir uns selbst im Wursten, kochten vegane Blutsuppe, übten einen Schlacht-Fest-Kanon und entwickelten Strategien für den Umgang mit den Interview-Audios. Zwei intensive und produktive FLEISCH-Wochen sind zu Ende, danke an das Theater Rampe und bis bald! 

Das Fleischermuseum in Böblingen

Bei WUNDERLAND begeben sich die apokalyptischen tänzerin*nen gemeinsam mit der feministischen Influencerin Alice auf einen musikalischen, performativen Roadtrip. Im folgenden beantwortet das Kollektiv einige Fragen zum Stück.

Mit diesem Stück geht die Zusammenarbeit des Kollektivs mit Mugetha Gachago (*2009) in die dritte Runde. In diesem ersten Stück des Stuttgarter Autors steht der Ort Wunderland im Mittelpunkt. Dort ist nichts, wie es scheint und vieles ver-rückt. Ver-rückt ist hier ganz wörtlich gemeint – etwas aus dem Zentrum verschoben, nicht ganz zentriert. Gemeinsam mit der Komponistin Sara Glojnarić entwickelt Gachago eine, das Bühnengeschehen begleitende, unterwandernde, überschreibende, Symphonie des Alltags.

Was können die Zuschauer*innen vom Stück erwarten – eine moderne Alice-im-Wunderland-Geschichte?

Es steckt natürlich viel mehr dahinter. Für WUNDERLAND leiht sich der Autor Mugetha Gachago Figuren und Teile der Handlung des Weltbestsellers „Alice im Wunderland“. Er überschreibt diese Vorlage mit neuen Assoziationen, reichert sie an, um auf der Schablone etwas über das Erleben der Realität zu erzählen. Gachagos Text stellt binäre Moralvorstellungen in Frage. Gut und Böse werden ad absurdum geführt und in ihrer Antiquiertheit entlarvt.

 Woher stammt die Idee für dieses Stück?

Das ist unsere dritte Zusammenarbeit mit Mugetha Gachago und die erste bei der er als alleiniger Autor auftritt. Zurück geht diese Aufteilung auf ein Gespräch nach following mo, einem subjektiven Stadtspaziergang durch Stuttgart, bei dem sich Mugetha Gachago als Autor zu erkennen gab. Wir, die apokalyptischen tänzerin*nen hatten bis dahin noch nie mit einer externen Autorin*nen Position zusammengearbeitet und diese Erfahrung reizte uns. Gachago traf die Wahl, „Alice im Wunderland“ zu bearbeiten und entschied sich aber von vornherein für WUNDERLAND als Titel, um zumindest subtil zu erkennen zu geben, dass es sich um eine Bearbeitung handelt.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Mugetha Gachago zustande?

Wir haben uns im Rahmen eines Kostümworkshops kennengelernt. Für unser Projekt forever apocalyptic (2018), haben wir Kinder eingeladen, Kostüme von ausgestorbenen Tieren für uns zu designen. Mugetha Gachago hat die Vorgabe sich als Art Director zu sehen direkt verstanden und entsprechend Aufgaben sehr gut delegiert. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und so kam es dann zu dem Projekt following mo.

In der Stückbeschreibung heißt es, WUNDERLAND sei aus dem Zentrum verschoben und nicht ganz zentriert. Was ist damit gemeint?

Einer der ersten rahmengebenden Sätze, die Mugetha Gachago mit uns geteilt hat zu Wunderland war: „Nichts ist, wie es scheint.“ Damit ist gemeint, dass nichts eins zu eins unseren Erwartungen entspricht, gut ist mindestens genauso viel böse, und manche Dinge stehen einfach Kopf, zumindest im Verhältnis zu unserer Realität – denn in Wunderland ist Autofahren etwas richtig Gutes.

Welchen Sinn hat die Blume des Lebens im Stück, die hier Gegenstand der Suche ist.

Von der Blume des Lebens ist das ganze Leben Wunderlands abhängig. Dementsprechend gibt es ein übersteigertes Interesse an ihr. Die Suche nach ihr treibt die Geschichte voran. Gleichzeitig führt sie ein ausschweifendes Eigenleben, ist Mutter und hält den Burger-Rekord.

Für welche Zielgruppe ist WUNDERLAND?

Die Anfangszeiten sind sehr unterschiedlich, weil wir ein möglichst breit aufgestelltes Publikum ansprechen wollen. Die Altersempfehlung ist ab 10 Jahren, aber das Stück ist nicht explizit oder ausschließlich für Kinder. Außerdem gibt es am 4. Dezember vor der Vorstellung eine Bühnenbegehung/Touchführung und einen Artist Talk für blindes und sehbehindertes Publikum.

Foto: Dominique Brewing

In Koproduktion mit FREISCHWIMMEN – eine Plattform für Performance und Theater von brut Wien, FFT Düsseldorf, Gessnerallee Zürich, HochX München, LOFFT – DAS THEATER Leipzig, Schwankhalle Bremen, Sophiensæle Berlin und Theater Rampe Stuttgart. In Kooperation mit dem Theater Rampe und dem Theaterhaus Stuttgart.

Freischwimmen
  • You are between 8 and 11 years old?
  • You speak English fluently?
  • And you would like to act in a play?

Then we’re looking for you!

You will be part of the performance TWO ADULTS AND A CHILD at Theater Rampe in Stuttgart, in which two adults and one child play on stage. The play is about the relationship between children and adults and how children see the adult world. You don’t need any previous stage experience to participate. The only important thing is that you are curious and want to get a taste of theatre.

More information for you (and your parents):

The special thing about the piece is that every show invites three new performers who are unrehearsed. The piece is created anew every evening.

That’s how it works:

  • We invite you to Theater Rampe to get to know you personally.
  • You will also receive a short introduction by phone or online with the director Ant Hampton who will tell you all about the play.
  • You will perform on one of the following dates: October 28 – 30. Or November 5 + 6, each at 8 pm. The show lasts about an hour.

The performance takes place at Theater Rampe, Filderstr. 47, 70180 Stuttgart.

Please find further information on our website:
theaterrampe.de/stuecke/two-adults-and-a-child

If you are interested, please contact Siri Thiermann by Tuesday, 12.10.2021: thiermann@theaterrampe.de, Tel. 0711 62 00 909 22

Kinder für Theaterstück gesucht!

  • Du bist zwischen 8 und 11 Jahre alt
  • sprichst fließend Englisch
  • und hast Lust, mal auf der Bühne zu stehen?

Dann suchen wir genau Dich!

Und zwar für die Performance TWO ADULTS AND A CHILD im Theater Rampe in Stuttgart, bei dem zwei Erwachsene und ein Kind mitspielen. Im Stück geht es um die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen und darum, wie Kinder die Erwachsenenwelt sehen. Um mitzumachen brauchst Du keine Vorerfahrung. Wichtig ist nur, dass Du neugierig bist und Lust hast, Theaterluft zu schnuppern.

Weitere Infos für Dich (und Deine Eltern):

Das Besondere am Stück ist, dass jede Vorstellung von anderen Darsteller*innen gespielt wird und dass das Stück jeden Abend neu ohne Proben entsteht.

Der Ablauf                                

  • Wir laden Dich einmal ins Theater Rampe ein, um Dich persönlich kennenzulernen.
  • Außerdem erhältst Du telefonisch oder online eine kleine Einführung mit dem Regisseur des Stücks, Ant Hampton, der Dir alles über das Stück erzählt.  
  • Du trittst an einem der folgenden Vorstellungstagen auf: 28.10., 29.10., 30.10., 5.11. oder 6.11.2021, jeweils um 20 Uhr. Das Stück dauert ca. eine Stunde.

Die Vorstellungen finden statt im Theater Rampe, Filderstr. 47, 70180 Stuttgart.
Weitere Infos zum Stück gibt es auf unserer Website:
theaterrampe.de/stuecke/two-adults-and-a-child

Wenn Du Interesse hast, melde Dich bis Dienstag, 12.10.2021 bei Siri Thiermann:
thiermann@theaterrampe.de, Tel. 0711 62 00 909 22

Wir freuen uns auf Dich!
Dein Theater Rampe

Wir gehen bald.

Was wollen wir hinterlassen?

Was kommt dann?

Bleibt alles beim Alten?

Oder was sortiert sich neu?
Wer sortiert was neu?

Der Leitungswechsel am Theater Rampe 2023 steht an. Aus zwei rassismuskritischen Workshops in den vergangenen 15 Monaten entstand der Wunsch des Rampe-Teams nach einer langfristigen Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, Rassismus, Klassismus und generellen Öffnungsprozessen.

Das betrifft auch die Frage nach Leitungsmodellen (und den vorausgegangenen Entscheidungsprozessen). Wir haben uns entschieden, den anstehenden Leitungswechsel als offenen, transparenten Modellprozess zu gestalten, um gemeinsam zu lernen, Wissen zu generieren und dieses auch weiterzugeben. Ein Beitrag zur Debatte. Ein Experiment zur gesellschaftlichen Veränderung.

Gemeinsam mit der Prozessbegleiterin Handan Kaymak arbeiten wir seit April 2021 für die verbleibenden zwei Jahre an den genannten Themen. Zu Beginn geht es darum, ein grundsätzliches Verständnis dafür zu bekommen, dass wir alle Teil eines Systems sind, das auf Ausschluss aufgebaut ist, und alles dafür tut, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren.

Wir, das ist die Arbeitsgruppe „Rampe23“, bestehend aus drei Personen aus dem Rampe-Team: Anna Bakinovskaia, Paula Kohlmann und Kathrin Stärk. Unsere Erfahrungen aus dem Prozess teilen wir mit unseren Kolleg:innen und der Theaterleitung. Darüber hinaus wollen wir die Öffentlichkeit einladen und einbinden, Teil dieser Veränderung zu werden.

Öffnung passiert nicht aus neutralen Räumen heraus. Es geht uns darum, Neues auszuprobieren, gesellschaftliche Ungleichheiten hervorzuheben und Fragen zu Machtverteilung und Verhältnissen im Team und im eigenen Umfeld zu spiegeln. Die Gesellschaft wird zu dem, was wir leben und ruft Projektionen hervor. Die Frage der Verteilung von Macht und Strukturen in Verwaltungsabläufen wird sichtbar. Welche Rolle übernehme ich? Welche Privilegien bin ich bereit zu teilen, unter welchen Voraussetzungen?  

Von 21.-23. Oktober 2021 planen wir eine erste dreitägige Veranstaltung unter dem Titel „If you got it, give it“ mit öffentlichen Beratungen, Diskussionen, Workshops und mehr. Gemeinsam mit Publikum, Expert:innen und Gästen aus der Stadt diskutieren wir alternative Leitungsmodelle, gerechte Arbeitsstrukturen, sowie Teilhabe und Machtstrukturen in Kulturinstitutionen.

Wir wollen dafür Verantwortung übernehmen, dass andere sie bekommen.

Dies erfolgt bewusst offen und transparent, um Menschen zu ermutigen und zu aktivieren, Theaterleitung und Strukturen neu zu denken – und sich mit ihren Ideen und Konzepten zu bewerben. Welche Unterstützung brauchen bisher strukturell benachteiligte Personen und Gruppen, um sich perspektivisch auf eine neu ausgerichtete Ausschreibung bewerben zu können? Und natürlich die spannende Frage: Wann haben wir unsere Verantwortung erfüllt? 

Wir freuen uns über Resonanz, Rückmeldung, Fragen.

Schreibt uns!

Als Gründungsmitglieder:innen der Stadt der Frauen* in Esslingen (Theater Rampe, 2018) sind Paula Kohlmann, Sabrina Schray und die Matriarchale Volksküche seit 2019 im Gespräch mit dem Team des Atelierhauses „Condominio Cultural“ in São Paolo über die Idee einer Gründung der Cidade de mulheres* in São Paolo.

Die Pläne, das feministische Festival fortzuführen und als Plattform in Brasilien weiterzudenken, wurden durch die Covid19-Pandemie unterbrochen. Der Austausch und damit die Vorbereitungen für eine Cidade das mulheres* wurden Ende 2020 kurzerhand ins Virtuelle verlegt und sollen als Grundlage für einen realen Austausch 2022 dienen.

Zum Auftakt trifft das Condô Cultural auf die Matriarchale Volksküche, eine Künstler:innen-Gruppe aus Stuttgart. Gemeinsam skypen und filmten sie sich bei einer transatlantischen Kochsession zwischen São Paulo und Stuttgart inmitten der Pandemie. In einer Zeit, in der gemeinsames Essen selten und riskant geworden ist, bringen sich die beiden Kollektive gegenseitig ein traditionelles Gericht aus der jeweiligen Region bei. Auf dem Speiseplan: brasilianische Pamonha und deutsche Kartoffelpuffer. Während viele köstliche Texturen von dampfenden Pasten in die Kamera gehalten werden, tauschen die Köch:innen Wissen, Klatsch und Rituale rund ums Essen aus und lernen, sich an die unterschiedlichen Verfügbarkeiten von Zutaten und Werkzeugen anzupassen und zu improvisieren.

Video und Rezepte Pamonha und Kartoffelpuffer mit Apfelmus: https://condo.org.br/en/city-of-women/

Das Condôminio Cultural – ein Gemeinschaftszentrum und Atelierhaus in der ehemaligen Favela Vila Anglo Brasileira in São Paulo arbeitet seit mehreren Jahren in einem mehrheitlich femininen Zusammenschluss von Künstler:innen an einer gemeinschaftlichen Überlebensstrategie aber auch zusammen mit der Nachbarschaft, die sich als Drogenumschlagplatz von Gewalt bedroht sieht. Angesichts der globalen Krise, die durch die Pandemie ausgelöst wurde, startete das Condô im März 2020 eine Reihe von Nothilfemaßnahmen aus Solidarität mit den Nachbar:innen und Communities, die für Aktionen von Regierung und größeren Organisationen unerreichbar sind, wie z. B. Obdachlose und indigene Communities. 

Die Matriarchale Volksküche wurde im Rahmen der Stadt der Frauen in Esslingen von Surja Ahmed, Sabrina Schray, Kristina Fritz, Marcela Majchrzak und Jessica Lipp gegründet. Seit 2018 realisieren sie verschiedene Küchen-, Dinner- und Diskurs-Situationen, in denen die Gäste beim gemeinsamen Kochen und Essen diskutieren über die ökonomischen, sozialen und politischen Dimensionen von Lebensmittelverteilung, Essenszubereitung und unsichtbarer Care-Arbeit.

Danke für die finanzielle Unterstützung an das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen).

Ende Juni zogen die apokalyptischen tänzerin*nen auf unserer Probebühne ein, um an ihrem neuen Stück zu arbeiten, das Ende Juli  am Theaterhaus Premiere feiert und im Dezember 2021 an der Rampe zu sehen sein wird. Ein kurzer Arbeitsbericht der Gruppe:

Am Anfang war ein Eis – ein Arbeitstreffen in der Eisdiele Claus, oder war es doch die Eisdiele Bernd? Dort wo alle Eissorten grau sind und die Sorten stets über den Geschmack erraten werden müssen? Ein gefährlicher Ort für Unverträglichkeiten und Allergien. Eis voller Nervenkitzel. Eis und Nervenkitzel sind auch in WUNDERLAND keine Unbekannten – die Weiße Königin, Weiße ist ihr Vor- und Königin ihr Nachname, isst stets Zitroneneis, wenn sie gestresst ist, zur Beruhigung der Nerven…

Auf der Probebühne proben wir für WUNDERLAND, und wundern uns auch immer mal wieder – Sophia, die Regieassistenz, findet Wunderland inzwischen ziemlich normal, jetzt verursachen nur noch singende Eltern größere Verwunderungen. Rennauto-fahrende Pflanzenmenschen und Burger-verschlingende Topfpflanzen sind Alltag geworden. Am 8. Juli kam der Autor auf die Probe – wir waren alle sehr nervös und die Rampe-Intendantin Martina Grohmann hat uns große Angst gemacht, dass ein Autor*innenbesuch auf der Probe sehr unangenehm sein kann. Wir hatten Glück, bisher konnten wir Mugetha Gachago von unseren Ideen überzeugen. Wir hoffen, das bleibt auch in Zukunft so. Langsam fließt der Text auch in unseren Alltag ein. In der Mittagspause sprechen wir Phrasen aus dem Stück. Unsere Plakate sind angekommen. Grün. Grellgrün. Hoffentlich hängen sie bald überall in der Stadt.

Am 9. Juli kommt der Intendantin*nen-Besuch mit Martina Grohmann. Auch das macht etwas nervös. Außerdem kommt noch Peter von der Nikolauspflege. Peter hilft uns dabei die Inszenierung auf Zugänglichkeit für blinde- und sehbehinderte Menschen zu überprüfen.

Das Wetter ist Grau und verregnet. Die Gewitter sind spannender als Fußball. Und wir ziehen leider schon wieder aus der Rampe aus und in die städtischen Probebühne ein…

Am Freitag, 30. Juli 2021, 19 Uhr, feiert unsere aktuelle Produktion WUNDERLAND (UA) Premiere am Theaterhaus Stuttgart.

“Ach… da habe ich eine saure Gurke vergessen. [Schmatzgeräusche]”

Bei WUNDERLAND begeben sich die apokalyptischen tänzerin*nen gemeinsam mit der feministischen Influencerin Alice auf einen musikalischen, performativen Roadtrip, nach dem gleichnamigen Stück von Mugetha Gachago.

Mit WUNDERLAND geht die Zusammenarbeit des Kollektivs mit Mugetha Gachago nach forever apocalyptic und following mo in die dritte Runde. Der Autor schreibt Wunderland für Performance und Chor.

Weitere Vorstellungen am Theaterhaus:

31. Juli, 19 Uhr  und 1. August, 11 Uhr

Vorstellungen am Theater Rampe:

3. Dezember, 20 Uhr

4. Dezember, 16 Uhr

5. Dezember, 11 Uhr

www.apocalypse.dance

Im November feierte STRESS – EIN SINNLICHES SPEKTAKEL noch im Theatersaal Premiere. Pandemiebedingt hat sich das fluide Kollektiv entschieden, die Bühnen-Performance in eine Video-Fail-Compilation zu verwandeln, die ab Dienstag fünf Tage lang zu sehen sein wird. Einen Vorgeschmack gibt dieser Arbeitsbericht:

„STRESS – Der Bildschirmschoner“ hat schon als Format schizophrene Tendenzen. In seiner Schonungslogik ist es einmal Löschwasser für die an Online-Events wundgeschauten Netzhäute, – denn Inhalt sucht man hier vergeblich – andererseits auch Quälerei für die empathischen Seelchen, die die Home-Office-Hölle von behind-the-screen kennen. STRESS ist Stress: Vorhölle mit endlosen Zoom-Meetings bei schlechtem W-Lan, Selbstdarstellungsdruck, neurotischen Kompensationshandlungen, Isolationswahn und dem finalen Hohl-Drehen des gesamten Geschäfts-/Lebens-/Gesellschafts-/Welt-Models.

Irgendwo hatten wir Ende 2019 in den ersten Gedanken zu STRESS einmal notiert, dass die Performance dem Blick in eine Petrischale gleichen soll, wo Bakterien zirkulieren und die Transparenz des gelierten Trägermediums langsam zukeimt. Damals war Covid noch Science-Fiction und Home-Office noch eine großzügige Geste. Die metaphorische Petrischale, durch die nicht nur Bakterien, sondern auch deren Lebensmilieus – sieben Performer*innen – zirkulierten, war in der live gespielte Bühnenversion das abstrahierte Setting eines funktionalen Micro-Appartements.

Dieses von uns obsessiv adaptierte Wohnmodell der Zukunft für Young-Professionals vereint leben, arbeiten, stoffwechseln, Yoga machen, connecten, Druck ausgleichen und kreativ sein auf nur 26 Quadratmetern. Was irgendwann Mal unter dem Titel „Privatsphäre“ als Refugium vom Business galt, wird zum Dampfkessel, in dem die Work-Live-Performance den Druck erhöht bis sich auch die stabilsten Verbindungen verbiegen.

Taubheit, Ticks und Aggressionen sind die Früchte dieser sich täglich wiederholenden Mikrodramen, die meist hinter ausgeschalteten Bildschirmkameras stattfinden, während im Vordergrund an der Stabilisierung einer Ordnung, global oder persönlich, gearbeitet wird. STRESS ist einfach die Umkehrung dieses Blicks: es lassen sich nur noch windige Ursachen, Ziele und Motivationen für die emotionalen Landschaften der performten Psychosomatik finden; es bleiben alle allein und eine größere Apparatur, die das Zerfleddern legitimieren oder fordern würde, stets unsichtbar.

STRESS ist deshalb mehr Atmosphäre oder eine Collage freigestellter Affekte als Inhalt; ein Bildschirmschoner eben wie die ikonische Microsoft-Wiese unter dem perfekt bewolkten Himmel, nur mit Menschen und schon ist es messy.

Die Übersetzung in Film fügt dem das hinzu, was im Petrischalenkontext das Mikroskop leistet, sie zoomt ran und aus dem Zirkulieren der Performer*innen durch den Bühnenraum ist Mitte 2021, – sicher auch gefüttert durch die pandemische Erfahrung – ein Reigen der gestressten Oberflächen und zerstäubenden Persönlichkeiten geworden.„STRESS – Der Bildschirmschoner“ rückt dem Schweiß, den Tränen und den Zuckungen der Young-and-Old-Professionals im Selbstoptimierungsparcour noch näher, löst die übriggebliebenen erfassbaren Zusammenhänge zwischen Hintergrund und Vordergrund und fordert auf zu einem letzten Tanz.

Fun Fact: In der performativen Durchführung war STRESS überraschend unstressig, Stress performen kennen und können offensichtlich alle. Wenn es darum geht, abzuliefern, dass man so richtig gestresst ist, ist das vielleicht fast wie Therapie. Keine*r der Performer*innen ist ausgebildete*r Schauspier*in, aber selten haben wir uns so professionell gefühlt wie beim Konzipieren und Perfektionieren der individuellen Stresszustände von Heulkrampf bis zur Weltflucht.

STRESS – DER BILDSCHIRMSCHONER ist ab Dienstag, 22. Juni, um 20:00 on demand zu sehen. Tickets und mehr gibt es hier.

Im Mai 2021 waren Julia und Till von MOBILE ALBANIA am Theater Rampe zu Gast. Ihr Residenzbericht besteht aus einem kurzen Text, einem Video ihrer Sperrmüllfahrt durch 70180 Stuttgart sowie einem Audiozusammenschnitt ihrer Verfassungen über den „Rampenhof bzw. den Zackenmuldenhof“. Seht selbst:

Wir fahren, wir schauen, wir sehen, wir entdecken, wir bleiben stehen, wir drehen uns um, wir begrüßen die Nachbarschaft, wir fragen, wir lassen uns erzählen, wir diskutieren, wir atmen tief aus, wir lachen, wir schauen uns um. Was ist hier? Was liegt hier? Was will damit gemacht werden? Wir analysieren die Haufen, die Umgebung, das Theater, den Rampenhof, verfassen uns und archivieren…

Die Arbeit vor Ort in Stuttgart war u.a. eine Recherche für die weiterführende Arbeit „Die Müllanfuhr /die Rumpelkammer Berlins“ (AT), welche im September in Karlshorst & Lichtenberg in Berlin stattfindet – in Kooperation mit der Stiftung Stadtkultur/KAHO-Raum für Kultur.

https://vimeo.com/manage/videos/573044390

Hier sind vertonte „Verfassungen“ zu finden. Dies sind Raumbeschreibungen und Ortserfahrungen, die von MOBILE ALBANIA im Rahmen der Residenz geschrieben wurden.

Für das Festival 6 TAGE FREI 2021 war eine sechsköpfige Gruppe für die vierwöchige Arbeitsresidenz am Theater Rampe ausgewählt worden – ermöglicht durch das Festival und TANZPAKT Stuttgart. Laura Albrecht, Astrid Bischofberger, Lydia Eller, Miriam Lemdjadi, Rica Lata Matthes und Angela Siebold arbeiteten an der Rampe an ihrer Performance UNSICHT BAR, die Lebensrealitäten zwischen Mutterschaft und künstlerischer Tätigkeit sichtbar machen und neue Strategien entwickeln will.

Zwei Tänzerinnen, eine Theaterschaffende, eine Sängerin, eine Historikerin und eine Filmemacherin öffnen den Raum für das Unsichtbare und arbeitet mit Parallelwelten und Projektionen. Hier berichten sie, wie sie die Zusammenarbeit in der Residenz erlebt haben:

„Aus großer Verzweiflung heraus als freischaffende Künstlerin und Mutter während des ersten Lockdowns mit zwei Kindern zu Hause, keinerlei Zeit und Energie mehr zu haben, der beruflichen Tätigkeit nachzukommen, abgeschnitten von der Außenwelt, wurde die Idee der UnsichtBar geboren.

Diesen Zustand der Unfreiheit, der Bewältigung alltäglicher Routinen, Bedürfnisse stillen zu müssen und eigene zu unterdrücken und gleichzeitig die berufliche Existenz und künstlerische Schaffenskraft nicht zu verlieren, einmal sichtbar zu machen, mit anderen Künstlerinnen und Müttern zu teilen und neue Strategien zu entwickeln, Gestaltungsmöglichkeiten auszuprobieren und die Arbeit neu erfinden, war und ist ein großer Antrieb dieses Projektes. Die Idee zündete bei allen Beteiligten sofort und entfachte ein Feuerwerk an Ideen. Wertschätzung und Solidarität prägten von Anfang an den Prozess.

Dieser begann natürlich über Zoom, in ganz Baden-Württemberg verteilt saßen wir vor unseren Bildschirmen und bald kannten wir Kinder und Partner, fieberten mit bei Schwangerschaft und Geburt, bedauerten ausfallende Projekte und Vorstellungen und bereiteten die Residenz vor. Stillen, nicht erscheinen, später kommen oder sich früher verabschieden, all das war von Anfang an nicht nur geduldet, sondern gefordert; Arbeiten, so wie es für uns geht, das was möglich ist, ohne Druck und schlechtes Gewissen, die Grenzen akzeptieren, war unser Mantra, an welches wir uns gegenseitig erinnern mussten, zu tief saß die Gewohnheit, das Unmögliche möglich machen zu wollen.

Diese Atmosphäre führte dazu, dass alle das Projekt mit Enthusiasmus und Leidenschaft trugen, füreinander sorgten und das Ganze zusammen hielten, jede übernahm Verantwortung und die Kreativität und der Einfallsreichtum waren nicht zu bremsen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit verstärkte dies, da eine solche Neugierde und gegenseitige Inspiration vorherrschte und dass ohne dass sich alle vorher kannten oder je gesehen hatten.“

„Zu Beginn der Projektplanung konnte ich aufgrund meiner ‚frischen‘ Mutterschaft und aufgrund eines anderen Projektes, das zeitgleich stattfand, noch nicht einschätzen, inwieweit ich während der Residenz dabei sein kann. Während der Zoomtreffen merkte ich aber mehr und mehr, wie wichtig mir das Projekt wurde und wie ich von Mal zu Mal mehr dazulernte, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Als Künstlerin im Austausch mit den anderen Künstlerinnen zum Teil aus anderen Disziplinen. Als Frau, die auf der Suche ist nach einer für sie passenden Art und Weise ihr Frausein zu leben. Und als werdende Mutter, die sich die Herausforderungen des Zusammentreffens von Familie und Arbeit als Künstlerin zwar vorstellen kann und doch einfach noch nicht am eigenen Leibe kennengelernt hat. Nach manchen Treffen war ich bestärkt, weil diese anderen Künstler*innen/Mütter/Frauen mir gezeigt haben, dass es möglich ist, weil sie so mutig voranschreiten und ermutigend und empowernd mir gegenüber sind. Nach manchen Treffen war ich aber auch ängstlich bezüglich dessen, was alles noch auf mich zukommen würde. Als ich dann bei der Residenz mit meinem 3 Monate alten Sohn in Stuttgart war, da spürte ich die innere Zerrissenheit, obwohl jede Akzeptanz von allen Seiten da war. Der Wunsch sowohl für meinen Sohn als auch für meine Leidenschaft als Künstlerin da zu sein, stellte mich vor viele Herausforderungen. So dankbar war ich, als die anderen Künstlerinnen mir meinen Sohn abnahmen, mit ihm interagierten und lachten, sodass ich besser mitarbeiten konnte. So dankbar war ich, dass mir keine einen Vorwurf machte, weil ich mit dem Kopf nie zu 100% dabei war. Niemand beschwerte sich, dass ich nur so ‚wenig‘ Zeit während der Residenz hatte. Ich durfte und darf trotzdem dabei sein. Und vor allem will ich dadurch um so dringender dabei sein. 

Die anderen Künstler*innen stärken mir den Rücken, wenn ich dafür einstehen muss, dass ich Mutter und Künstlerin sein will. Ich habe in den Gesprächen so viel über die strukturellen Nachteile für (arbeitende) Mütter gelernt und werde weiter kämpfen um die Bedingungen für uns Mütter zu verbessern.“

„Montag: das Telefon klingelt – Miriam fragt nach einem Spontaneinsatz am Wochenende – Videografin mit Burnout, Ersatz gesucht. Ich schaue in den Kalender: voll. Samstag wäre aber machbar. Dafür fällt der Onlinespielenachmittag mit den Neffen/Nichten aus oder muss kürzer treten. Die anderen Künstlerinnen sind super nett und ich fühle mich sofort wohl – ich als einzige (Noch-)Nichtmutter. Die Performance hinterlässt Eindruck. Bringt mich trotz aller Spontanität zum langfristigen Nachdenken. Nachdenken über meine eigene Familienplanung. Muttersein und Kunst und Theater… wie geht das zusammen?“

„…Hier handelt es sich wohl um das erste Projekt, welches meine Kinder in positiver wohlgesinnter Erinnerung behalten. „Wir kommen auf jeden Fall wieder nach Stuttgart“ und gleichsam nicken sie mit den Köpfen, wenn ich Ihnen berichte, dass ich dann auch wieder 1 Woche mit Übernachtung dort proben werde.

Es waren nur 2 Tage mit Kindern vor Ort, aber da sie in der Residenzwohnung und im Theater eine bejahende Atmosphäre vorfanden, ein Ja zum Kind einer Tänzerin, sind sie so lustvoll damit verknüpft. Und natürlich sind wir mit der Zahnradbahn gefahren, haben Eis gegessen und auf dem Marienplatz in der Sonne gesessen, aber genauso selbstverständlich ließen sie sich für das Projekt interviewen oder zuckelten mit den Öffentlichen durch die Stadt, um noch fehlende Requisiten zu besorgen. Das alles gab ihnen einen tiefen Eindruck in den Ort, wo ihre Mutter tagelang abwesend ihre Probearbeiten absolvierte und absolvieren wird.

Das Ja zu meiner Mutter entspannte mich enorm, zumal ich keine Energie aufwenden musste, um den Faktor zu vertuschen oder im Falle zu bagatellisieren. Umso mehr war ich frei in meiner Arbeit am Stück und der Offenheit meiner Kolleginnen gegenüber. Keine zweifelte an, dass jede alle zur Verfügung stehende Energie in das Performance-Projekt geben wird und Keine ihre Kinder vorzuschieben versucht, um den Unannehmlichkeiten zu entkommen. Ich habe tatsächlich noch nie ein Projekt erlebt, welches so verständnisvoll und gleichsam hoch motiviert an der Kunst ein Kunstwerk zusammen erschaffen hat. Das direkt vor Ort sein, das Bett beinahe im Probenraum und doch so getrennt voneinander das private und berufliche zu erleben war enorm gewinnbringend. Morgens meine Kollegin Miriam aus dem Bett schlüpfen zu sehen und dann später mit ihr, nach einem ruhig angegangenen Frühstück, uns in voller Ekstase die Improvisationen, Proben der Choreografien, Entwicklung der Ideen und Vertiefung des Erforschten zu erleben, begeisterte mich absolut.

Die Unterschiedlichkeit der Künste vervollständigte unsere künstlerische Dimensionalität. Nach einem ausgiebigen Tanz- Warm-Up glitten wir in Lydias Gesangsübungen, um uns dann in Miriams Schauspiel-Training wiederzufinden. Ich war vollkommen überrascht, was da aus meiner Stimme herausgekitzelt wurde. Ich achtete diese Frauen, welche so frei und kreativ sich ins Volle stürzten, gerade für diesen Kontrast, gerade noch gestillt oder ihre Kinder versorgt zu haben. Und gerade diese Kraft und Bescheidenheit in den Umständen der eventuellen Müdigkeit oder dem Probenbedarf, weil etwas noch nicht ganz so lief, wie eine selbst wollte, sah ich von der Kraft der Mutter kommen.

Ein Genuss war es ebenso unsere Wissenschaftlerin Angela, die ich gefühlt schon kenne, jedoch nie mit ihr in einem realen Raum war, nur in Zoom-Meetings kenne. Zu erleben, wie tiefgründig und ernsthaft, jedoch mit Humor sie diese Forschungsreise mit uns antrat und zu Ende brachte. Ihre Art zu denken und die Dinge in aller Gründlichkeit zu hinterfragen und zu erforschen gingen für mich noch einmal eine Stufe weiter, was und wie ich es bis hier erlebt hatte. Ich habe eine so vertrauensvolle Gesamtstimmung in unserem Team erlebt, was ich gerade im reinen Frauenkreise als sehr energetisierend und unterstützend empfand. Auch unsere jüngste Mutter im Projekt ließ mich staunen und mich an damalige Zeiten erinnern, wie an zwei so wichtigen und wertvollen Orten Kunst und Mutter gegeben und aber auch gefordert wird. Jede einzelne hat für mich in diesem Projekt einen enorm hohen Anspruch an sich selbst gezeigt, welches einen echten Push bedeutete. Die Lust, zusammen in neue Bereiche zu gehen, hat das Projekt für mich sehr kompetent und tiefgreifend gestaltet.“

„Dass die eigentliche Residenz begann, vor Ort, und wir aus Freiburg, Karlsruhe und Heidelberg zusammenkamen, trotz Pandemie und manchmal mit Kindern, mal ohne, mal zu dritt, mal zu zweit vor Ort, die anderen aber immer im Prozess über Telefon, über Zoom – zu wissen, dass es bei allen arbeitete und es mit uns allen etwas machte, wir uns bis heute nie alle auf einmal live gesehen haben und wir uns und unseren Familien trotzdem vertraut sind, das habe ich zuvor noch nie erlebt. Die drei Wochen der Residenz waren so intensiv, emotional und voller Freude an der gemeinsamen Arbeit. Unsere Arbeitshaltung führte dazu, stets zu hinterfragen wie es so gehen kann, dass es uns eben nicht zerreißt, wir aber trotzdem alle brennenden Dinge ausprobierten, offen und herausfordernd zugleich – das war faszinierend. An Tagen mit Kindern wurde nichts erzwungen, vor allem nicht das Arbeiten in einem für Kinder wenig einladenden Raum, was die meisten Theater mehr oder weniger sind. Wir sammelten Material und veranstalteten Arbeitstreffen auf dem Spielplatz oder ‚zuhause‘ in der Künstler*innenwohnung, welche gleich zum Wohlfühlort für uns wurde, wo Arbeit und Kinder zusammen liefen und tolle Interviews und Audiomaterial entstanden sind.“

„Die Residenz im Lockdown – in der Vorbereitungszeit zu 6 TAGE FREI haben wir gelernt, zu improvisieren, immer nur kurzfristig zu planen und alle Möglichkeiten offen zu halten. Das sind Fähigkeiten, die wir mit Beruf und Kindern ohnehin schon lange einüben (mussten). Durch die sich aufgrund der Pandemie ständig ändernden Rahmenbedingungen waren wir nun noch mehr in unserem Improvisationstalent gefragt – und das in einem sechsköpfigen Team, in dem jede von uns ganz nebenher noch Familie, andere Jobs, pandemische und persönliche Herausforderungen bewältigen musste.

Dennoch, und das ist, das, was mich am meisten beeindruckt hat, ist es uns gelungen, aus der UNSICHT BAR ein wahrhaftig gemeinschaftliches Projekt zu machen. Und ein persönliches – und das, obwohl wir uns bisher teilweise nur digital kennen. Die UNSICHT BAR ist gewachsen, nicht, obwohl wir all diese zusätzlichen Herausforderungen unter einen Hut bringen mussten, sondern weil: Weil wir alle in dieser Lage waren und sind, ist die UNSICHT BAR zu unserem gemeinsamen Hut geworden. Und sie hat Freude gemacht und war produktiver, als so manche andere berufliche Herausforderung, in der man alleine unter dem Druck einer scheinbaren Trennung von Privatem und Arbeit, unter dem ständigen Schein einer professionellen Ausschließlichkeit zu arbeiten versucht. Unser Credo war von Beginn an: Nicht so tun, als ob, sondern zeigen, wie es ist. Die Arbeit in der Residenz hat mir deutlich gemacht, dass Arbeit mehr sein kann, als sich entscheiden zu müssen. In der UNSICHT BAR war ich nicht nur eine Arbeitskraft. Ich war Wissenschaftlerin und Mutter, Ehefrau, Tochter, Freundin und ich hatte zugleich nicht das ständige Gefühl, eine dieser Rollen für die andere zu vernachlässigen. Wir haben uns gegenseitig ernst genommen und respektiert und das hat unsere Arbeit nicht eingeschränkt, sondern verbessert. Diese Art der Arbeit hat meinen drei kleinen Kindern, meinem Mann und mir gut getan – es hat aber auch meine und unser aller Arbeit authentischer, aussagekräftiger und besser gemacht.

Bei mir bleibt hängen: Wenn man die Strukturen schafft und wenn sich alle darauf einlassen, dann kann aus einer Zusammenarbeit ein Zusammenhalt werden, von dem alle profitieren.“

„Das Projekt hat viel mit mir gemacht, Themen aufgewühlt. Ein Theaterprojekt mit zwei kleinen Kindern (0 und 2 Jahre alt), in einer anderen Stadt, zu Corona-Zeiten, ein Stück entwickeln und eine neue Arbeitsweise ausprobieren/ausloten? Auf das hätte ich mich nie eingelassen, wenn ich nicht Vertrauen in Miriam gehabt hätte. Miriam war meine allererste Gesangsschülerin und schon damals unbeirrbar, kreativ, unzähmbar und extrem empathisch. Also wagte ich es und war schon nach dem ersten Treffen via Zoom inspiriert und beeindruckt von unserer Gruppe. 

Viele bis dahin unbewusste Entscheidungen wurden im Verlauf des Projektes aufgewühlt, hinterfragt, unterfüttert. Immer wieder öffnete sich ein Fenster aus meiner kleinen (sehr schönen, wenn auch superanstrengenden) Welt. 

Die Residenzzeit selbst war logistisch extrem herausfordernd. Nur zu stemmen durch meinen Mann und meine Schwiegermutter, die mir selbstverständlich den Rücken freigehalten haben, die mein Künstlerinnensein nie in Frage stellen. 

Der Konflikt in mir selbst blieb, aber ich wuchs- an mir, an uns. Wir (Mütterkünstlerinnen) bestärken uns, glauben an uns, achten uns, inspirieren uns. Das ergab und ergibt eine Energie, die alles mehr als kompensiert und kleinlich erscheinen lässt, was uns vielleicht objektiv schwächt. 

Selten habe ich mich so mit einer Sache, einem Stück identifiziert- selten so viele Diskussionen ausgelöst. Ich bin sehr dankbar für den Mut – unseren, den des Festivals und des Theaters. Jetzt freue mich auf ein mutiges Publikum.“