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That’s it, Stuttgart. tagelang haben wir Euch ins Schwitzen gebracht, tagelang haben wir um Euch gerungen, tagelang haben wir stundenweise all unsere Möglichkeiten zu Euren Bedürfnissen gemacht. Wir wollten Euch den utopischen Moment bringen und bei allen, die da waren, hat das geklappt. Ihr habt nun kein Modell für eine neue Weltordnung, Ihr habt den Kapitalismus nicht abgeschafft (und werdet übrigens in diesem Jahr auch nicht mehr, darauf haben wir bereits gewettet) – aber wir gemeinsam hatten diese gemeinschaftlichen Momente – durch Glücks-Spiel. War es das wert? Ja, das war es wert!

Unser HOUSE ist jetzt zerlegt und erholt sich in einem Containerdorf bei Nürnberg. (Nürnberg, Nürnberg, woran erinnert mich Nürnberg?) Nichts genaues weiß keiner. Nur eins ist unabwendbar: das HOUSE kann – und wird! – jederzeit wieder aufgebaut werden. Die nächsten Stationen stehen deutlich am Horizont geschrieben.

Am 19.+20. September 2017 werden wir in Mannheim unsere neuen Kreise ziehen. Mitten auf dem Alten Messplatz!!! Wenige Monate später (JULI 2018!!) in Berlin und Belgrad.

Don’t give up.

-� Daniela Wolf 02393Ein Gespräch mit Putte am 16.07.17, der Tag „danach“:

Es war zehn vor zehn und wir wußten, der Laden schließt, das HOUSE macht zu und Martin hatte ungefähr 27 Schlüssel, ich hatte ungefähr 22 Schlüssel. Und wir sind zum Roulette-Tisch gegangen und wussten genau, da liegt ja diese Karte „die Liebenden“, also die Liebe. Und dann war natürlich klar, wir setzen jetzt alles auf diese eine Karte. Und haben unseren Berg an Schlüsseln dahin gelegt und das Rad drehte sich – und wer hat gewonnen? Die Liebe!!
Das war das erste Highlight.
Wir haben über 700 Schlüssel gewonnen! Wir haben das HOUSE gesprengt. Und dann haben wir uns gefragt, was machen wir jetzt damit? Es war kurz vor Ende und wir haben uns in Windeseile überlegt, wir bringen jetzt alle Leute hier in der Mitte unter dem wheel of fortune zusammen und rufen das Bedingungslose Grundeinkommen für alle aus. Dann haben wir diesen ganzen Sack mit den Schlüsseln ausgeschüttet und Grundeinkommen heißt ja: Leute bedient Euch. Aber dann ist das allerschönste passiert. Es hat sich niemand bedient, sondern die Leute haben ihre eigenen Schlüssel auch noch auf den Berg gelegt. Und das werd ich niemals vergessen, und das mein ich so, wie ich’s sag.

Love. It’s love in the end!

 

Kritik auf nachtkritik.de (13.07.17):
https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=14243:the-european-house-of-gambling-das-stuttgarter-theater-rampe-laedt-mit-tanja-krones-intellektuellem-zockerparadies-zum-nachdenken-ueber-herrschaftsfreie-raeume&catid=38&Itemid=40

Bericht/Vorankündigung in den Stuttgarter Nachrichten (14.07.17):
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.s-sued-theater-rampe-marienplatz-im-spielcasino-der-werte.41de06f3-f23f-462c-bc28-771fae434946.html

Kritik in der Stuttgarter Zeitung (17.07.17):

Kritik in der Eßlinger Zeitung (13.07.17):

Ja! Kommen Sie näher! Treten Sie ein! Hier finden alle ihr Glück!

Mitten auf dem Marienplatz ist ein Komet gelandet. Was für eine Jahrmarktsattraktion. Ein Jahrtausendereignis! Es herrscht Ausnahmezustand. Hypnotisierende Musik, blinkende Lichter, das Klirren irdischer Metalle durchdringen den abendlichen Sommerwind. Aus kleinen Buden fallen skurrile Showmaster, Gaukler*innen, Spielhüter und verführen die wartende Menge durch zauberhafte Gebärden und geheime Botschaften. Geht es gleich los – oder sind wir schon mittendrin im Spiel?

In einer waghalsigen Mischung aus Spielhölle, Schaubude und Wettkampfarena treffen sich die Besucher*innen, um zu zocken. Auf Brettern, die die Welt bedeuten, gilt es alles zu verlieren, alles zu gewinnen und stundenlang im Spiel zu bleiben. Karten fallen, Würfel rollen, Stäbe erzittern bei der kleinsten Bewegung. In der Mitte ein Ring. Hier wird um Werte gekämpft – denn wenn die Ressourcen erschöpft sind, muss geopfert werden. Alles steht zur Disposition: das Publikum wettet auf den*die Gewinner*in und feiert den gemeinschaftlichen Verlust. Die Schlüssel zum Glück fliegen uns um die Ohren, das Gehirn schüttet nonstop aus: Dopamin, Endorphine. Wir spielen uns in Ekstase. Denn über allem, jenseits von Urteil und Einfluss, von individuellem Geschick und Schicksal, schwebt das Glücksrad: „ALL IN!” Der Zufall verteilt um. Gewinn, Verlust, Status – alles wandert weiter. Ist das noch Willkür oder schon (wieder) Gerechtigkeit?

Mit einer internationalen Spieltruppe tingelt THE EUROPEAN HOUSE OF GAMBLING von Stadt zu Stadt, dem diversen Europa auf den Fersen und der einen Frage: Lässt sich soziale Gerechtigkeit zwischen den Schichten, den Ländern, den Nachbarn*innen, den Geschlechtern herstellen? Wer will das? Wer will was? Wie viel Lust haben wir (wirklich), unser Haben zu teilen mit denen, die im Soll sich baden? Was müssen wir opfern, wenn wir uns auf ein solches Unterfangen einlassen? Und: wer soll das eigentlich organisieren? Vielleicht sind es ja doch die Narren, die die Welt retten.

Vom 11.-16.07.17 ist THE EUROPEAN HOUSE OF GAMBLING auf dem Marienplatz in Stuttgart Süd.

Kulturpolitik_KommentarVonFrauGolombek_290715_1Zwischenruf des Theaters mit Bezug auf den Kommentar in den Stuttgarter Nachrichten vom 29. Juli 2015:

Dass es geschickter Antragsrhetorik bedarf, als Künstler auf seine Kosten zu kommen und dann trotzdem Kunst zu machen, ist noch keine Kunst. Dass sich die Künstler von dem Karren, den ihnen politische Förderziele anhängen wollen, nicht gleich den Weg versperren lassen müssen, ist ihre Voraussetzung. Gerade der Karren der monströsen MONSTER TRUCKER befördert keine betuliche Soziokultur.

Kategorien normieren. Dagegen wehren sich Künstler mitunter. Die Normierungen der Normalität überschreiten und damit auszusetzen ist ihr Potential.

Eine weit verbreitete Normierung ist, Theater auf Schauspielkunst zu reduzieren. Die Ikone des virtuosen Schauspielers, den das Publikum als Star feiern kann, ihn mit Rosen kränzt und ihm Ehrenringe an die Finger hängt, mit Theater gleichzusetzen, ist sein Hirntod. Theater ist doch nicht zu reduzieren auf den „gut geölten Schauspielermuskel“, wie Jelinek ihn einmal wütend definiert hat, um der selbstzufriedenen Wiener Bürgerschaft den Schrecken wieder einzujagen. Die andere Reduktion findet statt, wenn alles, was mit Bürgerbeteiligung zusammenhängt, gleichgesetzt wird mit einem moralischen Zeigefinger oder „Erziehung zur Mitmachgesellschaft“. Wer die Arbeit von MONSTER TRUCK gesehen hat und sich damit konfrontiert, weiß, dass der Ansatz dieser Gruppe es ist, Normierungen, Klischees, schnelle moralische Wertungen so zu überhöhen, bis sie unbrauchbar und fragwürdig werden. Das als pädagogisch abzutun, ist mir zu kurz gefasst. Das ist vor allem eines: der Versuch mit plakativer Symbolpolitik spielend den nervenden Nerv der Komplexität zu treffen. Ihn schmerzend austreten zu lassen aus diesem schmucken Gehäuse, das sich Theater nennt.

Was die freie Szene tun soll oder nicht, weiß ich nicht. Es gibt keine guten oder schlechten, keine förderungswürdigen oder -unwürdigen Theatermittel, Kunstformen an sich. Ist immer alles nur eine Frage, wofür und wie sie eingesetzt, kontextualisiert und auf den Punkt gebracht werden. Eines gegen das andere auszuspielen, führt nur in die Bequemlichkeit einer festgegossenen Form zurück und erinnert an längst vergangene Zeiten, als auf den Bühnen Regie gegen Schauspiel spielte oder Regie gegen Autor oder Schauspiel gegen Autor. Oder Kunst gegen Publikum. Aber diese Konflikte sind doch nicht die, die unsere Zeit auszufechten erfordert, finde ich!

Martina Grohmann

s@p

Im Spiel liegt die Möglichkeit, die Gesellschaft anders auszuprobieren

Ein Interview mit Friedrich Kirschner

Friedrich Kirschner ist Filmemacher, visueller Künstler und Software-Entwickler. Seit 2012 ist er Professor für Digitale Medien im Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst-Busch, Berlin. Bei Stage@Play ist er im Kurorenteam und Workshopleiter.

Bastian Boß    Welche Fragen stellen sich für dich nach drei Tagen Stage@Play?

Friedrich Kirschner    Ist das was wir hier machen, diese Idee von Spielen in ästhetisierten Räumen, etwas, wofür wir eine eigene Comunity brauchen und eine eigenen Sprache? Oder wollen wir unsere jeweiligen Rollen als Theatermachende, als Spieledesignende behalten und uns nur mit dem jeweils anderen auseinandersetzten. Brauchen wir eine Gemeinschaft, die mit einer eigenen Linse auf das guckt, was man da macht und eigenen Qualitäten in dem findet, was natürlich eine Mischung ans dem anderen ist, was aber trotzdem stark genug ist, um für sich selbst zu stehen. Stage@Play ist für mich eine Bestärkung dahingehen, weiter zu machen und diese Vergemeinschaftung voranzutreiben.

BB    Löst Stage@Play deinen Wunsch nach einem Forschungslabor ein?

FK    Das Symposium hat einen guten Job gemacht, alles hier richtig zu kontextualisieren als work in progress, dass man hier die Möglichkeit hat, Dinge in ihrer Skizzenhaftigkeit anzuschauen. Aber bei zwei Tagen Workshop kann man noch nicht von Forschung sprechen, sondern vielleicht von Wissenstransfer. Die Frage ist, können wir uns Forschungsräume vorstellen für diese Art künstlerischer oder gesellschaftlicher Forschung, die wir betreiben, wo wir ein Gerüst bekommen, das es uns ermöglicht, dass wir uns ergebnisoffen auf eine Sache konzentrieren? Ich fände es großartig, wenn Hochschulen diesen Raum bieten würden.

BB    Wie sieht deine Utopie aus?

FK    Ich glaube, dass im Spiel die Möglichkeit liegt, die Gesellschaft anders zu sehen und auszuprobieren und zwar in alle Richtungen. Dafür habe ich den Schutzraum und die Freiheit des Spiels, weil dort die Konsequenzen aus dem Alltag ausbleiben. Diese Möglichkeit der Utopie oder der Distopie, des Anders-Erlebens, finde ich faszinierend. Meine Wunschvorstellung wäre, dass man jeden Dienstag in eine Theater seiner Wahl gehen könnte und die Möglichkeit hätte, sich anders zu verhalten in gesellschaftlichen Prozessen. Wenn es also Spiele gäbe, die uns die Möglichkeit gäben, beispielsweise Arbeit neu zu verhandeln. Da könnte ich dann immer dienstags im Staatstheater in einem systemischen Aufbau forschen, wie Arbeit denn sein könnte. In Deutschland haben wir diese einzigartige Infrastruktur, in der das stattfinden könnte. Das soll auch nicht heißen, dass danach nicht auch ein klassischen Theaterstück gespielt werden kann, das sich mit demselben Thema auseinander setzt und in dem Vorschläge gemacht werden, wie Figuren damit umgehen. Das wäre toll.