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24/7

Um meine Arbeit feilzubieten, Geld zu machen und zu meiner Zerstreuung bin ich ein paar Tage auf Wanderarbeit in Dänemark. Den Vagabundenkongress muss ich notgedrungen in dieser Zeit verlassen. Eine totale Abwesenheit ist aber kaum möglich: Täglich erreichen mich Mails mit Breaking News: Justin Time ist just at place. Azul Blazeotto und Eduardo Molinari sind keine Kunden, und Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov  üben 15 Minuten Utopie. Es ist was los. Insofern ist meine Wanderarbeit eher EXTENSION OF THE VAGABONDCONGRESS. Ich wandere nach Dänemark, um den Vagabundenkongress in den Norden Europas zu tragen, und ich wandere zurück, um eingesammelte Werte nach Stuttgart zu bringen. Wandern ist nicht wirklich das richtige Wort für meine Reise: Ein Flugzeug fliegt mich nach Kopenhagen, ein Zug bringt mich nach Stuttgart zurück.

Die dänischen Vagabunden, denen ich vom Stuttgarter Kongress erzähle, wollen mehr wissen. Die Schweizer Vagabunden, die ich per Mail auf den neuen Hotspot Europas aufmerksam machen will, reagieren nicht. Schon immer kochen die Schweizer ihr eigenes Süppchen (Zumindest wird dieser Satz von Schweizern ständig wiederholt, und so glauben es alle, auch Unschweizer). Ich interessiere mich eher für die Auseinandersetzung mit dem Kollektiven, die der Vagabundenkongress bearbeitet. Deswegen: Die Schweiz lassen wir jetzt mal aussen vor.

Der Zug rattert.

In Kopenhagen besuche ich eine Arbeit der beiden Vagabunden Anders Paulin und Johan Forsman über den Hochfrequenzhandel. Sie berichten von einer Pilgerfahrt nach Amerika zu den heissen Quellen des Computerhandels, der sich in den siebziger Jahren abgezeichnet hat. Die Hippies und Nerds, die sich per synthetische Drogen in unter- und transbewusste Phantasmen halluzinierten, die Schamanen, die die irdischen mit galaktischen und subzellulären Wesensformen verbanden, arbeiteten alle an derselben Wanderbewegung: Vom Materiellen ins Immaterielle. Der Hochfrequenzhandel findet auf einer Ebene statt, die sich physisch wahrnehmbaren Sinnen entzieht. Geisterwesen kommmunzieren nur durch Medien in Trance. LSD macht die Akzeptanz einer anderen Realität für alle möglich. Der materielle Impact all dieser grenzenlosen Suchbewegungen ist kaum beschreibbar: Alles ist davon betroffen. Die beiden Hochfrequenzvagabunden experimentieren mit Subfrequenzklängen und manipulieren atomare Strukturen von Salz. Ronald Reagen hält 1988 eine Rede in Moskau über die zukünftigen Veränderungen durch das Internet. Welches Geistwesen oder welcher Ghostwriter hat ihm nur diese Worte in den Mund legen können, die wie eine präzise Vision der Technologien, Vernetzungen, Ungleichgewichte und Todesgefahren klingt, die wir heute haben? Butch Cassidy und Sundance Kid sind die  Protagonisten in der Zukunftsvision des ehemaligen Westernheldes Reagan. Im von ihm skzizzierten Globus der dauerflirrenden Zahlenströme reiten, schiessen, töten, fliehen und erobern die beiden Outlaws und folgen nur ihrer Willkür. Mal im Zentrum der Macht, mal am Rand des Sozialen. Immer am Drücker, jenseits des legalen. Gesetze sind nur interessant, solange sie dem eigenen Profit dienen. Ich muss an Akseli Vittannen und „Robin Hood“ denken, die mir wie eine pragmatische Fortsetzung dieses Setups vorkommen: Sie haben die Prämissen von Ronald Reagen akzeptiert: Der Outlaw als einzige Möglichkeit, sich eine akzeptable Existenz zu schaffen. Die Sitzung, die alle Beteiligten mit nackten Füssen, gewärmt von einem feuchtwarmen Waschlappen, verfolgen, endet mit einer spirituellen Auflösung, die mich wieder auf den Boden der Realität bringt: Ich muss arbeiten. An zwei Abenden zeige ich am Theater meinen Beitrag TRUST (Das Theaterfestival heisst „Follow the money“ – und damit könnte der Hungertrieb der Vagabunden gemeint sein: Wo es Geld gibt, wird hingezogen. Wo die Tiere weiden können, wird gelagert). Mit Trust verdiene ich mein Wandergeld und ich werde auch in Stuttgart damit vagabundieren. Deswegen: Wenig dazu.

Ich besuche für einen Tag (Den ich jetzt mal meinen freien Tag nenne) einen Vagabundenkongress in der dänischen Provinzstadt Holstebro („50 Jahre Odintheater“). Hier treffen sich Vagabunden aus aller Welt zu einem kulturellen Austausch. Thaitänzerinnen, Katkaliperformer, Punk-Sentimentalisten und schlechte Michael Jackson-Imitate feiern das weltweit Regionale. Es gibt eine Führung durch einen abgewirtschafteten Schlachthof, dessen stumme Maschinen ihre Funktion als Strafkolonie für Schweine wachhalten. Nach Blut stinkt es auch noch. Dieser Ort soll Kulturort werden, und deswegen sind Künstler die ersten, denen die leeren Räume gezeigt werden. Warum sollen eigentlich immer sogenannt immaterielle Arbeiter die ehemaligen Räume der materiellen Arbeit auffüllen? Gibt es nichts, was hier noch hergestellt werden kann als Kultur, Kunst, Design und soziale Plastik? Plötzlich interessiere ich mich für die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie, die sich doch auch auf dem Werkplatz Welt behauptet hat. Ich bin dafür, dass leere Industriehallen nicht nur auf ihr phantastisches Potential abgeklopft werden – nicht nur auf ein visionäres Szenario – sondern auch auf Lösungen, die von Hand hergestellt werden können und in denen man wohnen oder die man essen kann. Ich möchte Schreiner werden, Maurer, Grundschullehrer oder Hauswart.

Abwesenheit ist eine Illusion. Nicht nur weil der Vagabundenkongress in Stuttgart dauernd mit mir kommuniziert. Überall begegne ich Vagabunden, die in irgendeiner Art und Weise Kongresse veranstalten. Zukunfts- und Verfallsfragen werden jedenfalls bis in den Norden Europas verhandelt. Am Mittagstisch werden der Plan des Tages und ökonomische Engpässe diskutiert, und am Abend wird mit den künstlerischen Mitteln versucht, sozialen Zusammenhalt spürbar zu machen und die Perspektive auf das Schöne im Leben zu richten. Das ist vielleicht das Beste am kulturellen Arbeiten: Auch das Mühsame, Bedrohliche und Grässliche kann dadurch akzeptierbar, sogar schön, selten auch lustig oder zumindest als unausweichliche Notwendigkeit sinnvoll erscheinen. Und was unterträglich bleibt, wird attackierbar.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, unterwegs

In order make some money and for fun I travel for some vagabondage-days to Denmark. This is why I have to leave the vagabond congress for that time. An absolute absence is not possible though. I regularey get emails with breaking news: Justin Time is just at place, Azul Blazeotto and Eduardo Molinare. are no KUNDEN; and Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov try 15 minutes of utopia.  There is something happening all the time. From that perspective I can say that my travel is rather an EXTENSION OF THE VAGABOND CONGRESS. I wander to Denmark to bring the vagabond congress to the norh. And I wander back to bring the collected values back to Stuttgart. „To wander“ is actually not the right term. A plane flies me to Copenhagen, a train brings me back.

The danish vagabonds to whom I talk about the congress want to know more about it. The swiss vagabonds that I inform by email about this new hotspot of Europe don´t´react. Swiss people always „cooked their own soup“ (At least Swiss people repeat this sentence in swiss german all the time – so everyone believes it). I am interested in the investigation of the collective that is being practised by the vagabond congress: So let´s keep Switzerland out of the discussion.

The train rumbles.

In Copenhagen I visit a work on high frequency trades by the two vagabonds Anders Paulin and Johan Forsman. They talk about their pilgrimage to America, to the very hot sources of the computer based trade which where being developped since the early 70s. The hippies and nerds that hallucinated themselves into sub- and transcendental phantasmas, the shamanes that connected earthly to galactical and subcellular spirits, all worked in the same direction of wandering: From the material to the immaterial. High frequency trade is working at a level that is not perceivable with physical senses. Ghosts and angels communicate through medias in trance. LSD creates acceptance for another reality. The material impact of all these endless searching movements is nearly not describable: Everything is affected by it. The two high frequency vagabonds experiment with subfrequence-sounds and manipulate the atomic structure of salt. Ronald Reagan gives a speach 1988 in Moscow on the future changes by the internet. Which ghost or ghost writer has put these words in his mouth? They sound like a precise vision of the technologies, connections, imbalances and death dangers that we have today. Butch Cassidy and Sundance Kid are the protagonists of the new time for the former western hero Reagan. They live, ride and shoot in micro- and macro dimensions of a globe that is permamently blinking with streams and numbers.  Outlaws. For some time in the center of power and government, for some time at the edge of all social boundaries. Always on the run, far from legality. Laws are just interesting when they help the own profit. I have to think of Akseli Vittannen and „Robin Hood“. They seem to me like a pragmatic consequence of Reagans vision: They acceped his premises. The role of the outlaw as the only possibility to create an acceptable form of living.

The feet of the spactators are warmed by a hot humid towel. The session dissolves in  a spiritual ending. I land on the floor of reality: I have to work.

For two evenings I show my work TRUST at the theatre. The theatre festival  is called „Follow the money“ – this could mean the hunger drive of vagabonds. They follow the money, they follow the food.  By doing „TRUST“ I earn my money for vagabonding. I will also present some of it in Stuttgart. Therefore: Not much about it.

For one day (that I dare to call my day off) I visit a vagabond congress in the danish provincial city Holstebro – „50 years of Odin Theatre“. Here, vagabonds of the wohle world meet for a cultural exchange. Thai-dancers, katakhali-performers, punk-sentimentalists and bad Michael Jackson doubles celebrate the worldwide regionality. I attend a guided tour through industrial halls of a closed slaughter-firm. Its mute machines remind the spectator of their function as penal colony for pigs. It smells like death. This place is dedicated to become a place for culture. That is why the city officials show it first to artists. Why the so called immaterial workers should always fill up the former spaces of material work? Isn´t there anything that can be produced here exept culture, art, design and social sculpture? Suddenly I am interested in the history of the swiss watch industriy that could defend its place in the world of material production. Empty industry halls should not just be imagined as a place of phantastic immaterial work, but also as places for things that can be produced by hand. Things to live in or to live from. I would like to become a carpenter, builder, primary school teacher or cleaning guy.

Absence is an illusion. Not just because the vagabond congress is communicating all the time with me and the rest of the world. All over the place I meet vagabonds that organize their congresses. Questions of the future, of rise and fall are being discussed at least from Stuttgart to the high north. At lunch tables vagabonds discuss plans of the day and economic restrictions. In evenings they try to enforce the feeling of social belonging. Then, the perspective is focused on the beauty of life. Maybe this is the finest thing in cultural work: Through it, the annoying, the threatening, the horrible can appear as something acceptable, even beautiful, rarely funny or at least as an unextinctable necessity. And the still unbearable gets an impulse to crash.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, on the road

For two days I was already busy to change my rhythm into night activity. The nights were beautiful, peaceful. The dawn is fine. To hear the first birds: Hilarious. But still I was moved by a strong sense of separation. Probably the most striking point about changing the personal daily rhythm was the impact on the social situation. I lost touch with the daily rhythms of the congress participants. When I showed up, everyone else was already working for six  / seven hours. At four o clock in the afternoon they said „Good morning“ and smiled. They asked how I was doing. Mostly, they were nice and showed some interest for my work, which consisted in shifting the temporal rhythm. No one accused me that I would not do anything, but I did not feel comfortable. To sleep, when all other work, alienates. This feeling of alienation was also described by other conference members concerning their own working process. Diving into ones own, uncontrollable labor sphere apparently creates fear of loss. What if the congress punishes you for your absence? We play with the concept of vagabonds, we can do whatever we want, we allow ourselves to be unreadable for others – but the phantom of consensus is still very powerful.

This is a small indication to me of how it may feel like to fall out of the frame of a society. Many homeless people  have fallen out of this framework – and that was one of the reasons for the congress of vagabonds in 1929. But homeless people have no artistic concept about it. They have a concrete physical and mental situation. The first to suffer from exclusion is the excluded. Who can be told „you do not work“, „you social parasites“, „you ugly piece“ is first of all a problem for himself. He must think that he is doing wrong, that he is wrong.  At a certain income or social status it should be required to participate in a training to rise consciouness about how exclusion feels.

At a meeting arises a small conflict with the group „Robin Hood“. A sense of alienation.  Probably just because there is not so much communication between the groups.  Interest = attention, attention = value, value = acknowledgment = sense of security. Lack of attention => reject => accusation => „THEM“ <=> „US“. I find it very surprising how quickly and threatening the phantom of social alienation emerges. I also write my blogs, among other reasons, because I want to give a signal of my work, and of my presence and participation. Do we always have to communicate? Vagabonds claim to be free and independent…

I fall asleep at 7 clock in the morning. Before that, I spent a night in the hospital at the station 5A and wrote a blog text about it in the morning.  By 13 clock there is a vagabond session. And so the group responsability brings me out of bed. I had 5 hours of sleep. It’s day and normal working time. If I want to be there, I need to hurry, even if it is within my leisure time and outside of my nightly working hours. But it’s work as it takes place in the working time of the others. Work is everywhere. So I put a sign in front of my hammock saying „Work 24/7“. If your sleep is considered  as work, you work all the time. Suddenly I work a lot more than I would have when I only had worked during the day.

Many are concerned with the question whether their work is „work“, or whether their work is „no work“ in the eye of the others. And „no work“ would mean: Worthless. Is there – even on a congress of vagabonds –  no ability to follow seemingly meaningless, unreadable activities without mobilizing these senseless fears? It is obviously very difficult. We have signed a contract. We are paid. There must created something in return. The quote of Gregor Gog „general strike for a lifetime“ – here it seems to be a strange polemical paradox. Is it more than just a good sounding political slogan for an euphoric group of intellectuals who never were beggars? Someone on the meeting defends the illegibility: „We work like mushrooms. First nothing is been seen.  But eventually the mushroom grows and becomes visible and readable. “ Wanja mentions the concept of Hannah Arendt „tätig sein“ („doing?“), which of course opens a completely different horizon. This kind of „doing“ needs accaptance, confidence, generosity. I think, our temporary community in the Theater Rampe is quite a confident, humorous, generous group, etc. However, below us lies a nervousness, which probably most of us have sucked in by our life experience: The feeling of not being enough, of being forced to show activity, and to be always visible.

I was previously not aware that the time frame for social belonging is just as important as the activity itself or the place. If Justin Time tries to „do nothing“ in the public space during the working time of others, he works „not“ in the same time other work. And since Justin Time is an artist, and the „doing nothing“ is actually his work and constantly communicating, and so it is perceivable and understandable.  Justin works with his „doing nothing“ as much as those who go to their offices . Maybe he works even more. But he adds something: He makes a gift (I write all of this without having seen his action live).  Passers-by can use his installation in their own way. It is open for discussions. He works, I would say, but his work is the creation of a space that you can not buy. Justin’s art indeed is paid, but the experience that it allows is not for sale. If you had to pay an entrance fee, this work would be loose its value.

Siya, if I understand him correctly, enjoyes to attack the theater as an institution of the middle class. It seems that he finds it absurd that you have to pay for the theater while the experience the theater should offer cannot be bought.  You cannot express the value of a nightly walk with a friend in euros – like the other night my walk with Tobias Yves Zintel. If he had paid me for it, or if I would have paid him for this act the we would turn the experience into an „event“ or into something that can be possessed by one of us. This would destroy the core of its value.

At that point Akseli from „Robin Hood“ could intervene and tell me what the nature of the money is. In his presentation that was the point that provoked me. When I questioned his way of investing because I saw it as a support of the weapons industry, he just smiled mysteriously and said that one must just understand the nature of money – and therefore of the production of value I think.  Well, tell it to me. At that place of thinking I am stucked.  Andreas Liebmann 13. Juni 2014

Zwei Tage war ich bereits damit beschäftigt, meinen Rhythmus auf Nacht Aktivität umzustellen. Die Nächte waren schön, ruhig, geschützt. Die Morgendämmerung ist herrlich. Die ersten Vögel zu hören: Schön. Und doch bewegte mich ein starkes Gefühl der Abgesondertheit. Besonders auffällig, und wohl das anstrengendste daran, den persönlichen Tagesrhythmus zu verändern war die Auswirkung auf die soziale Situation. Ich verlor den Kontakt zum Tagesrhythmus der Kongressteilnehmer. Wenn ich auftauchte, waren alle anderen schon sechs sieben Stunden dabei. Sie sagen zu mir um vier Uhr Nachmittag „Guten Morgen“ und grinsten. Sie interessierten sich teilweise für meine Erfahrungen, fragten, wie es mir geht. Meistens waren sie nett und zeigten ein gewisses Verständnis für meine Arbeit, die im Verschieben des zeitlichen Rhythmus bestand. Niemand warf mir vor, dass ich nichts tun würde, aber ich fühlte mich nicht wohl dabei. Zu schlafen, wenn alle anderen arbeiten, entfremdet. Dieses Gefühl der Entfremdung wird in einer Sitzung auch von anderen Kongressteilnehmern in ihrem eigenen Arbeitsprozess beschrieben. In seine eigene, unkontrollierbare Arbeitssphäre einzutauchen lässt offenbar Verlustängste entstehen. Was, wenn man verloren geht? Wenn der Kongress einen irgendwann bestraft für Abwesenheit? Wir spielen hier mit dem Begriff des Vagabunden, wir dürfen alles, wir dürfen unlesbar sein für die anderen, können Einzelgänger sein – und doch ist der Wahn des Konsens mächtig.

Das gibt einen kleinen Hinweis darauf, wie es sich anfühlen kann, aus dem Rahmen einer Gesellschaft zu fallen. Viele Obdachlose, und um die ging es ja zumindest der Ideologie nach beim Kongress 1929, sind aus diesem Rahmen gefallen. Und das war kein künstlerisches Konzept oder eine interessante Idee sondern eine körperlich und mental erfahrbare Situation. Der erste, der unter Ausschluss leidet, ist der Ausgeschlossene. Wem gesagt werden kann „Du arbeitest nicht“, Du „Sozialschmarotzer“, die „hässliches Stück“, der ist nicht in erster Linie ein Problem für die anderen, sondern für sich selbst. Er muss denken, er mache etwas falsch, er sei falsch. Ab einem gewissen Einkommen und dem damit verbundenen sozialen Status sollte man obligatorisch an einem Training teilnehmen, das einem bewusst macht, was Ausschluss bedeuten kann, sodass man die Situation von Leuten, die in Armut leben, oder auf die andere Ausschlussmechanismen wirken, nicht ignorieren kann.

Kleiner Einschub: Es gibt bei der Sitzung (wie schon einige Male zuvor) einen kleinen Konflikt mit der Gruppe Robin Hood. Ein Gefühl der Entfremdung, das wohl nur deswegen entsteht, weil wenig kommuniziert wird. „Was machen die denn?“ Sie sagen: „Kommt vorbei!“ Die, die vorbeigehen, finden es interessant und exklusiv. Es scheint der Eindruck zu entstehen, dass die Gruppe ihre Auseinandersetzung sehr berechtigt interessant findet, aber kein Interesse am Kongress mobilisieren kann. Interesse = Aufmerksamkeit,  Aufmerksamkeit = Wert, Wert = Bestätigung = Sicherheitsgefühl. Mangel an Aufmerksamkeit =>  Ablehnung => Vorwurf => „DIE“  <=> „WIR“. Wie schnell und bedrohlich das Gespenst der sozialen Entfremdung auftaucht, finde ich doch sehr überraschend. Auch ich schreibe meine Blogs unter anderem deswegen, weil ich ein Signal meiner Tätigkeit, und damit meiner Anwesenheit, und damit meiner Zugehörigkeit geben will. Muss man denn immer kommunizieren? Vagabunden wollen doch frei und unabhängig sein.

Ich schlafe um 7 Uhr ein. Davor habe ich eine Nacht im Krankenhaus auf der Station 5A verbracht und am morgen einen Blogtext darüber geschrieben. Um 13 Uhr gibt es eine Vagabundensitzung. Und so treibt mich das Gruppengefühl aus dem Bett. Ich stehe nach 5 Stunden Schlaf auf. Es ist Tag und damit Arbeitszeit. Wenn ich dabei sein will, muss ich eben dabei sein. Es könnte Freizeit sein, Freiwilligkeit, ist es ja ausserhalb meiner Arbeitszeit, die zur Zeit nachts ist. Aber es ist doch Arbeitszeit, weil es in der Arbeitszeit der anderen stattfindet. Arbeitszeit ist überall. So steckt bei meiner Hängematte ein Schild mit der Aufschrift „Work 24/7“. Wessen Schlaf auch als Arbeit gilt, der arbeitet immer. Ich arbeite plötzlich sehr viel mehr, als ich es je hätte machen können, hätte ich nur tagsüber gearbeitet.

Viele sind mit der Frage beschäftigt, ob ihre Arbeit „Arbeit“ ist, oder ob ihre Arbeit im Auge der anderen „keine Arbeit“ ist. Und „keine Arbeit“ würde heissen: Wertlos. Gibt es nicht einmal auf diesem Vagabundenkongress die Möglichkeit, scheinbar sinnlose, von aussen unlesbare Tätigkeiten auszuführen, ohne gleich diese sinnlosen Ängste zu mobilisieren? Es ist offensichtlich sehr schwierig: Denn wir alle sind hier angestellt. Wir haben einen Vertrag unterschrieben. Wir wurden bezahlt. Es muss was bei rumkommen. Der Satz von Gregor Gog „Generalstreik ein Leben lang“ – er wird hier irgendwie zu einem merkwürdig polemischen Paradox, sodass ich mich frage, was dieser Satz überhaupt soll, und ob er mehr ist als ein gut klingender polititscher Slogan, der vor allem eine Partygemeinschaft von Intellektuellen, die nie wirkliche Bettler waren, euphorisieren sollte. Jemand verteidigt die Unlesbarkeit: „Wir arbeiten wie Pilze. Man sieht lange nichts, und irgendwann wächst der Pilz und wird sicht- und essbar.“  Wanja bringt den Begriff von Hannah Arendt „tätig sein“ ein, der natürlich einen ganz anderen Horizont öffnet. Voraussetzung, dass „tätig sein“ akzeptiert ist, bedeutet gegenseitiges Vertrauen, Selbstvertrauen, Grosszügigkeit. Ich empfinde unsere Temporärcommunity am Theater Rampe durchaus als vertrauensvoll, humorvoll, grosszügig etc. Dennoch liegt darunter eine Nervosität, die wohl die meisten von uns durch unsere Lebenserfahrung gefressen haben: Die Nervostität, nicht zu genügen, mehr Leistung zeigen zu müssen, und, vor allem, mit dieser Leistung ständig sichtbar zu sein.

Mir war bisher nicht bewusst, dass der zeitliche Rahmen für die soziale Zugehörigkeit genau so wichtig ist wie die Tätigkeit selbst oder der Ort. Wenn Justin Time versucht, öffentlich nichts zu tun, das aber in der Arbeitszeit der anderen, dann arbeitet er „nicht“ genau dann, wenn die anderen arbeiten. Und da Justin Time Künstler ist, und das Nichtstun durchaus als seine Arbeit gesehen werden kann, gerade deswegen, weil sie sichtbar ist, also ständig kommuiziert, also verwertbar ist, arbeitet Justin mit seinem Nichtstun genau so viel wie die, die in ihre Büros gehen. Vielleicht arbeitet er sogar mehr. Was bei ihm allerdings dazukommt (ich schreibe das alles, ohne seine Aktion live gesehen zu haben) ist, dass er ein Geschenk macht. Passanten können seine Installation auf ihre Weise benutzen. Er steht für Gespräche offen. Er arbeitet, würde ich sagen, aber seine Arbeit dient der Schaffung von Räumen, die man nicht kaufen kann. Justins Kunst wird zwar bezahlt, die Erfahrung, die sie ermöglicht, ist aber nicht käuflich. Wenn man Eintritt bezahlen müsste, wäre diese Arbeit wertlos.

Siya greift, wenn ich ihn richtig verstehe, immer wieder gern das Theater als Institution der Mittelklasse an. Er scheint es absurd zu finden, dass man für das Theater bezahlen muss, während die Erfahrung, die Theater doch bieten sollte, sich dem Geld entzieht. Als ob man die Erfahrung eines Spazierganges mit einem neuen Bekannten durch die Nacht bezahlen könnte – wie neulich meine Zeit mit Tobias Yves Zintel. Hätte er mich dafür bezahlt, oder hätte ich ihn dafür bezahlt, hätte dieser Akt das Erlebnis zu einem Event oder zu dem Besitz des Zahlenden gemacht und seinen Kern zerstört.

Hier könnte wahrscheinlich Akseli aus dem Robin Hood Büro eingreifen und mir erklären, was denn die Natur des Geldes sei. Das hat mich an seinem Vortrag auch so provoziert, dass er auf meinen Einwand, er unterstütze mit seinen Investitionen Rüstungsindustrie, bloss geheimnisvoll lächelte und sagte, man müsse eben die Natur des Geldes verstehen. Nun gut, erklärs mir, ich komme hier nämlich nicht wirklich weiter.

Andreas Liebmann 13. Juni 2014

Night activists: Staff of the department A5 for heart and vascular diseases,  Andreas Liebmann

A night at St. Catherine Hospital. Entrance in the hallway: live piano music. Two people playing on a grand piano pop songs. My mother was a pianist. I feel at home. With the lift I go up to the station 5A: heart and circulatory disease. The senior nurse is experienced and relaxed. Patient reports are completed, notes, and documents completed „You don´t want to do this at four clock in the morning. No one knows what will happen in the night. Normally the chaos starts when you’re alone.“ We are – including  me – four people who spend the night on 5A, more than enough for a appropriate presence. The night passes quietly. No heart alarm. No new patients. At the beginning of the night shift all patients are visited. Who needs pain killers, sleeping pills, a new nappy, a cup of tea? Here lie about 34 patients. The key in the moment: 38 patients for 2 nurses. Previously, there were more nurses per patient. The budget is always cut on the backs of the staff. Decision-makers rarely ask about the realities in the stations. Top-down system. How nice when there are bosses who have gone through all the steps of a nurses life. „Then they know how a nurses daily life looks like. They know how it is when you work for example in the emergency department and accidentally there are there two raped women at the same time, which unfortunately occurs. In this case,  two nurses have to take care full time about the women and cannot have other patients.“

I am put in white workwear. A doctor takes me with her. She hopes to show me a couple of interesting pictures and explaines to me what she does. Ultrasound.  „This colour shows an important artery at the probes.  This can be used as entrance for heart surgery. As a new heart valve artificial flaps can be used, or human valves, or heart valves from pigs.“ I am recognized as a nurse who stands silently by the patients. Four men lie there. Bare legs. It’s hot. A fresh heart attack needs about 1-2 weeks of stay. A heart inflammation 6 weeks. Who gathers water in the legs: 5-6 days. Then they go to rehab.

The hottest room of the station: The controlling room, dayroom of the nurses. Monitors and ventilators. I’m still infested with „Homeland“ images. The ECG – screens that transmit the heart rate of patients directly into the center of the station seem to me like surveillance cameras of the CIA. The difference: the wiretapped people know that they are listened to, and it really is for their own good. The tiniest irregularity is immediately audible and the nurses can react. A machine -generated rhythmic tone accompanies us the whole night. Demented patients tear every now and then the electrodes away. A supervisor who believed in the power of her authority took a pledge from  a demented patient, no longer to nodd and to leave the electrodes in peace. She told him seriously and with a deep look that this was very important. He promised it high and holy. Two minutes later, the electrodes were again demolished. In such a case, the surveillance by the computer is interruped as it would constantly give a signal.

Not much happens. Because no one is allowed to sleep, stories are told. The boring time must be killed. Nurse B searches in the internet for fashion. Nurse C plays a game on the mobile phone about farmung. In this computer game, tomatoes are planted and eggs are searched for, chickens  chickens, and the accounting about the sale of cucumbers is been made. Who farmt good grows,  who farmt bad, loses the digital yard. Mobile Surfing cannot been controled here. Though internet research on the hospital computers can. It is been talked about training, procedural tricks, interviews. Duplo chocolate is been eatened. I’ll get me a hot calzone sandwich in the gas station across.  A nurse from the neighbor department comes rolling on her scooter. „Hi, do you have Lyrica 125 or 150“. „Lyrica“ – what a name. A drug that makes the patient probably think the latest poetry by Durs Grünbein while strumming bedtime stories on a Neuronenlyra.

The experienced nurse unwraps some stories about death of family members. Death in bathrooms. Missed examinations. Death by ignorance. Medical checks of the whole family, because a family member had a heart attack. What threatens the other? Suspicions are investigated, evidence evaluated. Back to the the spy stories. The hospital CIA wants to find out „what really happened“ and wants to prevent deaths. Diseases are hunted and fought. You come out differently than you went in. Flights to Middle East on a rumble seat, to be on time at funerals. Bus rides, hotel stays, armed travel companion. Funeral rituals of the in-laws family. The women wash the deceased grandmother, the men bury her. A woman screams at her husband because he no longer knows the rituals – he lives in the west and forgot about the traditions. The dead mother must not be touched by the sons. Caressing is taboo now. Men have their role, women have their role. There is screaming and crying. The family is sleeping several nights in the same room as the deceased grandmother. She should not be alone. Ablutions take place. In hot climate you must be buried very quickly. Concrete is poured on the cuffin. Otherwise it stinks. Children flying alone on a plane. Children being left behind and hugged again. In the moment the husband is near his dying mother, he is being grabbed by his neoliberal work mania and gets nervous: This and that needs to be done immediately. He picks up the phone and wants to work. A bus, a bus! The wife tells him: You now forget your work and spend the last days of your mother with her. “

The patient in Room XX has changed. Previously he shouted and wailed in Italian. He is now cooperative and nice, can be washed and plugged on and off. He had nightmares. Actually, a psychologist should visit him, or the psychosomatic department has to be involved. But there’s no time and no money. Another patient has recently been permanently aggressive. In the files it is always indicated if a patient behaves cooperatively or uncooperative. A nurse has to smile, smile, smile, be calm, no matter what the patient says or does. The behavior of the patient has also often to do with how you treat them.

A lifetime according to form X: Conception – infant – toddler – adolescent – adulthood – young old – middle-aged – advanced old age – longtime old ones. There are four terms for old people and three terms for childhood development. Soon there will be a fifth for the even more old ones needed, when the lifetime continues to expand. The conception is appreciated in the list, not the death. The word „conception“ describes the perspective of the mother, not the person who is being starting his/her life.

If anybody is „prefinal“ he is under special observation. „My grandmother had wished that when she would die, her husband should be looking for a new wife. This is something I could never ask for. My husband should not have any new woman when I’m dead.“ „My parents have announced a surprise to me surprise when I will be going to read her will. Maybe they give away all their money to a foundation for animal rights. “

Heart alarm means: If the heart rhythm, for example, has been all night on 120, and then hurtles down within minutes, in increments of ten. Then all the machines flash and sound. If you have no will where you express clearly that in the case of a heart stroke you don´t want treatment, you will be reanimated. The defibrillator is tested once at night. All steps are being documented. What is not documented does not exist. We have one foot in prison. If serious errors happen charges may follow. Who does not want to live anymore, lets himself go.  My profession I would choose it again.

At four thirty clock all patients are monitored. Coffee is made: The morning begins. Birds. Light. I’m leaving.

12/06/2014 – 6.22 clock, Andreas Liebmann