1. Laborgespräch, 23.10.2014, 18:00 – 20:00

Derjenige, welcher auf einmal alle Ausdehnung und alles Denken umfaßte, würde darin keinerlei Zufälligkeit, nichts Unwesentliches erblicken, sondern eine mathematisch Verkettung von Gliedern sehen, die durch notwendige Gesetze miteinander verknüpft sind.
»Ach, wäre das schön!« sagte Pécuchet.

Bouvard und Pécuchet, Kapitel 8, S. 256

Jan und Armin richteten sich gemütlich ein und versuchten, die Grenzen zwischen Glauben und Wissen am atmosphärischen Raum des Theaters festzumachen. Das, was zwischen Darsteller und Zuschauern geschieht, umfasst beileibe mehr als das gesprochene Wort und die szenische Darstellung. »Doch braucht es die Metaphysik, um die besonderen Momente des Theaters zu erklären?« wirft Jan ein. Ihm reiche die ganz normale Physik.

Zunächst lauschen sie einer alten Aufnahme aus den 1950ern – Hanns Eisler philosophiert in beeindruckender Weise über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Die Kybernetik! Sie würde es ermöglichen, das Kreative des Schaffens auf einen mechanischen Prozess zu reduzieren. Ist das so? Ein halbes Jahrhundert später erscheint das nicht mehr relevant, denn noch hat kein Computer den menschlichen Intellekt erreicht. Eine Sackgasse.

Die beiden genießen die Freiheit, im Rahmen des Labors Gedanken zu erschaffen, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Während Jan als Kurator das so intendierte, muss Armin sich daran gewöhnen. Was ihm zunehmend besser gefällt. Diese Arbeit – fast ohne Betrachter – stellt den Humus dar, aus welchem neues, kreatives Schaffen erwachsen kann und soll.

Also weiter. »Kann der Künstler ein Werk erschaffen, das nicht mehr interpretierbar ist?« wirft Jan ein. »Niemals, alles ist interpretierbar, da der Zuschauer per se immer subjektiv ist.« Aber wie verhält es sich mit jenen Künstlern und Performern, die auf Zuschauer weitgehend verzichten? Jan hebt hervor, dass gerade sie oftmals den bedeutendsten Einfluss auf die Entwicklung des Theaters haben. Damit hat Armin kein Problem. Er verweist auf die Wissenschaft. Beobachtungen an Affen legen nahe, dass sie lokal unabhängig Verhaltensweisen voneinander erlernen können. Chemiker berichten, dass schwer herzustellende komplexe Verbindungen im Labor sich bei Wiederholungen leichter bilden. Und dass es bekannt ist, dass Erfindungen an mehreren Orten der Welt völlig unabhängig voneinander immer wieder zur selben Zeit gemacht werden. »Und im Okkultismus ist es sowieso keine Frage, dass alles miteinander verbunden ist« erläutert Armin. Nichts können der Einzelne tun, ohne das Gesamte zu beeinflussen. Ein am Ufer des Ozeans in das Wasser geworfener Stein berührt den gesamten Ozean.

Also wirkt sich die Kunst aus, auf alles, was ist – ob sie will oder nicht. Auch wenn sie im stillen Kämmerlein erschaffen und nicht dem gemeinen Zuschauer exponiert wird.

Nun aber zurück zum Thema – was ist dieses Atmosphärische Element im Theater, das uns so beeindrucken kann, dass wir es, einmal erlebt, nie wieder vergessen werden? Engagiert versuchen die beiden, tiefer zu dringen, das Problem einzugrenzen. Was schwingt da in so beeindruckender Weise?

Jan bringt sein Überlegungen auf den Punkt. »Es ist die körperliche Anwesenheit, die Verletzbarkeit, die bloße physische Gegenwart, die Möglichkeit der direkten Konfrontation, welche die Empfindungen über das gesprochene Wort hinaus ermöglicht!« versteht Armin Jans Ausführungen. Ein Gedanke, der nicht von der Hand zu weisen ist, vergleicht man das Erlebnis eines Live-Orchesters mit dem Hören einer digitalen Konserve.

Armin sieht den Zeitpunkt gekommen, das Problem aus der inneren Sichtweise zu betrachten. Er zitiert Die Geheimlehre von Helena Petrovna Blavatsky. Sie stelle drei fundamentale Grundsätze auf, welche das Fundament der gesamten alten Weisheitslehren darstellen.

Der erste der Grundsätze postuliere ein ewiges, unerkennbares und ursachloses Prinzip, das über jegliche Spekulation erhaben sei. Lao Tse nenne es das Tao, in der Theosophie hieße es die Ursachlose Ursache, es werde auch Jenes genannt oder Tat, von den Hindus werde es als Paramatman (Param=über und Atman=Geist, Selbst) bezeichnet. Der zweite der Grundsätze habe besonderen Bezug zur Frage. Er besage, dass die gesamte Schöpfung und alles, was darin enthalten sei, zyklisch entstehe und vergehe. Somit sei alles, was ist, eine Form von Schwingung. Der dritte Grundsatz stelle die fundamentale Identität aller Seelen mit der einen Oberseele fest, was bedeute, dass sämtliche Monaden einer Schöpfung, vom kleinsten atomaren Teilchen bis zum größten vorstellbaren Universum und darunter- und darüberhinaus dasselbe Bewusstsein teilen und daher essenziell eins seien.

»Das bedeutet«, führt Armin weiter aus, »dass wir mehr sind als unsere Körper. Fein abgestufte Ebenen von der niedersten physischen Manifestation bis zum höchsten, feinstofflichen Geist machen die Gesamtheit des Menschen aus.« »Wir begegnen«, so argumentiert er, »uns also auf vielerlei Ebenen gleichzeitig. Nicht durch die Begrenztheit unserer physischen Sinne geblendet, könnten wir das Ganze leichter erkennen«. Und diese Bereiche jenseits der von unseren physischen Sinnen wahrnehmbaren Schwingungen mache die Einheit für uns in besonderen Situationen erfahrbar.

Die Argumentation verfängt nicht bei Jan. Er brauche die »Esoterik« nicht, um zu verstehen, das in einer Gruppe von Zuschauern etwas entstehen kann, was mehr ist als die Summe seiner Einzelteile.

So kommen sie nicht weiter. Oder doch? Haben sie nicht intensiv Gedanken ausgetauscht, Sichtweisen des anderen betrachtet, eigene dargestellt, nach Übereinstimmungen und Unterschieden gesucht? Haben sie nicht wundervolle und seltsame Übereinstimmung gefunden in vielerlei betrachteten Punkten, obwohl doch die Herangehensweisen und Denkschulen so unterschiedlich sind? Auf der Grundlage einer hohen Ethik – nämlich des gegenseitigen Respekts und die Unterlassung des Versuchs, den jeweils anderen von den eigenen Ansichten zu überzeugen – arbeiteten sie an der Frage im intensiven Diskurs.

Die Atmosphäre war offen und fruchtbar – und so konnte am Schluss auch noch ein Hauch des betrachteten magischen Momentes im Theater durch den Raum schwingen. Und zwar gerade da, als Armin zum Ende mit einem Zitat aus der Bibel aufwartet: »Hat nicht Jesus gesagt« zitiert er, »wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter euch?« 

Zufrieden gehen die beiden auseinander, nicht ohne schon das nächste Laborgespräch vereinbart zu haben. Am 30.10. werden sie die Landkarten des Denkens erneut aufschlagen und nach Pfaden forschen, wie die unterschiedlichen Stimmen im Menschen zu ergründen seien.

 

 

Armin

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