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Um meine Arbeit feilzubieten, Geld zu machen und zu meiner Zerstreuung bin ich ein paar Tage auf Wanderarbeit in Dänemark. Den Vagabundenkongress muss ich notgedrungen in dieser Zeit verlassen. Eine totale Abwesenheit ist aber kaum möglich: Täglich erreichen mich Mails mit Breaking News: Justin Time ist just at place. Azul Blazeotto und Eduardo Molinari sind keine Kunden, und Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov  üben 15 Minuten Utopie. Es ist was los. Insofern ist meine Wanderarbeit eher EXTENSION OF THE VAGABONDCONGRESS. Ich wandere nach Dänemark, um den Vagabundenkongress in den Norden Europas zu tragen, und ich wandere zurück, um eingesammelte Werte nach Stuttgart zu bringen. Wandern ist nicht wirklich das richtige Wort für meine Reise: Ein Flugzeug fliegt mich nach Kopenhagen, ein Zug bringt mich nach Stuttgart zurück.

Die dänischen Vagabunden, denen ich vom Stuttgarter Kongress erzähle, wollen mehr wissen. Die Schweizer Vagabunden, die ich per Mail auf den neuen Hotspot Europas aufmerksam machen will, reagieren nicht. Schon immer kochen die Schweizer ihr eigenes Süppchen (Zumindest wird dieser Satz von Schweizern ständig wiederholt, und so glauben es alle, auch Unschweizer). Ich interessiere mich eher für die Auseinandersetzung mit dem Kollektiven, die der Vagabundenkongress bearbeitet. Deswegen: Die Schweiz lassen wir jetzt mal aussen vor.

Der Zug rattert.

In Kopenhagen besuche ich eine Arbeit der beiden Vagabunden Anders Paulin und Johan Forsman über den Hochfrequenzhandel. Sie berichten von einer Pilgerfahrt nach Amerika zu den heissen Quellen des Computerhandels, der sich in den siebziger Jahren abgezeichnet hat. Die Hippies und Nerds, die sich per synthetische Drogen in unter- und transbewusste Phantasmen halluzinierten, die Schamanen, die die irdischen mit galaktischen und subzellulären Wesensformen verbanden, arbeiteten alle an derselben Wanderbewegung: Vom Materiellen ins Immaterielle. Der Hochfrequenzhandel findet auf einer Ebene statt, die sich physisch wahrnehmbaren Sinnen entzieht. Geisterwesen kommmunzieren nur durch Medien in Trance. LSD macht die Akzeptanz einer anderen Realität für alle möglich. Der materielle Impact all dieser grenzenlosen Suchbewegungen ist kaum beschreibbar: Alles ist davon betroffen. Die beiden Hochfrequenzvagabunden experimentieren mit Subfrequenzklängen und manipulieren atomare Strukturen von Salz. Ronald Reagen hält 1988 eine Rede in Moskau über die zukünftigen Veränderungen durch das Internet. Welches Geistwesen oder welcher Ghostwriter hat ihm nur diese Worte in den Mund legen können, die wie eine präzise Vision der Technologien, Vernetzungen, Ungleichgewichte und Todesgefahren klingt, die wir heute haben? Butch Cassidy und Sundance Kid sind die  Protagonisten in der Zukunftsvision des ehemaligen Westernheldes Reagan. Im von ihm skzizzierten Globus der dauerflirrenden Zahlenströme reiten, schiessen, töten, fliehen und erobern die beiden Outlaws und folgen nur ihrer Willkür. Mal im Zentrum der Macht, mal am Rand des Sozialen. Immer am Drücker, jenseits des legalen. Gesetze sind nur interessant, solange sie dem eigenen Profit dienen. Ich muss an Akseli Vittannen und „Robin Hood“ denken, die mir wie eine pragmatische Fortsetzung dieses Setups vorkommen: Sie haben die Prämissen von Ronald Reagen akzeptiert: Der Outlaw als einzige Möglichkeit, sich eine akzeptable Existenz zu schaffen. Die Sitzung, die alle Beteiligten mit nackten Füssen, gewärmt von einem feuchtwarmen Waschlappen, verfolgen, endet mit einer spirituellen Auflösung, die mich wieder auf den Boden der Realität bringt: Ich muss arbeiten. An zwei Abenden zeige ich am Theater meinen Beitrag TRUST (Das Theaterfestival heisst „Follow the money“ – und damit könnte der Hungertrieb der Vagabunden gemeint sein: Wo es Geld gibt, wird hingezogen. Wo die Tiere weiden können, wird gelagert). Mit Trust verdiene ich mein Wandergeld und ich werde auch in Stuttgart damit vagabundieren. Deswegen: Wenig dazu.

Ich besuche für einen Tag (Den ich jetzt mal meinen freien Tag nenne) einen Vagabundenkongress in der dänischen Provinzstadt Holstebro („50 Jahre Odintheater“). Hier treffen sich Vagabunden aus aller Welt zu einem kulturellen Austausch. Thaitänzerinnen, Katkaliperformer, Punk-Sentimentalisten und schlechte Michael Jackson-Imitate feiern das weltweit Regionale. Es gibt eine Führung durch einen abgewirtschafteten Schlachthof, dessen stumme Maschinen ihre Funktion als Strafkolonie für Schweine wachhalten. Nach Blut stinkt es auch noch. Dieser Ort soll Kulturort werden, und deswegen sind Künstler die ersten, denen die leeren Räume gezeigt werden. Warum sollen eigentlich immer sogenannt immaterielle Arbeiter die ehemaligen Räume der materiellen Arbeit auffüllen? Gibt es nichts, was hier noch hergestellt werden kann als Kultur, Kunst, Design und soziale Plastik? Plötzlich interessiere ich mich für die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie, die sich doch auch auf dem Werkplatz Welt behauptet hat. Ich bin dafür, dass leere Industriehallen nicht nur auf ihr phantastisches Potential abgeklopft werden – nicht nur auf ein visionäres Szenario – sondern auch auf Lösungen, die von Hand hergestellt werden können und in denen man wohnen oder die man essen kann. Ich möchte Schreiner werden, Maurer, Grundschullehrer oder Hauswart.

Abwesenheit ist eine Illusion. Nicht nur weil der Vagabundenkongress in Stuttgart dauernd mit mir kommuniziert. Überall begegne ich Vagabunden, die in irgendeiner Art und Weise Kongresse veranstalten. Zukunfts- und Verfallsfragen werden jedenfalls bis in den Norden Europas verhandelt. Am Mittagstisch werden der Plan des Tages und ökonomische Engpässe diskutiert, und am Abend wird mit den künstlerischen Mitteln versucht, sozialen Zusammenhalt spürbar zu machen und die Perspektive auf das Schöne im Leben zu richten. Das ist vielleicht das Beste am kulturellen Arbeiten: Auch das Mühsame, Bedrohliche und Grässliche kann dadurch akzeptierbar, sogar schön, selten auch lustig oder zumindest als unausweichliche Notwendigkeit sinnvoll erscheinen. Und was unterträglich bleibt, wird attackierbar.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, unterwegs

In order make some money and for fun I travel for some vagabondage-days to Denmark. This is why I have to leave the vagabond congress for that time. An absolute absence is not possible though. I regularey get emails with breaking news: Justin Time is just at place, Azul Blazeotto and Eduardo Molinare. are no KUNDEN; and Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov try 15 minutes of utopia.  There is something happening all the time. From that perspective I can say that my travel is rather an EXTENSION OF THE VAGABOND CONGRESS. I wander to Denmark to bring the vagabond congress to the norh. And I wander back to bring the collected values back to Stuttgart. „To wander“ is actually not the right term. A plane flies me to Copenhagen, a train brings me back.

The danish vagabonds to whom I talk about the congress want to know more about it. The swiss vagabonds that I inform by email about this new hotspot of Europe don´t´react. Swiss people always „cooked their own soup“ (At least Swiss people repeat this sentence in swiss german all the time – so everyone believes it). I am interested in the investigation of the collective that is being practised by the vagabond congress: So let´s keep Switzerland out of the discussion.

The train rumbles.

In Copenhagen I visit a work on high frequency trades by the two vagabonds Anders Paulin and Johan Forsman. They talk about their pilgrimage to America, to the very hot sources of the computer based trade which where being developped since the early 70s. The hippies and nerds that hallucinated themselves into sub- and transcendental phantasmas, the shamanes that connected earthly to galactical and subcellular spirits, all worked in the same direction of wandering: From the material to the immaterial. High frequency trade is working at a level that is not perceivable with physical senses. Ghosts and angels communicate through medias in trance. LSD creates acceptance for another reality. The material impact of all these endless searching movements is nearly not describable: Everything is affected by it. The two high frequency vagabonds experiment with subfrequence-sounds and manipulate the atomic structure of salt. Ronald Reagan gives a speach 1988 in Moscow on the future changes by the internet. Which ghost or ghost writer has put these words in his mouth? They sound like a precise vision of the technologies, connections, imbalances and death dangers that we have today. Butch Cassidy and Sundance Kid are the protagonists of the new time for the former western hero Reagan. They live, ride and shoot in micro- and macro dimensions of a globe that is permamently blinking with streams and numbers.  Outlaws. For some time in the center of power and government, for some time at the edge of all social boundaries. Always on the run, far from legality. Laws are just interesting when they help the own profit. I have to think of Akseli Vittannen and „Robin Hood“. They seem to me like a pragmatic consequence of Reagans vision: They acceped his premises. The role of the outlaw as the only possibility to create an acceptable form of living.

The feet of the spactators are warmed by a hot humid towel. The session dissolves in  a spiritual ending. I land on the floor of reality: I have to work.

For two evenings I show my work TRUST at the theatre. The theatre festival  is called „Follow the money“ – this could mean the hunger drive of vagabonds. They follow the money, they follow the food.  By doing „TRUST“ I earn my money for vagabonding. I will also present some of it in Stuttgart. Therefore: Not much about it.

For one day (that I dare to call my day off) I visit a vagabond congress in the danish provincial city Holstebro – „50 years of Odin Theatre“. Here, vagabonds of the wohle world meet for a cultural exchange. Thai-dancers, katakhali-performers, punk-sentimentalists and bad Michael Jackson doubles celebrate the worldwide regionality. I attend a guided tour through industrial halls of a closed slaughter-firm. Its mute machines remind the spectator of their function as penal colony for pigs. It smells like death. This place is dedicated to become a place for culture. That is why the city officials show it first to artists. Why the so called immaterial workers should always fill up the former spaces of material work? Isn´t there anything that can be produced here exept culture, art, design and social sculpture? Suddenly I am interested in the history of the swiss watch industriy that could defend its place in the world of material production. Empty industry halls should not just be imagined as a place of phantastic immaterial work, but also as places for things that can be produced by hand. Things to live in or to live from. I would like to become a carpenter, builder, primary school teacher or cleaning guy.

Absence is an illusion. Not just because the vagabond congress is communicating all the time with me and the rest of the world. All over the place I meet vagabonds that organize their congresses. Questions of the future, of rise and fall are being discussed at least from Stuttgart to the high north. At lunch tables vagabonds discuss plans of the day and economic restrictions. In evenings they try to enforce the feeling of social belonging. Then, the perspective is focused on the beauty of life. Maybe this is the finest thing in cultural work: Through it, the annoying, the threatening, the horrible can appear as something acceptable, even beautiful, rarely funny or at least as an unextinctable necessity. And the still unbearable gets an impulse to crash.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, on the road

For two days I was already busy to change my rhythm into night activity. The nights were beautiful, peaceful. The dawn is fine. To hear the first birds: Hilarious. But still I was moved by a strong sense of separation. Probably the most striking point about changing the personal daily rhythm was the impact on the social situation. I lost touch with the daily rhythms of the congress participants. When I showed up, everyone else was already working for six  / seven hours. At four o clock in the afternoon they said „Good morning“ and smiled. They asked how I was doing. Mostly, they were nice and showed some interest for my work, which consisted in shifting the temporal rhythm. No one accused me that I would not do anything, but I did not feel comfortable. To sleep, when all other work, alienates. This feeling of alienation was also described by other conference members concerning their own working process. Diving into ones own, uncontrollable labor sphere apparently creates fear of loss. What if the congress punishes you for your absence? We play with the concept of vagabonds, we can do whatever we want, we allow ourselves to be unreadable for others – but the phantom of consensus is still very powerful.

This is a small indication to me of how it may feel like to fall out of the frame of a society. Many homeless people  have fallen out of this framework – and that was one of the reasons for the congress of vagabonds in 1929. But homeless people have no artistic concept about it. They have a concrete physical and mental situation. The first to suffer from exclusion is the excluded. Who can be told „you do not work“, „you social parasites“, „you ugly piece“ is first of all a problem for himself. He must think that he is doing wrong, that he is wrong.  At a certain income or social status it should be required to participate in a training to rise consciouness about how exclusion feels.

At a meeting arises a small conflict with the group „Robin Hood“. A sense of alienation.  Probably just because there is not so much communication between the groups.  Interest = attention, attention = value, value = acknowledgment = sense of security. Lack of attention => reject => accusation => „THEM“ <=> „US“. I find it very surprising how quickly and threatening the phantom of social alienation emerges. I also write my blogs, among other reasons, because I want to give a signal of my work, and of my presence and participation. Do we always have to communicate? Vagabonds claim to be free and independent…

I fall asleep at 7 clock in the morning. Before that, I spent a night in the hospital at the station 5A and wrote a blog text about it in the morning.  By 13 clock there is a vagabond session. And so the group responsability brings me out of bed. I had 5 hours of sleep. It’s day and normal working time. If I want to be there, I need to hurry, even if it is within my leisure time and outside of my nightly working hours. But it’s work as it takes place in the working time of the others. Work is everywhere. So I put a sign in front of my hammock saying „Work 24/7“. If your sleep is considered  as work, you work all the time. Suddenly I work a lot more than I would have when I only had worked during the day.

Many are concerned with the question whether their work is „work“, or whether their work is „no work“ in the eye of the others. And „no work“ would mean: Worthless. Is there – even on a congress of vagabonds –  no ability to follow seemingly meaningless, unreadable activities without mobilizing these senseless fears? It is obviously very difficult. We have signed a contract. We are paid. There must created something in return. The quote of Gregor Gog „general strike for a lifetime“ – here it seems to be a strange polemical paradox. Is it more than just a good sounding political slogan for an euphoric group of intellectuals who never were beggars? Someone on the meeting defends the illegibility: „We work like mushrooms. First nothing is been seen.  But eventually the mushroom grows and becomes visible and readable. “ Wanja mentions the concept of Hannah Arendt „tätig sein“ („doing?“), which of course opens a completely different horizon. This kind of „doing“ needs accaptance, confidence, generosity. I think, our temporary community in the Theater Rampe is quite a confident, humorous, generous group, etc. However, below us lies a nervousness, which probably most of us have sucked in by our life experience: The feeling of not being enough, of being forced to show activity, and to be always visible.

I was previously not aware that the time frame for social belonging is just as important as the activity itself or the place. If Justin Time tries to „do nothing“ in the public space during the working time of others, he works „not“ in the same time other work. And since Justin Time is an artist, and the „doing nothing“ is actually his work and constantly communicating, and so it is perceivable and understandable.  Justin works with his „doing nothing“ as much as those who go to their offices . Maybe he works even more. But he adds something: He makes a gift (I write all of this without having seen his action live).  Passers-by can use his installation in their own way. It is open for discussions. He works, I would say, but his work is the creation of a space that you can not buy. Justin’s art indeed is paid, but the experience that it allows is not for sale. If you had to pay an entrance fee, this work would be loose its value.

Siya, if I understand him correctly, enjoyes to attack the theater as an institution of the middle class. It seems that he finds it absurd that you have to pay for the theater while the experience the theater should offer cannot be bought.  You cannot express the value of a nightly walk with a friend in euros – like the other night my walk with Tobias Yves Zintel. If he had paid me for it, or if I would have paid him for this act the we would turn the experience into an „event“ or into something that can be possessed by one of us. This would destroy the core of its value.

At that point Akseli from „Robin Hood“ could intervene and tell me what the nature of the money is. In his presentation that was the point that provoked me. When I questioned his way of investing because I saw it as a support of the weapons industry, he just smiled mysteriously and said that one must just understand the nature of money – and therefore of the production of value I think.  Well, tell it to me. At that place of thinking I am stucked.  Andreas Liebmann 13. Juni 2014

Nacht Aktivisten: Personal der Abteilung A5 für Herz- und Gefässkrankheiten, Andreas Liebmann

Eine Nacht im Katharinen Hospital. Die Begrüssung: Klaviermusik im Flur. Zwei Menschen spielen auf einem Flügel zweihändig Popsongs. Meine Mutter war Pianistin. Ich fühle mich zu Hause. Mit dem Lift fahre ich in die Station 5A: Herz- und Gefässkrankheiten. Die leitende Schwester ist erfahren und entspannt. (Ihre Ausbildung: Kranken- und Gesundheitspfleger – „schliesslich sind Kranke partiell auch gesund, haben also auch gesunde Anteile“). Patientenberichte werden fertiggestellt, Notizen und Dokumente vervollständigt „das willst Du nicht um vier Uhr morgens machen. Niemand weiss, wie die Nacht verlaufen wird. Meistens wird es dann chaotisch, wenn Du allein bist“. Das wird sich bewahrheiten. Wir sind – mit mir – vier Menschen, die die Nacht auf 5A verbringen, mehr als genug für eine ordentliche Präsenz. Die Nacht wird ruhig verlaufen. Kein Herzalarm. Kein Neuzugang. Am Anfang der Nachtschicht werden alle Patienten nochmals angeschaut. Wer braucht Schmerzmittel, Schlaftabletten, eine neue Windel, einen Tee? Hier liegen ca. 34 Patienten. Der Schlüssel zur Zeit: 38 Patienten auf 3 PflegerInnen. Früher gab es mehr PflegerInnen pro Patienten. Immer wird gespart auf dem Rücken des Personals. Entscheider fragen selten vor Ort nach den beruflichen Realitäten. Top-Down-System. Wie angenehm, wenn es auch ChefInnen gibt, die sich selbst hochgearbeitet haben. „Sie wissen, wie der Alltag aussieht, und dass, nehmen wir an, man arbeite in der Notfallabteilung und zufällig sind zwei vergewaltigte Frauen da, was leider vorkommt, zwei Pflegefachkräfte dann restlos gebunden sind.“ In diesem Fall ist nämlich eine pausenlose Betreuung nötig.  Oder dass man eben manche Patienten nicht zu einem ökonomischeren Umgang mit Windeln überreden kann. Das Wort Krankenschwester fällt übrigens nicht in dieser Nacht. Da ich doch selbst eine Vergangenheit als Pfleger habe (Siehe erste Nacht), dachte ich zu wissen, dass Krankenschwestern in der Krankenhaushierarchie über den Pflegern stehen. Vielleicht gibt es in Deutschland andere Benennungen als in der Schweiz. Oder der Beruf des Pflegers und der Krankenschwester meinen hier das gleiche. Meiner einwöchigen Ausbildung nach habe ich heute Nacht die Zeit mit Krankenschwestern verbracht.

Ich werde in weisse Arbeitskleidung gesteckt. Eine Ärztin nimmt mich mit, sie hofft, mir ein paar interessante Bilder zu zeigen und erklärt mir, was sie macht. Ultraschall der Leiste. Hier schlägt eine wichtige Arterie, über die auch Sonden eingeführt werden, um Herzklappenoperationen zu machen. Pulsierende Farben auf dem Monitor: Rot. Blau. (Arterien, Venen). Als neue Herzklappen können künstlich hergestellte Klappen dienen, oder menschliche Klappen, oder Herzklappen von Schweinen. Ich werde als Pfleger, der stumm dabeisteht, von den Patienten keines Blickes gewürdigt. Sie liegen zu viert nebeneinander da. Alles Männer. Nackte Beine. Es ist heiss. Ein frischer Herzinfarkt liegt etwa 1- 2 Wochen da. Eine Herzentzündung 6 Wochen. Wer Wasser in den Beinen einlagert: 5-6 Tage. Danach gibt es Reha. Am heissesten:  der Controlling Raum, Aufenthaltsraum der Pflegerinnen. Monitore und Ventilatoren. Ich bin immer noch mit „Homeland“-Bildern verseucht. Die EKG – Bildschirme, die die Herzfrequenzen der Patienten direkt in das Zentrum der Station übertragen, wirken auf mich wie die Überwachungskameras der CIA. Der Unterschied: Die abgehörten Menschen wissen, dass sie abgehört werden, und es ist wirklich zu ihrem Besten. Die kleinste Unregelmässigkeit ist sofort hörbar und es kann reagiert werden. Ein maschinenerzeugter rhythmisierter Ton begleitet uns die ganze Nacht. Demente Patienten reissen immer mal wieder die Elektroden ab. Eine Vorgesetzte, die an die Kraft ihrer Autorität glaubte, hat einem dementen Patienten das Versprechen abgenommen, nicht mehr an sich herumzufingern und die Elektroden in Ruhe zu lassen. Sie hat ihm ernsthaft und mit tiefem Blick erklärt, warum das nicht gut sei. Er versprach es hoch- und heilig. Zwei Minuten später waren die Elektroden wieder abgerissen. In so einem Fall schaltet man das Überwachungsgerät auch mal aus. Es würde ständig anschlagen.

Viel passiert nicht. Weil niemand einschlafen darf, wird erzählt. Zeit muss totgeschlagen werden. Zwischendurch wird kurz im Internet nach Mode geschaut oder auf dem Mobiltelephon eine Farm betrieben. Auf diesem Computerspiel, das Pflegerin C spielt, werden Tomaten gesäht, Eier gesucht, Hühner gerupft und geschlachtet, und die Abrechnung für den Verkauf von Gurken gemacht. Wer gut farmt, kommt weiter, wer schlecht farmt, verliert den digitalen Hof. Handysurfing kann hier keiner kontrollieren. Internetrecherchen auf den Hospitalrechnern schon. Über Ausbildungen, Verfahrenstricks, Einstellungsgespräche wird geredet. Es gibt Duplo Schokolade. Ich hole mir in der Tankstelle gegenüber ein heisses Calzone Sandwhich. Eine Schwester von der Nachbarabteilung kommt auf ihrem Roller angerollt. „Hi, habt ihr Lyrica 125 oder 150“. „Lyrica“ – what a name. Ein Medikament, das den Patienten wohl die neueste Lyrik von Durs Grünbein denken lässt und dabei auf einer Neuronenlyra Gutenachtgeschichten klimpert.

Die erfahrene Schwester packt einige Geschichten über das Sterben von Familienmitgliedern aus. Tote in Badezimmern. Verpasste Untersuchungen. Tod durch Nichtwissen. Medizinchecks der ganzen Familie, weil ein Familienmitglied einen Herzinfarkt hatte. Was droht den anderen? Verdachtsmomente werden untersucht, Indizien ausgewertet. Da sind wir wieder beim Agenten. Die Krankenhaus-CIA will rausfinden „what really happened“ und will Tote verhindern. Krankheiten werden gejagt und bekämpft. Alle kommen mit einem blauen Auge davon. Man kommt anders raus als man reinging. Flüge nach Nahost auf einem Notsitz, um rechtzeitig bei Beerdigungen zu sein. Busfahrten, Hotelübernachtungen, bewaffnete Reisebegleiter. Begräbnisrituale der angeheirateten Familie. Die Frauen waschen die gestorbene Grossmutter, die Männer begraben sie. Eine Frau schreit ihren Mann an, weil er die Rituale nicht mehr kennt – er lebt im Westen und vergisst die Traditionen. Die tote Mutter darf nicht mehr von den Söhnen berührt werden. Streicheln ist nun Tabu. Männer haben ihre Rolle, Frauen haben ihre Rolle. Es wird geschrien und geweint.  Die Familie schläft mehrere Nächte im selben Zimmer wie die gestorbene Grossmutter. Sie soll nicht allein sein. Waschungen finden statt. Bei heissem Klima muss schnell beerdigt werden. Über den Sarg wird Beton gegossen, sonst stinkt es. Kinder fliegen allein im Flugzeug. Kinder werden zurückgelassen und wieder umarmt. Kaum ist der Mann bei seiner sterbenden Mutter, packt ihn die neoliberale Arbeitswut und er wird nervös:  Dies und das muss sofort getan werden. Er greift zum Handy und will arbeiten. Ein Bus, ein Bus! Die Ehefrau befiehlt: Du vergisst jetzt Deine Arbeit und verbringst die letzten Tage im Leben Deiner Mutter mit ihr.“

Der Patient in Zimmer XX hat sich gewandelt. War er zuvor laut, fluchte und jammerte auf Italienisch, ist er nun kooperativ und nett, lässt sich waschen und an- und ausstöpseln. Er hatte Albträume. Eigentlich sollte ein Psychologe vorbeikommen, oder die psychosomatische Abteilung eingeschaltet werden. Dafür ist aber keine Zeit und kein Geld. Ein anderer Patient ist neuerdings dauerhaft pöbelnd. In den Akten wird immer auch vermerkt, ob ein Patient sich kooperativ oder unkooperativ verhält. Eine Pflegerin muss lächeln, lächeln, lächeln, ruhig sein, egal, was der Patient sagt oder macht. Wer handgreiflich wird, muss zurechtgewiesen werden. Das Verhalten der Patienten hat aber auch immer damit zu tun, wie man ihnen begegnet.

Eine Lebensspanne laut Formular X: Empfängnis – Säugling – Kleinkind – Adoleszenz -Erwachsenenalter – Junge Alte –  Mittelalte – Hochaltrige  – Langjährige. Es gibt vier Begriffe für alte Menschen und drei Begriffe für die Kindheitsentwicklung. Bald wird es einen fünften für die Alten brauchen, wenn die Lebensspanne sich immer weiter ausdehnt.  Die Empfängnis wird gewürdigt in der Auflistung, der Tod nicht. Das Wort „Empfängnis“ beschreibt die Perspektive der Mutter, nicht der Person, die in die Lebensspanne gespannt wird.

Wer „prefinal“ ist, steht unter besonderer Beobachtung. „Meine Grossmutter hat sich gewünscht, dass, wenn sie stirbt, ihr Mann sich eine neue Frau suchen soll. So etwas könnte ich mir nie wünschen. Mein Mann soll keine neue Frau haben, wenn ich tot bin.“ „Meine Eltern haben mir eine Überraschung in Aussicht gestellt, wenn ich ihr Testament lesen werde. Vielleicht verschenken sie ja das ganze Geld an eine Tierschutzstiftung.“

Herzalarm meint: Wenn der Herzrhythmus, zum Beispiel, die ganze Nacht auf 120 ist, und dann, innerhalb von Minuten, in Zehnerschritten abwärtsrast. Dann blinken und glocken die Überwachungsmaschinen. Wer keine Patientenverfügung hat, wird reanimiert. Der Defibrillator wird einmal in der Nacht getestet. Alles wird protokolliert. Was nicht protokolliert wird, existiert nicht. Wir stehen mit einem Bein im Gefängnis. Wenn schwere Fehler passieren, können Anklagen folgen. Wer nicht mehr leben will, lässt sich gehen. Sich gehenlassen – zulassen, dass man geht. Diesen Beruf würde ich immer wieder wählen.

Gegen vier Uhr dreissig werden alle Patienten kontrolliert. Danach wird Kaffee gemacht: Der Morgen fängt an. Vögel. Licht. Ich gehe.

Andreas Liebmann 12.6.2014 – 6.22 Uhr

The attempt to turn a hot summer day (it is still spring) into a black cozy night, fails. In the afternoon, I am lying for hours in the hammock at the theater, trying to sleep. For a short period it works. With me in the hammock: bread, cheese, water, a cushion, a blanket. It is way too hot. Instead of sleeping I become witness to the day activism of the Kongress. Everyone is really busy. I believe to attract plenty of evil eyes: „He doesn’t do anything.“ Someone says: „And you are getting paid for it.” Someone says: „I like this refusal.“  But I don’t want to refuse anything. I just was active in the night before and am now trying to be passive, during the day. It becomes clear however, that trying to sleep in the middle of the Kongress, is however, work. An thus I address my sleep: work.
The thunder storm forces me into the theater hall. It’s 6 p.m. For me, this is morning. For everyone else it’s evening. We have Bortschtsch and salad. My breakfast. The Kongress drinks wine and vodka. I join in with the vodka: it wakes me up. I prepare for this night’s acitivity: reading „Proletarian Nights“ by Jean Ranciere one night long, in the theater hall. With a table and a small lamp.
The preface by Ranciere is beautiful Ranciere wants to dismantle the hierarchies of research – dismantle that researchers describe a reality, reality eventually has to conform to. Reality however looks differently and this is what Ranciere describes. The introduction by Donald Raid traces the battles between different leftist intellectual circles of the late 1970s in France.  Then I read texts, slowly,  very slowly, which can’t really be written for those people they describe, even if they attempt / to dismantle the hierarchies between the social groups of workers and intellectuals. That no book can be read without previous knowledge, without an already existing enclosed system of reference, that feeds you non-stop with context information.  My system of reference is utterly incomplete. But nothing yet against this book: I only get through a tiny part today, it’s too early for a judgment.
While I am reading, aloud and in silence, accompanied by Rebecca and Anna, that read along and discuss with me, my Vagabund colleagues celebrate their Feierabend. I am reading theory, they are drinking. For hours, this goes quite well. Working  on theory, surrounded by a party: perfect. This keeps me awake. After everyone has left, it‘s late, and I get tired. I can’t really concentrate anylonger. So I watch some episodes of „Homeland“. The theater hall becomes a spy factory. Dim lights. Across from me, they are tinkering on the  cable cars. They could also put together a powerful bomb. At 4.30, a conductor comes into the hall and talks to me like the CIA agent on tv. Dawn breaks, I let the conductor go on with his work and walk home. Birds.
Keywords of this night – vagrant thoughts. A worker describes a walk in the sunrise with conversations and meta-physics. Workers are not workers whose only purpose in life is labor and struggle. Workers are labeled as workers for specific purposes.  This purpose is to define an irrevocable order, within which workers are workers. Platon chooses the insidious/perfidious image, that some got a soul made of iron (the workers)  and others a soul made of gold (the philosophers). Natural order of things. In his book, Ranciere writes against this kind of manipulation. In addition, In his research, different literary genres such as argument, fiction, citation, poetry and meta-physics ought to be treated with equal value.  The texts he analyses written by so-called “workers”, are  the work of men and women who wrenched themselves out of an identity formed by domination and asserted themselve as inhabitants with full rights of a common world. Workers, too, produce culture. Cultural production is not left to the cultural professionals alone. Old style artisans were dreamers who invented philosophies. They did not stuck into the analysis of industrial production and capitalist exploitation. Who defines what is important?  The belief in historical evolution, says Benjamin, is the legitimation of the victors.
Which theorist of vagabondism has ever talked to a vagabond / homeless person? The real beggars didn’t want to have anything to so with the Vagabundenkongress, because they had other problems. Do we have to call ourselves vagabonds? Is it so cool/hip/terrific to be a vagabond-artist? Is it  really terrific to be “an artist”? Aren’t these all ‘terminological crutches’?  Siya says: Black Consciousness: the attempt to define oneself from within, to reflect on one’s situation without putting oneself immediately into a societal segmentation.  The term “worker” in opposite to “bourgeois” cements a power relation, which always places the worker at the bottom. And should he ever be on top, he as to reestablish a hierarchy, because this is how he has been conditioned/trained to think. So: the bourgeoisie on the bottom, workers on top.
This is what Ranciere counters in his writings, as he claims. His book, however seems to reproduce the hierarchy: it’s a book for theorists. What is a real worker. What is a real vagabond. What is a real real. How do weg o about now with REWE? Do we have a permission or not? Are we allowed to or not? Legal clarifications help with strategic artistic decisions.  The equality of intelligences.
Important to me are the accounts of our Vagabundenkongress-participant-friends from Russia, Argentina, Egypt. To hear how they perceive the situation, immediately changes my thoughts. Aya says: The presidential system doesn’t work for us. It´s a Western idea. We always had local councils. And this still works for us today. On Friday off to the mosque , on Saturday off to a nightclub. Azul says: For us there is no idolizing of mobility. For us, there is periphery and Center. Taissya says: We live in a dictatorship.
It’s important to gather a group of people, who are concerned with different problems. This allows to focus on different, groups, segments, topics. No theme is more important than the other. The diversification of interest is what counts. I go to sleep and Arthur cracks REWE.

Andreas Liebmann, 11.6.2014

 

Nachtaktiv: Tobias Yves Zintel, Andreas Liebmann, Mitarbeiter des kleinen Biogrossmarktes Ecofit, Lastwagenfahrer, Grossmarktwachleute, Mercedes-Benz Laboranten

Schon pfeifen die Vögel. Es ist hell. Fünf Uhr 25. Schon zu Hause. Lange haben wir nicht durchgehalten, aber mehr war heute nicht drin. Ich muss mich an die Nächte gewöhnen. Ich bin kein nachtaktiver Mensch normalerweise. Meine Aktivität in der Nacht ist normalerweise schlafen. Deswegen bin ich auch überrascht, dass es schon hell ist so früh – ich weiss es nicht besser. Die Nacht ist ruhig, und in Momenten, in denen diese Ruhe wirkt, wirkt sie bleiern oder befreiend. Einigen Nacht Aktivismus gibt es im Biogrossmarkt. Die Angestellten arbeiten stumm und effizient. Es ist nicht die Zeit, Interviews über das Leben als Nachtarbeiter zu führen. In diesem Text gibt es keinen O-Ton.

Ich gehe in jeden Raum des Biogrossmarktes, alle Räume sind gekühlt, wir frieren. Ich fotographiere Ananas, Kraut, Birnen, Beeren, Stapel, Stapelwagen, Eierkartons. Mit Schwung öffne ich die Isolierwände. Um eins war der erste Arbeiter eins da –  logistische Planung – um zwei der erste Rumräumer, um drei die ersten Trucks. Rein, raus. Der Tag will beliefert werden. Ich stehe rum. Ich bekomme eine Mango. Ich bekomme einen Kaffee. Ich stehe vor einem Nadeldrucker, der meterweise Bestellungen ausdruckt. Ich spaziere zum hinteren Tor hinaus und stehe vor einem Kieswerk. Ich erinnere mich an meinen ersten Traum.  Ich sitze auf einem Gabelstapler. Ich esse eine Tomate. Ich erinnere mich an meine Zeit als Nachtwache im Obdachlosenheim. Ich stehe vor einer Laderampe. Ich erinnere mich an meine zufällige Militärdienstvermeidung, an meine gescheiterten Versuche, ordentliche Arbeit zu machen. Die Nacht. Das Gemüse. Die Armee. Der Traum. Die Gewalt.

Im Obdachlosenheim habe ich vier Jahre lang gearbeitet. Der Stundenlohn war gut. Wenn nichts los war, schlief ich nachts.  Mal wurde an den Fensterscheiben gerüttelt, mal wollte einer rein, konnte nichts bezahlen, einer der Bewohner kotzte oder wurde verfolgt. Alles musste geregelt werden. Das fertige Essen von der Stadtküche musste warmgemacht werden, der Kaffee gekocht, die Brötchen geschnitten. Der Einbeinige, der Einarmige, der Verfolgte, der Verrückte, der Edle, der Nette, der Guru. Alle wohnten hier, längere Zeit, kürzere Zeit. Anfangs interessierte ich mich für sie. Wollte helfen. Mein Hundeblick blickte ihnen tief in die Augen und in ihr interessantes Schicksal. Die meisten fanden ihr Schicksal nicht interessant, sondern hatten Probleme. Niemand interessierte sich für mich. Und nach vier Jahren war mein Interesse erkaltet. Ich musste gehen. Zwei Jahre später schrieb ich eine Geschichte über einen Nachtwächter in einem Obdachlosenheim, der das Heim anzündet.

Den Militärdienst habe ich zufällig vermieden. Ich hatte einen schweren Fahrradunfall und ständig Kopfschmerzen. Nach der Schule musste ich immer sofort in meine Hängematte und schlafen. Das Mädchen, in das ich verliebt war, interessierte sich für jemand anderen. Die Offiziere, die mich prüften, verschoben die Aushebung auf nächstes Jahr. Dann war mein Kopfschmerz immer noch da, ich musste ständig schlafen und einen Strohhut tragen. Der Neurologe sagte mir ein Leben mit Kopfschmerzen voraus.

Um den vermiedenen Dienst am Vaterland zu kompensieren, heuerte ich als Pfleger in einem Krankenhaus an. Um sieben Uhr ging es los. Um sechs Uhr musste ich aufstehen. Die Pflegeruniform mochte ich nicht. Ich lernte, dass man Wunden bekommt, wenn man immer auf der gleichen Stelle liegt. Ich lernte, Menschen auf die andere Seite zu legen. Ich wollte mehr lernen. Ich lernte, Spritzen zu geben, obwohl ich das noch nicht lernen durfte. Ich wurde müde von den ständigen Anweisungen und Vertröstungen. Nach einer Woche hatte ich einen leichten Unfall beim Fussballspielen, den ich sofort als Vorwand nahm, den Rest meiner Zeit im Krankenhaus zu vermeiden. Später bezahlte mich die Versicherung fürstlich für meinen Ausfall.

Ich arbeitete mit 16 in einem Gemüsemarkt. Ich mochte den Kühlraum. Ich erinnere mich sonst an nichts. Mit dem Geld verdiente ich mir einen Sprachaufenthalt in Torquay, England, wo mich gelangweilte Engländer in einer Nacht umgebracht hätten, hätten sie mich erwischt. Von der Verfolgungsjagt und der Rettung durch die Polizei hatte ich jahrelang Tagträume.

Mein erster Traum handelt davon, dass ich in die Ferien fahre. Meine Schwester will mitkommen, ist aber nicht im Zug. Ich steige aus und will sie holen. Sie ist hinter einer Mauer versteckt. Ich will unter der Mauer durchkriechen, aber der Bach unterspühlt die Mauer. Ich sehe nur noch eine Sandale, deren Schnalle sich im rieselnden Wasser löst.  An diesen Traum erinnert mich das Kies, das hinter dem Grossmarkt von einem Lastwagen abgeladen wird wie ein steinerner Wasserfall.

Tobias und ich sagen dem Biogrossmarkt adieu. Es ist ein kleiner Grossmarkt. Wir spazieren durch das Industriegebiet Richtung Mercedes. Echte Industrie! Der echte Neckar. Und ein echter Grosshandel. Wachleute. Sicherheitszäune, Bauarbeiten. Mercedes ist hier so wichtig, dass es einen Schiffsanlegeplatz gibt, der „Mercedes-Museum“ heisst. In zwanzig Jahren ist die ganze Industrie hier ein Museum, wenn sie sich nicht neu erfindet. Der Automarkt hier läuft nicht mehr so richtig, nun wird halt China mit Autos vollgestopft und die Luft auch dort vergiftet. Flussdelphine wurden innerhalb von fünf Jahren ausgerottet. Die Briten haben den Markt in Japan gewaltsam geöffnet: Den wichtigsten Hafen so lange belagert und beschossen, bis die Japaner sie reinliessen. Das Kapital will spielen. Und wenn es nicht mehr spielen darf, wird geschossen.

AL 10.Juni 2014. – 06.10 Uhr