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Schlagwort-Archive: H.K. Biesalski

Die Abschlussveranstaltung von Bouvard und Pécuchet 3000 / Das 3. Kapitel
sowie zwei
 Extra-veranstaltungen mit Prof. H. K. Biesalski (Ernährungsmediziner) und Andreas Liebmann (Indiana Jones)

 

Mittwoch, 29.1.: FILMABEND 

Lichtnahrung und Fressen:
Parallelscreening zweier Filme, die gegensätzlicher nicht sein könnten.

Dazu: Bio Snacks und Fettige Dips

Gespräche über: Gier, Askese, Verschwendung und Konzentration

 

Samstag, 1.2.:  BASTELN

Basteln mit Essen:  Mit Essen spielt man nicht. Aber man kann schön basteln. Aus Kohl, Karotten, Kurken, Nüssen und weiteren Naturprodukten machen wir Skulpturen mit der Halbwertzeit einer Kompostkultur.

Essen kann man essen. Was sonst noch?

Gespräche über: Genuss, Moral und Kunst

 

Sonntag, 2.2.:  EXPERIMENT

Unkontrollierte Laborbedingungen:
Nach 3 Wochen Kollaboration zwischen Ernährungsmedizin und Kunstpraxis wird die Kunst des Essens einer weiteren Laborsituation unterzogen.

Prof. H.K Biesalski und Indiana Jones publizieren in dieser Abschlussveranstaltung ihren angesammelten Austausch, kochen, lesen vor, musizieren und versuchen, was nicht zu versuchen ist.

Gespräche über: Gesundheit, Vergiftung, Hunger und Geschmack

Moderation: Jan Philip Possmann

L besucht B in seinem Forschungszentrum. Es liegt hinter dem Hügel, im Tal des Denkens. Betonbauten aus den 70er Jahren verbergen Rechner, Pipetten, Mikroskope, forschende Geister, analysierende Computer, Hinweisschilder, durchgestrichene Totenköpfe, Pinguinaufkleber, Gefrierschränke, Aktenordner, Zellkulturen, extrahierte DNA Ketten, mittagessende Mensabesucher, und B. B. hat einen vollen Tagesplan, weshalb er L nur eine Stunde lang empfangen kann. Sie sprechen über Verschwendung: Kann es irgend einen Sinn ergeben, öffentlich etwas zu verschwenden? Kann es Sinn ergeben, etwas zu verschwenden, wovon man zu wenig hat? Ist Obszönität dann gegeben, wenn man verschwendet, wovon man sowieso alles in Mengen besitzt, während es ein fast spiritueller Akt ist, etwas, wovon man kaum hat, so zu verschwenden, als wäre man ein König? Erst einmal sind das abstrakte Fragen, aber der Künstler (Indiana Jones) möchte gern öffentlich verschwenden: Kegeln mit Gurken und Kürbissen – nur ein dummer Witz, eine alberne Kinderei oder lustvoll lustig und daher sinnvoll?

Spass haben mit essen – verboten? Geschmackvoller Spass, geschmackloser Spass. Auch Essen ist Geschmacksache (Nicht nur Kunst. Wissenschaft – Geschmacksache oder eine Frage der Vernunft?).

Ein Kollege von B führt L durch das Labor der Ernährungsmedizin. Vitamine werden extrahiert. Zellen Jahrelang tiefgefroren. L blickt durch ein Mikroskop und sieht Maiszellen. Ist das, was eine Maiszelle ausmacht dasselbe wie das, was den Maiskolben ausmacht? Ist, was L sieht MAIS? Oder ist, was L sieht KEIN MAIS? Inwiefern kann man vom Betrachten einer Maiszelle auf den ganzen Mais schliessen, und wo ist die Grenze? In der Elementarteilchenforschung findet man, dass die kleinsten Einheiten sich komplett anders Verhalten als ihre grösseren Verbände. Wie ist das bei Maiszellen? Sprechen Maiszellen fünf Sprachen und kennen sich in Kunstgeschichte aus, während Maiskolben vor allem gern gegessen werden, aber kein Wort Englisch sorechen?

Thema Golden Rice. B echauffiert sich und L denkt dass das für B ein essentielles Thema ist. Golden Rice ist Reis, dessen Gene so manipuliert sind, dass seine Körner Vitamin A enthalten. Damit könnte man sehr viele Menschen vor Mangelerscheinungen wie  Erblindung schützen. Aber Golden Rice wird von Umweltschutzorganisationen heftig bekämpft, weil sie denken, der ethisch scheinbar korrekte Reis werde als „Einfallstor“ für weitere genteschnisch veränderte Organismen eingetzt – also als Pflanze, deren Genmanipilation ethisch makellos ist und die somit Argumente für den verstärkten Einsatz von  Genmanipulation liefert.  L wird schwindlig vor den Dilemmata. Ata. Ata. Und erinnert sich an einen Artikel, den er zwei Tage später in der FAZ lesen wird. Dieser prophezeit, dass in Zukunft Bio-Landbau und Hightech sich immer mehr annähern werden.

Zurück zur Natur: Wohin ist das?

Gene abschaffen: Dürfte kompliziert werden.

Back to the Roots: Sag das mal der Karotte.

AL 21.1.2014

Das Thema Ethik scheint ein wiederkehrendes zu werden in dieser Projektreihe. Rafael Capurro, unser erster Wissenschaftler, ist Informationsethiker. Aber das hat sich nicht weiter ausgewirkt.

Bei Baubotanik, im zweiten Kapitel, kam dafür sehr schnell, schon beim Einzug, die Frage aus dem Publikum, ob die Baubotaniker eigentlich einen ethisch vertretbaren Umgang mit Pflanzen betreiben und propagieren. Schließlich ginge es ja um die Instrumentalisierung und Konditionierung von Lebewesen im Interesse der menschlichen Technik. Überwallen und Verwachsen von Pflanzen gegen ihre Natur. (Aber wer kennt die schon?) Die von mir ins Rennen geworfene Formulierung Monsterbotanik hat sicherlich nicht geholfen, die Front zu entschärfen. Bei den Besprechungen zwischen Monstertruck und Baubotanik ging es dann auch sehr schnell schon wieder um Gewalt, um Schraubzwingen an Baumstämmen und Stahlstifte die Äste durchstoßen, um die Baumvergewaltigung aus „Evil Dead“ und um die berüchtigte Bambusfolter.

Als bei der botanischen Shakespeare-Inszenierung der Tod der Figuren den Tod der botanischen Darsteller, nämlich eines Buchsbaums, nach sich zogt, wa es scchon wieder da: die Grenzen der Freiehit der Kunst gegenüber Bäumen. Wir hatten vermutlich einen Präzedenzfall geschaffen, die erste Baumhinrichtung auf einer Bühne. Aber was ist mit den Tonnen von Bühnenbildholz, die alljährich an deutschen Stadttheatern verbaut und anschließnd verfeuert werden?

Als Andreas Liebmann und ich uns vor ein paar Tagen für das 3. Kapitel über interessante Themen zwischen Ernährung und Ästhetik unterhielten, kamen wir sehr schnell auf das Problem der Verschendung von Lebensmitteln, nicht nur im Theater. Sahar Rahimi hatte im Einzug des 2. Kapitels gesagt, dass ein Reiz des Theaters ja auch der sei, dass man unnütze oder unvernünftige Dinge tun können, wie zum Beispiel Essen sinnlos zu vernichten. Ein Reiz, dem Monster Truck regelmäßig erliegen. Was wäre, wenn man einen Spieleabend mit frischen Lebensmitteln ansezte? Oder einen Brotschieterhaufen? Was wäre die Vernichtung von 15 Kilo Brot gegen die Zerstörung eines Holzstuhls auf der Bühne? Ethisch betrachtet?

Ich frage mich, ob das Wiederkehren ethischer Fragen, im Wesen dieser Zusammenarbeiten liegt. Klar ist, dass ethische Erwägungen in der Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen, sowohl was die Methode (medizinische Versuche) als auch die Folgen betrifft (Atomforschung). In der Kunstproduktion, würde ich behaupten, kommt das Problem marginal vor: bei den genannten Gewalttaten auf der Bühne (sehr marginal), bei Persönlichkeitsrechten in den erzählenden Kunstgattungen (heute zwar beliebt, aber ehrlich gesagt auch eher Einzelerscheinungen), bei der Verletzung des Betrachtergefühls (wird immer weniger).

Was wäre denn für das Methodenproblem in der Wissenschaft die Entsprechung in der Poetik? Schauspieler, die von ihren Regisseuren gezwungen werden, sich mit Nutella einzuschmieren? Ist dann der Schauspieler das Objekt der Kunst, wie das Kaninchen das Objekt der experimentellen Forschung? Oder die Gefühle des Zuschauers, wenn der Darsteller sein Genital über der ersten Reihe schwingt? Dann wäre der Zuschauer das experimentelle Objekt.

Liegt der Grund darin, dass Kunst tendentiell mit einem ethisch urteilenden Blick auf die akademische Wissenschaft blickt? Warum sollte sie?

Oder dass unser Setting – irgendwo zwischen Infotainment, Kunst und Diskurs – die wissenschaftliche Praxis plötzlich in einem ethisch zweifelhaften Licht erscheinen lässt? Macht dieses Licht im Labor der Rampe andere Dinge sichtbar?

Ich vermute, dass es eine Frage des Blicks ist. Des Blicks der KünstlerInnen auf die wissenschaftliche Praxis, der zum einen Oberflächen in den Fokus nimmt, die dem Blick der WissenschaftlerInnen entgehen – zum Beispiel die visuelle Prägnanz eines von glänzendem Stahl durchstoßenen grünlichen Stamm -, und zum anderen die Symboliken und ästhetischen Analogien der wissenschaftlichen Praxis wahrnimmt – zum Beispiel die moralisch emotionale Aufladung von Lebensmitteln.

JP