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Kapitel 3: Biologie, Ernährung, Evolution

L macht einen Selbstversuch: Containern. Eine Freundin sagt ihm wo und wann. L schläft vor und schaut beim Einschlafen „Das grosse Fressen“. Vier Typen bringen sich mit Essen um. Das ist selbst den Nutten zu doof, die sie dazubestellt haben: Sie lassen die Herren alleine sterben. Nur die Kindergärtnerin bleibt, und begleitet fürsorglich alle in den Tod. Der Film ist bekannt und natürlich ein widerlicher Genuss. Die Männer geben den Frauen gern Befehle. Die Frassvilla ist wunderschön, nostalgiegesättigt, morbid. Die Metapher des Films kann, vierzig Jahre nach seiner Premiere, etwas abgegriffen erscheinen. L´s Lebensstil ist Teil einer rasenden Todesfahrt. Eine Überraschung ist das nicht mehr. Dabei gibt L sich so Mühe, zumindest ein paar Hebel, die er erreichen kann, umzulegen. Viele Menschen versuchen das. Wie schauen Überlebende in hundert Jahren auf diesen lächerlichen Tanz?  Die Theaterumsetzung an der Volksbühne 2006 hat L verpasst. Was dabei in einer Theaterkritik angemerkt wird: „Es ist ziemlich sicher, dass die Spieler auf der Bühne – eine kräftige Portion Exhibitionismus vorausgesetzt – beim fröhlichen Herummantschen der höchstmöglichen irdischen Glückseligkeit ziemlich nahe kommen. Hier zeigt sich, dass „Das Große Fressen“ Dekadenz, Lebensüberdruss oder gar Depression nicht abbildet, sondern unterläuft. Der Abend bietet in seiner unkomplizierten Anschaulichkeit dem Zuschauer die Möglichkeit, seine Neidgefühle gegenüber den enthemmten Spielern zu entdecken, sie sich einzugestehen und so mit Fantasien in Kontakt zu kommen, die möglicherweise unreinlich und triebhaft sind, dabei aber von urwüchsiger Lebenslust zeugen. Beim Film war das nicht anders.“ Also: Fressen, sich im Essen wälzen, kann auch, ganz simpel, Vergnügen sein.
Containern. Um halb eins steht L auf, zieht sich an. Müde. Soll er nicht ein Taxi rufen? Dann wäre das Ganze schnell vollbracht. Er sucht Taxinummern. Dann geht er raus in die Nacht und holt sich ein DB-Fahrrad. Er sucht den Supermarkt, der ihm angegeben wurde. Eine halbstündige Fahrt. Erster Impuls, als er vergitterte Container sieht: „Das kann ich nicht“. Eine viertel Stunde kurvt er um das Gebiet. Gibt es Wachleute? Polizei? Er nähert sich den Containern. Eine Gittertür ist offen. Irgendwann steht ist er drin. Findet aber nichts. Nur echten, dreckigen Müll. Wahrscheinlich waren andere schneller. Er geht herum, schaut in verschiedene Container. Nur Müll, Müll, Müll. Er fährt nach Hause und schaut unterwegs noch bei anderen Supermärkte vorbei. Die meisten sichern ihren Müll mit riesigen Vorhängeschlössern und Metallrollos.
L kommt sich in dieser zweistündigen Nachtfahrt wie ein Krimineller vor. Wer Müll essen will, bewegt sich zumindest in einer rechtlichen Grauzone. Indiana Jones an die Supermärkte: Stellt Euren essbaren Müll tagsüber raus. Wer Müll frisst, ist keine Ratte und möchte nachts, wie jeder, schlafen.

Zum Experiment am 2. Februar 2014 kommt der Frankfurter Ethnologe Sebastian Schellhaas, der sich auf Fragen zu Essen und Ernährung spezialisiert hat, zu Besuch in das Labor von Bouvard & Pecuchet 3000.

Schellhaas ist Doktorand am Graduierten Kolleg „Wert und Äquivalent“ an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und forscht zurzeit über den Potlatch der nordamerikanischen Ureinwohner. Gemeinsam mit dem Weltkulturen Museum hat er 2012 das sehr schöne Buch „Die Welt im Löffel“ herausgegeben.

Am Sonntag wird er einen Kurzvortrag halten und mit unseren beiden Forschern Liebmann und Biesalski diskutieren.

 

JP

L sitzt in seinem Atelier und schaut einen Indiana Jones Film. Indy schafft es, aus jeder Situation herauszukommen, und sei sie noch so gefährlich. Selbst die gefährlichsten Stunts überlebt er gutaussehend, und seine Partnerin, dämlich, ist,  auch nach einem 30 Metersturz, immer dauerwellengelockt. In der Mitte des Films findet ein grosses Gelage statt: Indy und seinen Begleitern werden lebende Aale serviert, frische Käfer, Affenhirn im Affenkopf, Kuhaugensuppe. Indy darf alles riskieren, weil er immer überlebt: Also isst er fröhlich, während seine Begleiterin vor Ekel umkippt.

B stürmt ins Atelier. Er bringt L´s Cello mit. B ist als Wissenschaftspartner in den Wochenterminen der Jack-in-the-Box. Entweder ON oder OFF. Er muss sich nie hochstarten oder runterfahren. „Die Zeit ist knapp, also loslegen“. Und wenn Zeit ist, zu gehen, wird stracks gegangen. B sieht die Filmsequenz mit den Affenköpfen: „Das ist ja bekannt“. B+L reden über die Wegwerfkultur – und zwar nicht über den allseits bekannten Fakt, dass wir zuviele Lebensmittel wegschmeissen, obwohl sie noch geniessbar sind (Joghurt zB ist auch nach dem Ablaufdatum noch lange essbar, deswegen wird es auch „containert“, also von Aktivisten und Bettlern wieder aus den Mülltonnen der Grossverteiler herausgeholt), sondern über unsere Definition von gutem Essen. Gut ist zum Beispiel nicht: Hahnenfüsse, Schweinskopf, Innereien, Stierhoden, Leber, der Stiel der Brokkoli, Kartoffelschalen etc.  („Leber wird so gut wie nicht mehr gegessen, obwohl sie unglaublich gesund ist und viele wertvolle Stoffe enthält. Keiner weiss mehr, wie man Leber macht“). Diese Dinge werden in der Regel in Länder verkauft, wo sie als Delikatesse gelten: China, Afrika. B macht den Witz des Walkie Talkie: „In Afrika haben alle ein Walkie Talkie, sie essen nämlich die Füsse und den Kopf des Hahns.“ B+L überlegen, ob sie am Sonntag zur Abschlussveranstaltung ein Containern de Luxe machen, also Essen servieren, das wir nicht mehr wollen, aber in anderen Ländern mit Freuden verzehrt wird. Das scheint auch eine Herausforderung an die eigenen Augen zu sein („Die Augen sind das Problem – die Geschmacksnerven machen das alles problemlos mit“). Wir wollen auch Biowein ohne Alkohol servieren, Fleisch ohne Fleisch, Schokolade ohne Zucker. Das ist die Kehrseite: Fressen und saufen wollen, aber keine Konsequenzen spüren. B ereifert sich über alle möglichen Edeltrends im Biosektor. Zum Beispiel die mittlerweile industriell organisierte Verteilung von Biokisten – die in der Regel weder besonders saisonal noch lokal hergestellte Biowaren direkt an die „Besseresser“ liefern. Wir können es uns eben leisten. Aber „Wer Hunger hat, der isst alles“. Indy könnte das alles mit einem Peitschenhieb lösen. Wir brauchen etwas länger.

AL 28.1.2014