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Ästhetik

Kulturpolitik_KommentarVonFrauGolombek_290715_1Zwischenruf des Theaters mit Bezug auf den Kommentar in den Stuttgarter Nachrichten vom 29. Juli 2015:

Dass es geschickter Antragsrhetorik bedarf, als Künstler auf seine Kosten zu kommen und dann trotzdem Kunst zu machen, ist noch keine Kunst. Dass sich die Künstler von dem Karren, den ihnen politische Förderziele anhängen wollen, nicht gleich den Weg versperren lassen müssen, ist ihre Voraussetzung. Gerade der Karren der monströsen MONSTER TRUCKER befördert keine betuliche Soziokultur.

Kategorien normieren. Dagegen wehren sich Künstler mitunter. Die Normierungen der Normalität überschreiten und damit auszusetzen ist ihr Potential.

Eine weit verbreitete Normierung ist, Theater auf Schauspielkunst zu reduzieren. Die Ikone des virtuosen Schauspielers, den das Publikum als Star feiern kann, ihn mit Rosen kränzt und ihm Ehrenringe an die Finger hängt, mit Theater gleichzusetzen, ist sein Hirntod. Theater ist doch nicht zu reduzieren auf den „gut geölten Schauspielermuskel“, wie Jelinek ihn einmal wütend definiert hat, um der selbstzufriedenen Wiener Bürgerschaft den Schrecken wieder einzujagen. Die andere Reduktion findet statt, wenn alles, was mit Bürgerbeteiligung zusammenhängt, gleichgesetzt wird mit einem moralischen Zeigefinger oder „Erziehung zur Mitmachgesellschaft“. Wer die Arbeit von MONSTER TRUCK gesehen hat und sich damit konfrontiert, weiß, dass der Ansatz dieser Gruppe es ist, Normierungen, Klischees, schnelle moralische Wertungen so zu überhöhen, bis sie unbrauchbar und fragwürdig werden. Das als pädagogisch abzutun, ist mir zu kurz gefasst. Das ist vor allem eines: der Versuch mit plakativer Symbolpolitik spielend den nervenden Nerv der Komplexität zu treffen. Ihn schmerzend austreten zu lassen aus diesem schmucken Gehäuse, das sich Theater nennt.

Was die freie Szene tun soll oder nicht, weiß ich nicht. Es gibt keine guten oder schlechten, keine förderungswürdigen oder -unwürdigen Theatermittel, Kunstformen an sich. Ist immer alles nur eine Frage, wofür und wie sie eingesetzt, kontextualisiert und auf den Punkt gebracht werden. Eines gegen das andere auszuspielen, führt nur in die Bequemlichkeit einer festgegossenen Form zurück und erinnert an längst vergangene Zeiten, als auf den Bühnen Regie gegen Schauspiel spielte oder Regie gegen Autor oder Schauspiel gegen Autor. Oder Kunst gegen Publikum. Aber diese Konflikte sind doch nicht die, die unsere Zeit auszufechten erfordert, finde ich!

Martina Grohmann

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