Volks*theater Praxis: Das Herzstück. (Tag 2)

Foto: Dominique Brewing

Pro Abend tragen 6-8 Gäste aus der Nachbarschaft ihre Ideen, Beispiele für oder Gedanken über ein neues Volks*theater vor: Tag 2, Donnerstag, 27.06.2019

1. Beitrag: Jago – Querflöte

Atem hilft, im Augenblick zu sein. Seine Lieder sind alle improvisiert. Er hat Flöte spielen nicht in der Schule gelernt. Geboren wurde er in Brasilien, für ihn zählen “feelings” mehr als Handwerk; sich selbst zu lieben und zu akzeptieren bringe der eigenen Kunst mehr als alles andere.

Song to go somewhere else,
a magical place,
like a forest for example

Insgesamt spielt Jago drei Lieder, sowohl auf seiner Querflöte als auch Blockflöte.

2. Beitrag: Kathrin Wegehaupt vom Kulturkabinett Cannstatt

KKT ist sozio-kulturelles Zentrum, bis zum Jahr 2011 hieß es noch „Kommunales Kontakttheater Stuttgart“. Gegründet wurde es 1972 mit einer spektakulären Aktion auf dem Schlossplatz, der versteigert werden sollte („Boden, Wohnen Mieten“). Auch die weiteren Aktionen, Vorstellungen und Aktivitäten waren sehr außergewöhnlich und riefen kontroverse Resonanz hervor. Zum Beispiel waren oft Publikum und Schauspielende nicht zu unterscheiden, heftige Diskussionen wurden geführt, der damalige OB Rommel spielte sogar oft mit während Vorstellungen, die im Rathaus stattfanden.

Die Arbeit des KKT ist zu 50 % politische und soziale Arbeit und zu 50 % die Lösung sozialer Probleme, es ist ein Beteiligungs- und Betroffenentheater. Unterschiedliche Auffassungen zu Problemen sollen szenisch/darstellend erarbeitet werden, alle Formen sind dabei erwünscht, Begegnungen sollen ermöglicht werden, die Mitwirkenden sind alle ehrenamtlich tätig. Die Idee dahinter ist, dass jeder Mensch Expert*in in seinen Problemen ist, daher kann auch jede*r Theater erarbeiten. Die Menschen auf und hinter der Bühne sollten Betroffene sein, die ihre Standpunkte vertreten. Politische Entscheidungsträger*innen wurden und werden dabei auch jeweils eingeladen, sowohl als Zuschauer*innnen als auch Akteur*innen. Die Bühnen sind dort, wo Probleme sind, also auch in einer JVA, einem Krankenhaus usw.

Projekte von früher sind immer noch aktuell, wie Kathrin feststellte, während der Recherche, z.B. die Themen Resozialisierung, Wohnungsnot, würdevolles Altern, Frauenrechte, Abtreibung, Krankenversorgung, Friedenspolitik etc. Daher ist sie auch sehr gespannt auf das Volks*theater.

Frage aus dem Publikum: Gab es damals unterschiedliche Meinungen oder war das Klientel eher homogen?

Antwort: Unterschiedlichste Gäste wurden extra eingeladen, um eine möglichst vielfältige Repräsentation zu garantieren und spannende Diskussionen zu fördern, was auch glückte.

Weitere Frage: Waren unterschiedliche Schichten anwesend?

Antwort leider nicht möglich.

3. Beitrag: Theater am Faden – Helga Brehm und Franziska Rettenbacher

Videogruß Helga Brehm: In Indien sind Puppen höherstehend als der Mensch, sie gleichen Göttern, die nur pfeifend dargestellt werden, da der Mensch nicht würdig ist, diese Figuren sprechend darzustellen. Helga bevorzugt Stangen-Puppen, die nur über eine Kopfneigung verfügen, was ein distanzierteres Erlebnis garantiert. Sie glaubt, dass das Publikum durch Abstraktheit mehr berührt wird, das Miterleben ist für sie das Wichtigste, trotz einer gewissen Distanz. Emotionale, persönliche Figuren bzw. Darstellungen seien auf den ersten Blick zwar zugänglicher, gleichzeitig aber schnell wieder vergessen und daher trivial.

Franziska Rettenbacher: Das Theater existiert seit 48 Jahren, für sie bedeutet Theater Familie. Ihre Mutter verfügt über eine große Sammlung, gelernt hatte sie in Tschechien; mit ihrem Puppentheater ist sie viel gereist und herumgekommen, z. B. auch bis Sibirien. Das erste Stück – Jorinde und Joringel – ist schon 50 Jahre alt.

Derzeit findet ein Festival statt, zu dem auch indische Puppenspieler angereist sind, die sie mitgebracht hatte. Die beiden indischen Gäste zeigen kurze Impressionen: 1. Puppe ist populäre Tänzerin. Einer der Männer trommelt und singt, der andere spielt die Puppen. Die 2. Puppe ist ein „magic show man, like Michael Jackson“: Sie tanzt und hebt immer wieder ihren Kopf vom Körper, auch am Boden kriechend, wirft sie den eigenen Kopf vor sich her oder balanciert den Kopf auf einem Fuß während des Handstands. Das Publikum wirkt sehr amüsiert. Am Schluss kommt Franziskas Partner (Name?) noch die Bühne, mit seiner Trommel, später trommelt er mit dem Inder noch ein Duett.

4. Beitrag: Philine

Die Probleme ihrer Freunde werden oft nicht auf Bühnen verhandelt, sie arbeitet derzeit frei mit Queers. Auch während ihrer Zeit am ADK hatte sie den Eindruck, dass immer alles diskutiert wird, nur nicht die Inhalte.

Ihrer Meinung nach sollte auf Bühnen verhandelt werden, wie wir leben wollen. Stichworte wie Vorbilder, Grundwerte, Respekt und Wertschätzung sollten Beachtung finden. Der gestresste Busfahrer, die Überstunden leistende Ärztin, die Putzfrau von nebenan sollten Protagonisten eines Volks*theaters sein, Umwelt und Natur sollen thematisiert werden.

In einer Zeit, in der Politiker*innen Morddrohungen erhalten, sollten Umgangsformen und der fehlende Respekt diskutiert werden. Fragen, wie sollte man mit Menschen umgehen, die so sehr hassen, sollten aufgegriffen werden. Der Einfluss der sozialen Medien ist enorm, Stichwort Filterblasen; die Verhältnisse sind schwierig, daher greifen Leute auf das Konzept des Sündenbockes zurück. Kategorisierungen (weiß vs. POC, hetero vs. LGBTQ usw.) lassen Menschen verschwinden, was sehr problematisch ist. Die Kunst ist zu sehr mit Ästhetik beschäftigt, Inhalte und Werte sind nachrangig. Feline möchte das Theater als Erziehungsort reaktivieren: Menschen sollen zusammengebracht werden, Empathie soll vermittelt werden. Es sollen moderne Heldengeschichten erzählt werden, die Hoffnung machen, Identifikationsangebote sollen offeriert werden, Nachgespräche geführt werden. Kurz gefasst: Es soll mehr miteinander statt übereinander gesprochen werden.

5. Beitrag: Alex Sowa – Bildender Künstler

Alex wünscht sich ein Theater der Überforderung. Was ist Volks*theater? Ist es für die Bevölkerung oder für Touristen? Innen nicht außen? Soll eine Aufnahme ins Volk erfolgen? Kunst ist älter als Politik – was ist mit den Volksparteien: herrscht Neid oder Bedauern? Kartenverkauf: ist Volks*theater ein volles Theater? Volk muss erst noch definiert werden.

Was ist Realität? Stabilisierung des Volkes? Kunst ist Kampf mit dem Papiertiger (Alexander Kluge). Kunst ist eine Auseinandersetzung mit dem Nicht-Identischen.

Einzig die Überforderung sei Kunst. Kunst verglichen mit Liebe ist ein Geben, kein Nehmen, nichts zu erwarten. Liebe ist Liebe des Nicht-Identischen, andernfalls ist es Narzissmus. Kunst muss herausfordern, überfordern. Nicht die Vereinigung, sondern die Differenz muss das Ziel sein. Kunst als etwas Gefälliges kann verglichen werden mit Nicht-Schwitzenwollen beim Sport.

 

6. Beitrag: Tatjana Milicevic und Jordan Djevic – „Die Perlen“

Jordan spielt Akkordeon und bedient Loop-Station, Tatjana singt und tanzt, Ausdruckstanz, sehr frei, gemischt mit  traditionellem serbischen Volkstanz.

 

7. Beitrag: Robert Atzlinger

Robert trägt folgende „Eindrücke“ vor, die er auf dem Weg zur Rampe erlebt hat.

Schöttleplatz. Zwei Frauen mit Kopftüchern. An einer Ecke ein Obdachloser. Plakat Kino. City-Management Job-Angebot. Gaststätte, aus der Lachen zu hören ist. Aufruf „Für Freiheitsrechte kämpfen“. Dicker Junge dribbelt Ball. Vor einer Kneipe sitzen Gäste diskutierend. Aus einem Wettbüro kommt ein Junge mit Sporttasche. Auf der Straße läuft ein Mann, der seinen Arm ganz steif in der Hosentasche hält. Ein Mann mit Rollator. Aufforderung: An Lotto teilnehmen. An einer türkischen Imbissbude halten sich Gäste auf, die sich unterhalten. Ein Typ starrt in den Imbiss. Der dribbelnde Junge trifft seine Freunde. Aufforderung eines Friseursalons: Eine Kosmetikbehandlung buchen. Kinder toben am Wasserspielplatz. Ein Vater mit Kind kauft Eis und kratzt sich am Sack. Ein Luftmessgerät an der Hauptstätter Strasse. Ein Typ mit Ghettoblaster läuft aus dem Fitness-Studio, Bier trinkend. Ich laufe die Treppe hoch, dort hängt ein Schild „Bitte ab 22 Uhr Rücksicht auf unsere Nachbar*innen nehmen“

Zweite Route

Ein E-Roller. Frau mit Tüten vollbepackt. Frau in reptilienfarbenem Kleid, an Haus klingelnd. Frau mit Blümchenbluse mit leerer Papiertüte. Vater mit Lastenrad. Aufforderung Brezel essen. Aufforderung Bonsaiausstellung besuchen.

….

Frau mit Krücken tastet sich an Bushaltestelle entlang, schleppt sich Treppe hoch. Schild „Bitte ab 22 Uhr Rücksicht auf unsere Nachbar*innen nehmen“

 

8. Beitrag: TOTLN – Bureau Baubotanik und Hertl

Hannes verliest Versprechen des TOTLN, Oliver und Hertl stehen mit Schildkrötenmasken an anderer Seite der Bühne. Auf der Leinwand wird eine Skizze des Areals projiziert.

Hannes: Das THEATRE OF THE LONG NOW ist das Versprechen eine mindestens 100 Jahre andauernde Aufführung stattfinden zu lassen. Im THEATRE OF THE LONG NOW gibt es unzählige Protagonisten, darunter der Boden, verschiedene Institutionen, Pflanzen, Metall und eine Schildkröte, sowie mindestens ein junger und ein alter Mensch. Wetter und Kostendruck, Solidarität und politische Entscheidungen sind ebenso entscheidend für den Verlauf seiner Aufführung. Ein Ende der Aufführung ist nicht absehbar.

Das TOTLN ist ein Theater der Vielen, nicht der Einen. Viele bilden ein Gefüge. Wir mögen Menschen, Maschinen, Pappeln, Holzbienen, Menschen, die mit Maschinen umgehen…

Währenddessen kleben die Schildkröten Oliver und Hertl ein gelbes Klebeband quer durch den Raum auf den Bühnenboden, in Zeitlupentempo: Einer rollt das Klebeband ab, der andere klebt es mit den Füßen fest, indem er immer ein winziges Stück weitergeht.

Hannes: Wir haben keine Schildkröte im Ensemble, aber Gefährt*innen. Brachen täuschen jeden…

Hannes und Hertl wechseln: Hannes zieht sich nun die Maske über und Hertl verliest weiter.

Hertl: Wir haben eine Vorstellung von Langsamkeit. Wir haben eine Vorstellung von Zeit, die wachsen kann. Länger, als wir leben. Wir haben eine Vorstellung, die unaufhaltbar, nicht nachwachsend, käuflich ist. Wir haben eine Vorstellung vom Ende. …Wir haben eine Vorstellung von Körpern, an Grenzen stoßend. Wir haben eine Vorstellung von rauhem Sand, kaltem Beton, zarten Blättern… Wir haben eine ungeheure, widernatürliche, lebendige Vorstellung.

Oliver und Hertl wechseln Maske und Text.

Oliver: Ein Theater mit hitzefrei, auf Wachstum beruhend. Wir haben keine Vorstellung von Zeit, Endlichkeit, Unendlichkeit….

Oliver verstummt. Die Schildkröten performen nun in der Stille weiter. Sie verkleben weiter im Schneckentempo das Klebeband am Boden, bis sie am Rand der Bühne ankommen.

9. Beitrag: Tomislav

hat zwei Wünsche: 1. Welt ohne Geld. 2. Mitmachtheater nach Art des Forum-Theaters von Augusto Boal.

Der Tausch sei zerstörerisch, Theater solle diese Vorgänge daher beleuchten, bis das Verstehen einsetze. Das Forumtheater von Boal verwischt die Grenzen von Publikum und Zuschauenden: die Zuhörer*innen werden gebeten, nach Darstellung des Konfliktes, die Schauspieler*innen zu ersetzen und ihre Lösungen somit einzubringen oder reinzurufen, wie es weitergehen sollte.

 

Nachgespräch:

Frage: Warum macht ihr Kunst?

Nina: Theater ist für sie Medium für Dialog, Konflikt und Austausch, im Normalfall treffen allerdings nur Gleichgesinnte aufeinander. Während der Recherchephase auf dem Marienplatz waren dagegen unterschiedliche Leute anzutreffen.

Rückfrage: Geht es um Weltverbesserung?

Nina: Nein, eher um die Sichtbarmachung von Phänomenen und Problemen.

Hannes: Was ist der Unterschied zu einem Straßenfest?

Nina: Ein höchst diverses Straßenfest wäre dasselbe wie Volks*theater. Es seien fließende Grenzen zum Aktivismus, sie sieht sich als Vermittlerin.

Feline: Differenz bzw. Vielfalt am heutigen Abend fand sie sehr bereichernd, alles hat seine Berechtigung. Das Volk ist nicht homogen, also kann auch ein Theater nicht nur eindimensional sein. In Nachgesprächen können Schwierigkeiten/Verständnisprobleme geklärt werden. Die Kategorien falsch bzw. richtig sind in diesem Kontext schwierig.

Hannes: Effekt der Echokammer (wie in sozialen Medien) könnte ein interessantes Mittel sein.

Wirkung von Theater ist nicht vorhersehbar und eindeutig bzw. indifferent, bei jedem Zuschauenden kann sie anders ausfallen.

Nina: Die eigene Arbeit sollte mehr befragt werden, die Aushandlung verbreitert und ausgeweitet werden. In einem Gespräch werden Ideen und Gedanken geschärft und weiterentwickelt.

Paula: Kunst muss keinen Zweck haben, darf nicht gefällig sein.

Dodo: Kunst sollte gesellschaftskritisch und utopisch sein.

Nina: Ihrer Meinung nach kann man sich nicht raushalten, oft ist Kunst irrelevant und zu frei geworden. Sie hat einen politischen Anspruch und sieht sich verpflichtet, sich einzumischen.

Franziska: Kunst muss zuallererst die Künstler*in zufriedenstellen.

Feline: Wie erreicht man Persönliches?

Ideen aus Plenum: Sprache/Fachsprache kann ausgrenzen, ebenso Formen. Humor könnte Mittel sein, sich gegen Herrschende zu verbinden, wie auch in früheren Zeiten.

Zielgruppenmonitoring muss betrieben werden.

Frage ist, ob man Theater für andere macht oder mit anderen? Es gibt unterschiedliche Ansprüche – muss Theater gesellschaftlich relevant sein?

Martina: Wünscht sich Überwindung des Kategorien- oder Genredenkens.

Frage: Ist der kathartische Moment von einer Rahmung unabhängig?

Es werden Zweifel geäußert, ob das Publikum entscheiden könnte, was relevant ist. Eine Setzung sei notwendig.

Paula: Theaterinstitutionen müssen vermitteln, dass etwas relevant ist, zum Beispiel durch strukturelle Anreize (POC-Mitarbeiter*innen „locken“ entsprechendes Publikum usw.)

Theater solle temporäre „Wirs“ ermöglichen

Frage: Ist Konsens eine notwendige Voraussetzung?

Leute befürchten oft, sie verstünden Stücke nicht, daher wirft jemand ein, dass Nicht-Verstehen als Qualität zu begreifen sei.

 

 

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