Stage@Play-Game Over oder Restart?

s@p

Ende Gelände: „Die tun nichts, die wollen nur spielen.“ Wer gestern Abend die Filderstraße hinauflief, hätte irrtümlicher Weise den Eindruck eines ausgewachsenen Kindergeburtstagparcours bekommen können. Hinter Regenmänteln, Aluhüten und Flaneuren mit bunten Schirmen steckten aber die Spielkonzepte, die in den letzten zwei Tagen in den Workshops entwickelt worden waren.

Ein Spiel in anderthalb Tagen Workshop entwickeln, mit einer Gruppe, die man nicht kennt? Gibt es unter solchen Bedingungen eine ernstzunehmende Chance, dass am Ende ein fruchtbareres Ergebnis als Topfschlagen Vol.2 entsteht? Offensichtlich schon.
Man mag sich während der letzten Tage manchmal gefragt haben, was diese Stage@PlayTeilnehmenden konkret verbindet. Ähnlich wie bei einer Familie war klar, dass man irgendwie in einem Boot sitzt, nur das warum geriet wegen der vielen Ansätze und dem dauerhaften Eindruck, es handle sich hier um einen ersten Probedurchlauf statt Generalprobe, aus dem Fokus. Und genau darin lag die Qualität. Das Ziel der drei Tage war unterschiedliche Disziplinen zusammenzubringen und ein gemeinsames Spielfeld zu eröffnen. Was dort in Zukunft gespielt werden kann, das ist sicher noch sehr ausbaufähig. Aber dass man zum gemeinsamen Spiel fähig und willig ist, dass Ballwechsel zwischen den Disziplinen möglich sind, kann abschließend schwer bestritten werden.
Das Schöne am Spielen ist nämlich, dass man im Gegensatz zur Wirklichkeit den Restart-button so oft drücken kann, wie man lustig ist. Vielleicht hat gerade diese Möglichkeit des Scheiterns die sehr humorvollen Ansätze der Workshops befördert. Vielleicht ist das Gefühl nicht innerhalb von zwei Tagen den großen Wurf landen zu müssen, tatsächlich befreiend und kindliche Begeisterung für Gruselspiele und Abenteuerparcours zur Gemeinschaftsfindung sehr zuträglich.

Ehne Mehne Muh und raus bist du!

Man sollte an dieser Stelle nicht vergessen, dass die Wirtschaft den gemeinschaftstiftenden Moment von Spielen längst erkannt hat und Mitarbeiterausflüge inklusive Erlebnisparcours zur besseren Lösungsorientierung im Team organisiert. Scheinbar spielerisch, aber am Ende geht es eben dort darum weniger zu Scheitern. Ich bin an dieser Stelle auch versucht zu schreiben, dass Spiel immer Wettbewerb ist und ich das Argument, dass Spiel immer effizienzorientiert funktioniere durchaus berechtigt finde. Auch deshalb, weil es mir schwer fällt, mir Spiele vorzustellen, bei denen es nicht ums Gewinnen geht. Wie schnell wir in Wettbewerbe einsteigen und wie selbstverständlich wir uns in solchen Konkurrenzsituationen bewegen, zeigt das Ergebnis der Workshopgruppe von Evelyn Hribersek und Benjamin Rudolf. In einer klassischen Pitchatmosphäre bildet das Publikum zwei Teams und versucht „den letzten Kunden“ mit Werbeslogans zu überzeugen. Am Auffälligsten ist, wie reibungslos dieser Wettbewerb funktioniert, wie gekonnt sich die Teams in Szene setzen, wie oft Slogans fallen, die zeigen wie sehr jeder von uns die überzeugendsten Argumente der Werbeindustrie längst verinnerlicht hat. Auch wenn ein solches Spiel erstmal nur reproduziert, wie wir in dieser Gesellschaft spielen, ist das dennoch wichtig, um sich weiterführend Gedanken darüber zu machen, wie diese Art von Spiel unterlaufen werden könnte. Oder an welcher Stelle die Regeln gebrochen werden könnten. Das sind Regeln, die wir schon von Kinderspielen kennen und nach denen wir spielen, ohne zu bedenken, dass es auch andere Regeln geben könnte, wo Erfolg und Misserfolg anders definiert sind.

Denn, wer sich mit Spiel und Spielregeln auseinandersetzt, entwickelt ein anderes Verhältnis zu diesen immer artifiziell hergestellten Gesetzen. Menschen, wie den Gamedesigner Eddo Stern, bewegt man nicht mehr widerstandslos dazu einen Parcour abzulaufen, Aufgaben zu erfüllen und sich dafür seine Stempelchen abzuholen. Da wird nach der ersten Aufgabe, die daraus besteht Zuckerwürfel an einer Wand abzureiben, die Stempeldame überrumpelt und der Stempel kurzerhand geklaut. Warum die Regeln befolgen, wenn die Aufgaben sinnlos sind und es einen kürzeren Weg zum Ziel gibt?  Wie Menschen, die sich mit Spielregeln täglich auseinandersetzen, spielen, ist eine der spannendsten Beobachtungen an diesem Symposium.

Eins zwei drei – nicht mehr dabei

Dass die meisten Menschen schnell für Spiele zu begeistern sind, selbst wenn sie die Regeln nicht kennen, macht das Ergebnis Eddo Sterns Workshop deutlich. Es gibt einen Kreis auf dem Boden und eine projezierte zweistellige Zahlenreihe, die Eddo Stern nach unbekannten Gestzen verändert. Zwischenzeitlich ist der Kreis voll von Menschen, Handys sind in der Mitte aufgestapelt, die Zahlen verändern sich weiter, die Formationen im Kreis verändern sich und niemand weiß warum, aber alle machen mit. Warum wollen wir Spielen, selbst wenn wir nicht wissen nach welchen Regeln? Um zu Gewinnen?

Sollten wir alle nochmal neu Spielen lernen? Andere Spiele ohne Gewinner und Verlierer? Plötzlich rücken am Ende nämlich doch politische Fragen in den Vordergund ganz unabhängig von 3D-Brillen und technischen Möglichkeiten. Und selbst da stellt sich die Frage, ob diese virtuellen Räume, die immer genauer Wirklichkeit imitieren, die Möglichkeit bieten Realität nicht nur zu reproduzieren.
Das sind Fragen, die sich stellen, ohne dass sie während der drei Tage direkt formuliert worden wären. Um diese Fragen zu klären, braucht Stage@Play noch mehrere Restarts. Dass diese Fragen auftauchen, ohne dass drei Tage lang trocken theoretisch diskutiert wurde, zeigt aber, dass es Formen des Forschens gibt, bei denen am Ende gemeinsam gespielt wird. Ohne dabei den Anspruch zu erheben alle Fragen auf einmal zu lösen. Wenn durch dieses gemeinsame Spiel ermöglicht wird, dass auch andere Fragen gestellt werden können, auf die es noch keine Antwort gibt, ist schon viel gewonnen.

JE

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