Abschiedsbrief an einen Reisenden

Lieber Oliver,

Du gehst nun fort und machst dich auf die Reise. Alle unsere Reden haben nichts geholfen, wir wussten vermutlich, dass wir dich nicht aufhalten würden können. vermutlich waren sie deswegen auch so schlecht. aber ich will dir doch noch ein paar Worte mehr mit auf den Weg geben. Ich kann nicht sagen, dass ich es bedauere, denn es ist ja unvermeidlich.

Als ganz kleiner Junge hattest Du eine Leidenschaft für Landkarten. Du konntest Dir stundenlang Südamerika, oder Afrika, oder Australien betrachten und dich in die Wonnen der Erforschung versenken. Damals gab es noch viele weiße Flecke auf der Erde, und wenn Du auf einen stießt, der auf der Karte einladend aussah (aber das tun sie ja alle), dann legtest Du den Finger darauf und sagtest: ›Wenn ich groß bin, will ich dahin gehen.‹ An einigen davon bist Du gewesen und … nun, wir wollen nicht davon reden. Aber einen gab es noch, den größten, den weißesten sozusagen, nach dem Dir der Sinn stand. Aber tatsächlich ist es kein weißer Fleck mehr. Er ist mit Strömen, Seen und Namen angefüllt worden. Er hat aufgehört, ein Raum voll köstlicher Geheimnisse zu sein. Er ist zu einem Ort der Finsternis geworden.

Die Imagination Hunderter Forscher war schon vor Dir dort. Sie sind mit ihren Wanderstiefeln durchmarschiert und haben jedes Dinge benannt, bevor es überhaupt jemals jemand angeschaut hat. Sie haben mit der Fackel der Wissenschaft das Leuchten des Geheimnisses verdunkelt. Und schließlich sank die Sonne tief ans Ende ihrer Bahn, wechselte von blendendem Weiß zu tiefem Rot, ohne Strahlen und ohne Hitze, als wollte sie plötzlich verlöschen, zu Tode getroffen von der Berührung mit jener über einer Menschenmasse lastenden Düsternis.

Du wirst dort nicht finden, was Du suchst. Vorausgesetzt Du weißt überhaupt, was Du suchst. Mit deinem Fünf-Pfennig-Flussdampfer mit einem Kinderpfeifchen daran. Als wärst du einer jener Schaffenden mit einem Kapital. Eine Art Gesandter des Lichts, ein Apostel. Ist das eine Art Avantgarde-Komplex des Künstlers. Wo ich bin ist vorne? Oder wie bei Horst Mahler: Ob rechts oder links, Hauptsache radikal? Warum ist das Neue, unbekannte, eine Qualität für sich? Wird Kunst besser, nur weil sie sich weiterentwickelt? Oder Gesellschaft? Warum also interessiert man sich überhaupt für die Quantenwelt, wenn die Gesetze der Quantenphysik sowieso nur im atomaren Größenspektrum relevant sind? Wir leben doch ganz gut in der Makrowelt…

Du bist weder der erste noch der letzte, warum also überhaupt reisen? Frage Dich selbst, Oliver: Ist es eine Reise zu einem Ort hin oder bloß weg von einem anderen? Ich verrate Dir etwas: Du wirst genau das finden, was Du jetzt schon kennst. Das Neue, das wirst Du gar nicht erkennen, wenn Du ihm begegnest. Du wirst immer nur in Dich selbst hinabschauen, und es kann sein, dass das was Du siehst, sehr enttäuschend ist. Die Finsternis, das ist unser Geist. Nicht das Licht, die Finsternis. Der pulsierende Strom des Lichts oder der trügerische Fluß aus dem Herzen einer undurchdringlichen Finsternis. Da draußen gibt es nur Dich, sonst nichts.

Ich sehe Dich vor mir, wie Du deine Schuhe über Bord wirfst, zu dem Teufelsgott dieses Flusses. Du könntest Dich nicht einsamer und trostloser fühlen, wärst Du deines Glauben beraubt worden oder hättest Du die Bestimmung deines Lebens verfehlt.

Aber Du bist ja taub für alles außer himmlischen Bildern und Klängen, blind und taub. Die Erde ist für Dich nur ein Übergang. Für uns ist sie der Ort, an dem wir leben müssen, an dem wir uns mit Anblicken, Tönen, auch mit Gerüchen, bei Gott, abfinden müssen, wo wir auch einmal verfaultes Flußpferdfleisch riechen müssen, ohne uns vom Ekel unterkriegen zu lassen. Und hier, siehst Du, hier kommt die Kraft ins Spiel, der Glaube an die eigene Fähigkeit, die Kraft der Hingabe, nicht an uns selbst, sondern an ein finsteres, widerwärtiges Geschäft. Und das ist schwer genug.

Ich nehme an, dass Du mich für barbarisch oder gefühllos hälst. Aber in dem Raum in dem ich sitze ist eine Lampe – Licht, weißt Du – und draußen, da ist es so scheußlich, scheußlich finster.

 

 

 

JP

 

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