Abwesenheit

Um meine Arbeit feilzubieten, Geld zu machen und zu meiner Zerstreuung bin ich ein paar Tage auf Wanderarbeit in Dänemark. Den Vagabundenkongress muss ich notgedrungen in dieser Zeit verlassen. Eine totale Abwesenheit ist aber kaum möglich: Täglich erreichen mich Mails mit Breaking News: Justin Time ist just at place. Azul Blazeotto und Eduardo Molinari sind keine Kunden, und Taisiya Krugovykh und Vasily Bogatov  üben 15 Minuten Utopie. Es ist was los. Insofern ist meine Wanderarbeit eher EXTENSION OF THE VAGABONDCONGRESS. Ich wandere nach Dänemark, um den Vagabundenkongress in den Norden Europas zu tragen, und ich wandere zurück, um eingesammelte Werte nach Stuttgart zu bringen. Wandern ist nicht wirklich das richtige Wort für meine Reise: Ein Flugzeug fliegt mich nach Kopenhagen, ein Zug bringt mich nach Stuttgart zurück.

Die dänischen Vagabunden, denen ich vom Stuttgarter Kongress erzähle, wollen mehr wissen. Die Schweizer Vagabunden, die ich per Mail auf den neuen Hotspot Europas aufmerksam machen will, reagieren nicht. Schon immer kochen die Schweizer ihr eigenes Süppchen (Zumindest wird dieser Satz von Schweizern ständig wiederholt, und so glauben es alle, auch Unschweizer). Ich interessiere mich eher für die Auseinandersetzung mit dem Kollektiven, die der Vagabundenkongress bearbeitet. Deswegen: Die Schweiz lassen wir jetzt mal aussen vor.

Der Zug rattert.

In Kopenhagen besuche ich eine Arbeit der beiden Vagabunden Anders Paulin und Johan Forsman über den Hochfrequenzhandel. Sie berichten von einer Pilgerfahrt nach Amerika zu den heissen Quellen des Computerhandels, der sich in den siebziger Jahren abgezeichnet hat. Die Hippies und Nerds, die sich per synthetische Drogen in unter- und transbewusste Phantasmen halluzinierten, die Schamanen, die die irdischen mit galaktischen und subzellulären Wesensformen verbanden, arbeiteten alle an derselben Wanderbewegung: Vom Materiellen ins Immaterielle. Der Hochfrequenzhandel findet auf einer Ebene statt, die sich physisch wahrnehmbaren Sinnen entzieht. Geisterwesen kommmunzieren nur durch Medien in Trance. LSD macht die Akzeptanz einer anderen Realität für alle möglich. Der materielle Impact all dieser grenzenlosen Suchbewegungen ist kaum beschreibbar: Alles ist davon betroffen. Die beiden Hochfrequenzvagabunden experimentieren mit Subfrequenzklängen und manipulieren atomare Strukturen von Salz. Ronald Reagen hält 1988 eine Rede in Moskau über die zukünftigen Veränderungen durch das Internet. Welches Geistwesen oder welcher Ghostwriter hat ihm nur diese Worte in den Mund legen können, die wie eine präzise Vision der Technologien, Vernetzungen, Ungleichgewichte und Todesgefahren klingt, die wir heute haben? Butch Cassidy und Sundance Kid sind die  Protagonisten in der Zukunftsvision des ehemaligen Westernheldes Reagan. Im von ihm skzizzierten Globus der dauerflirrenden Zahlenströme reiten, schiessen, töten, fliehen und erobern die beiden Outlaws und folgen nur ihrer Willkür. Mal im Zentrum der Macht, mal am Rand des Sozialen. Immer am Drücker, jenseits des legalen. Gesetze sind nur interessant, solange sie dem eigenen Profit dienen. Ich muss an Akseli Vittannen und „Robin Hood“ denken, die mir wie eine pragmatische Fortsetzung dieses Setups vorkommen: Sie haben die Prämissen von Ronald Reagen akzeptiert: Der Outlaw als einzige Möglichkeit, sich eine akzeptable Existenz zu schaffen. Die Sitzung, die alle Beteiligten mit nackten Füssen, gewärmt von einem feuchtwarmen Waschlappen, verfolgen, endet mit einer spirituellen Auflösung, die mich wieder auf den Boden der Realität bringt: Ich muss arbeiten. An zwei Abenden zeige ich am Theater meinen Beitrag TRUST (Das Theaterfestival heisst „Follow the money“ – und damit könnte der Hungertrieb der Vagabunden gemeint sein: Wo es Geld gibt, wird hingezogen. Wo die Tiere weiden können, wird gelagert). Mit Trust verdiene ich mein Wandergeld und ich werde auch in Stuttgart damit vagabundieren. Deswegen: Wenig dazu.

Ich besuche für einen Tag (Den ich jetzt mal meinen freien Tag nenne) einen Vagabundenkongress in der dänischen Provinzstadt Holstebro („50 Jahre Odintheater“). Hier treffen sich Vagabunden aus aller Welt zu einem kulturellen Austausch. Thaitänzerinnen, Katkaliperformer, Punk-Sentimentalisten und schlechte Michael Jackson-Imitate feiern das weltweit Regionale. Es gibt eine Führung durch einen abgewirtschafteten Schlachthof, dessen stumme Maschinen ihre Funktion als Strafkolonie für Schweine wachhalten. Nach Blut stinkt es auch noch. Dieser Ort soll Kulturort werden, und deswegen sind Künstler die ersten, denen die leeren Räume gezeigt werden. Warum sollen eigentlich immer sogenannt immaterielle Arbeiter die ehemaligen Räume der materiellen Arbeit auffüllen? Gibt es nichts, was hier noch hergestellt werden kann als Kultur, Kunst, Design und soziale Plastik? Plötzlich interessiere ich mich für die Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie, die sich doch auch auf dem Werkplatz Welt behauptet hat. Ich bin dafür, dass leere Industriehallen nicht nur auf ihr phantastisches Potential abgeklopft werden – nicht nur auf ein visionäres Szenario – sondern auch auf Lösungen, die von Hand hergestellt werden können und in denen man wohnen oder die man essen kann. Ich möchte Schreiner werden, Maurer, Grundschullehrer oder Hauswart.

Abwesenheit ist eine Illusion. Nicht nur weil der Vagabundenkongress in Stuttgart dauernd mit mir kommuniziert. Überall begegne ich Vagabunden, die in irgendeiner Art und Weise Kongresse veranstalten. Zukunfts- und Verfallsfragen werden jedenfalls bis in den Norden Europas verhandelt. Am Mittagstisch werden der Plan des Tages und ökonomische Engpässe diskutiert, und am Abend wird mit den künstlerischen Mitteln versucht, sozialen Zusammenhalt spürbar zu machen und die Perspektive auf das Schöne im Leben zu richten. Das ist vielleicht das Beste am kulturellen Arbeiten: Auch das Mühsame, Bedrohliche und Grässliche kann dadurch akzeptierbar, sogar schön, selten auch lustig oder zumindest als unausweichliche Notwendigkeit sinnvoll erscheinen. Und was unterträglich bleibt, wird attackierbar.

Andreas Liebmann 20. Juni 2014, unterwegs

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