Sichtbarkeit

Zwei Tage war ich bereits damit beschäftigt, meinen Rhythmus auf Nacht Aktivität umzustellen. Die Nächte waren schön, ruhig, geschützt. Die Morgendämmerung ist herrlich. Die ersten Vögel zu hören: Schön. Und doch bewegte mich ein starkes Gefühl der Abgesondertheit. Besonders auffällig, und wohl das anstrengendste daran, den persönlichen Tagesrhythmus zu verändern war die Auswirkung auf die soziale Situation. Ich verlor den Kontakt zum Tagesrhythmus der Kongressteilnehmer. Wenn ich auftauchte, waren alle anderen schon sechs sieben Stunden dabei. Sie sagen zu mir um vier Uhr Nachmittag „Guten Morgen“ und grinsten. Sie interessierten sich teilweise für meine Erfahrungen, fragten, wie es mir geht. Meistens waren sie nett und zeigten ein gewisses Verständnis für meine Arbeit, die im Verschieben des zeitlichen Rhythmus bestand. Niemand warf mir vor, dass ich nichts tun würde, aber ich fühlte mich nicht wohl dabei. Zu schlafen, wenn alle anderen arbeiten, entfremdet. Dieses Gefühl der Entfremdung wird in einer Sitzung auch von anderen Kongressteilnehmern in ihrem eigenen Arbeitsprozess beschrieben. In seine eigene, unkontrollierbare Arbeitssphäre einzutauchen lässt offenbar Verlustängste entstehen. Was, wenn man verloren geht? Wenn der Kongress einen irgendwann bestraft für Abwesenheit? Wir spielen hier mit dem Begriff des Vagabunden, wir dürfen alles, wir dürfen unlesbar sein für die anderen, können Einzelgänger sein – und doch ist der Wahn des Konsens mächtig.

Das gibt einen kleinen Hinweis darauf, wie es sich anfühlen kann, aus dem Rahmen einer Gesellschaft zu fallen. Viele Obdachlose, und um die ging es ja zumindest der Ideologie nach beim Kongress 1929, sind aus diesem Rahmen gefallen. Und das war kein künstlerisches Konzept oder eine interessante Idee sondern eine körperlich und mental erfahrbare Situation. Der erste, der unter Ausschluss leidet, ist der Ausgeschlossene. Wem gesagt werden kann „Du arbeitest nicht“, Du „Sozialschmarotzer“, die „hässliches Stück“, der ist nicht in erster Linie ein Problem für die anderen, sondern für sich selbst. Er muss denken, er mache etwas falsch, er sei falsch. Ab einem gewissen Einkommen und dem damit verbundenen sozialen Status sollte man obligatorisch an einem Training teilnehmen, das einem bewusst macht, was Ausschluss bedeuten kann, sodass man die Situation von Leuten, die in Armut leben, oder auf die andere Ausschlussmechanismen wirken, nicht ignorieren kann.

Kleiner Einschub: Es gibt bei der Sitzung (wie schon einige Male zuvor) einen kleinen Konflikt mit der Gruppe Robin Hood. Ein Gefühl der Entfremdung, das wohl nur deswegen entsteht, weil wenig kommuniziert wird. „Was machen die denn?“ Sie sagen: „Kommt vorbei!“ Die, die vorbeigehen, finden es interessant und exklusiv. Es scheint der Eindruck zu entstehen, dass die Gruppe ihre Auseinandersetzung sehr berechtigt interessant findet, aber kein Interesse am Kongress mobilisieren kann. Interesse = Aufmerksamkeit,  Aufmerksamkeit = Wert, Wert = Bestätigung = Sicherheitsgefühl. Mangel an Aufmerksamkeit =>  Ablehnung => Vorwurf => „DIE“  <=> „WIR“. Wie schnell und bedrohlich das Gespenst der sozialen Entfremdung auftaucht, finde ich doch sehr überraschend. Auch ich schreibe meine Blogs unter anderem deswegen, weil ich ein Signal meiner Tätigkeit, und damit meiner Anwesenheit, und damit meiner Zugehörigkeit geben will. Muss man denn immer kommunizieren? Vagabunden wollen doch frei und unabhängig sein.

Ich schlafe um 7 Uhr ein. Davor habe ich eine Nacht im Krankenhaus auf der Station 5A verbracht und am morgen einen Blogtext darüber geschrieben. Um 13 Uhr gibt es eine Vagabundensitzung. Und so treibt mich das Gruppengefühl aus dem Bett. Ich stehe nach 5 Stunden Schlaf auf. Es ist Tag und damit Arbeitszeit. Wenn ich dabei sein will, muss ich eben dabei sein. Es könnte Freizeit sein, Freiwilligkeit, ist es ja ausserhalb meiner Arbeitszeit, die zur Zeit nachts ist. Aber es ist doch Arbeitszeit, weil es in der Arbeitszeit der anderen stattfindet. Arbeitszeit ist überall. So steckt bei meiner Hängematte ein Schild mit der Aufschrift „Work 24/7“. Wessen Schlaf auch als Arbeit gilt, der arbeitet immer. Ich arbeite plötzlich sehr viel mehr, als ich es je hätte machen können, hätte ich nur tagsüber gearbeitet.

Viele sind mit der Frage beschäftigt, ob ihre Arbeit „Arbeit“ ist, oder ob ihre Arbeit im Auge der anderen „keine Arbeit“ ist. Und „keine Arbeit“ würde heissen: Wertlos. Gibt es nicht einmal auf diesem Vagabundenkongress die Möglichkeit, scheinbar sinnlose, von aussen unlesbare Tätigkeiten auszuführen, ohne gleich diese sinnlosen Ängste zu mobilisieren? Es ist offensichtlich sehr schwierig: Denn wir alle sind hier angestellt. Wir haben einen Vertrag unterschrieben. Wir wurden bezahlt. Es muss was bei rumkommen. Der Satz von Gregor Gog „Generalstreik ein Leben lang“ – er wird hier irgendwie zu einem merkwürdig polemischen Paradox, sodass ich mich frage, was dieser Satz überhaupt soll, und ob er mehr ist als ein gut klingender polititscher Slogan, der vor allem eine Partygemeinschaft von Intellektuellen, die nie wirkliche Bettler waren, euphorisieren sollte. Jemand verteidigt die Unlesbarkeit: „Wir arbeiten wie Pilze. Man sieht lange nichts, und irgendwann wächst der Pilz und wird sicht- und essbar.“  Wanja bringt den Begriff von Hannah Arendt „tätig sein“ ein, der natürlich einen ganz anderen Horizont öffnet. Voraussetzung, dass „tätig sein“ akzeptiert ist, bedeutet gegenseitiges Vertrauen, Selbstvertrauen, Grosszügigkeit. Ich empfinde unsere Temporärcommunity am Theater Rampe durchaus als vertrauensvoll, humorvoll, grosszügig etc. Dennoch liegt darunter eine Nervosität, die wohl die meisten von uns durch unsere Lebenserfahrung gefressen haben: Die Nervostität, nicht zu genügen, mehr Leistung zeigen zu müssen, und, vor allem, mit dieser Leistung ständig sichtbar zu sein.

Mir war bisher nicht bewusst, dass der zeitliche Rahmen für die soziale Zugehörigkeit genau so wichtig ist wie die Tätigkeit selbst oder der Ort. Wenn Justin Time versucht, öffentlich nichts zu tun, das aber in der Arbeitszeit der anderen, dann arbeitet er „nicht“ genau dann, wenn die anderen arbeiten. Und da Justin Time Künstler ist, und das Nichtstun durchaus als seine Arbeit gesehen werden kann, gerade deswegen, weil sie sichtbar ist, also ständig kommuiziert, also verwertbar ist, arbeitet Justin mit seinem Nichtstun genau so viel wie die, die in ihre Büros gehen. Vielleicht arbeitet er sogar mehr. Was bei ihm allerdings dazukommt (ich schreibe das alles, ohne seine Aktion live gesehen zu haben) ist, dass er ein Geschenk macht. Passanten können seine Installation auf ihre Weise benutzen. Er steht für Gespräche offen. Er arbeitet, würde ich sagen, aber seine Arbeit dient der Schaffung von Räumen, die man nicht kaufen kann. Justins Kunst wird zwar bezahlt, die Erfahrung, die sie ermöglicht, ist aber nicht käuflich. Wenn man Eintritt bezahlen müsste, wäre diese Arbeit wertlos.

Siya greift, wenn ich ihn richtig verstehe, immer wieder gern das Theater als Institution der Mittelklasse an. Er scheint es absurd zu finden, dass man für das Theater bezahlen muss, während die Erfahrung, die Theater doch bieten sollte, sich dem Geld entzieht. Als ob man die Erfahrung eines Spazierganges mit einem neuen Bekannten durch die Nacht bezahlen könnte – wie neulich meine Zeit mit Tobias Yves Zintel. Hätte er mich dafür bezahlt, oder hätte ich ihn dafür bezahlt, hätte dieser Akt das Erlebnis zu einem Event oder zu dem Besitz des Zahlenden gemacht und seinen Kern zerstört.

Hier könnte wahrscheinlich Akseli aus dem Robin Hood Büro eingreifen und mir erklären, was denn die Natur des Geldes sei. Das hat mich an seinem Vortrag auch so provoziert, dass er auf meinen Einwand, er unterstütze mit seinen Investitionen Rüstungsindustrie, bloss geheimnisvoll lächelte und sagte, man müsse eben die Natur des Geldes verstehen. Nun gut, erklärs mir, ich komme hier nämlich nicht wirklich weiter.

Andreas Liebmann 13. Juni 2014

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: