Nacht Aktivismus – dritte Nacht

Nacht Aktivisten: Personal der Abteilung A5 für Herz- und Gefässkrankheiten, Andreas Liebmann

Eine Nacht im Katharinen Hospital. Die Begrüssung: Klaviermusik im Flur. Zwei Menschen spielen auf einem Flügel zweihändig Popsongs. Meine Mutter war Pianistin. Ich fühle mich zu Hause. Mit dem Lift fahre ich in die Station 5A: Herz- und Gefässkrankheiten. Die leitende Schwester ist erfahren und entspannt. (Ihre Ausbildung: Kranken- und Gesundheitspfleger – „schliesslich sind Kranke partiell auch gesund, haben also auch gesunde Anteile“). Patientenberichte werden fertiggestellt, Notizen und Dokumente vervollständigt „das willst Du nicht um vier Uhr morgens machen. Niemand weiss, wie die Nacht verlaufen wird. Meistens wird es dann chaotisch, wenn Du allein bist“. Das wird sich bewahrheiten. Wir sind – mit mir – vier Menschen, die die Nacht auf 5A verbringen, mehr als genug für eine ordentliche Präsenz. Die Nacht wird ruhig verlaufen. Kein Herzalarm. Kein Neuzugang. Am Anfang der Nachtschicht werden alle Patienten nochmals angeschaut. Wer braucht Schmerzmittel, Schlaftabletten, eine neue Windel, einen Tee? Hier liegen ca. 34 Patienten. Der Schlüssel zur Zeit: 38 Patienten auf 3 PflegerInnen. Früher gab es mehr PflegerInnen pro Patienten. Immer wird gespart auf dem Rücken des Personals. Entscheider fragen selten vor Ort nach den beruflichen Realitäten. Top-Down-System. Wie angenehm, wenn es auch ChefInnen gibt, die sich selbst hochgearbeitet haben. „Sie wissen, wie der Alltag aussieht, und dass, nehmen wir an, man arbeite in der Notfallabteilung und zufällig sind zwei vergewaltigte Frauen da, was leider vorkommt, zwei Pflegefachkräfte dann restlos gebunden sind.“ In diesem Fall ist nämlich eine pausenlose Betreuung nötig.  Oder dass man eben manche Patienten nicht zu einem ökonomischeren Umgang mit Windeln überreden kann. Das Wort Krankenschwester fällt übrigens nicht in dieser Nacht. Da ich doch selbst eine Vergangenheit als Pfleger habe (Siehe erste Nacht), dachte ich zu wissen, dass Krankenschwestern in der Krankenhaushierarchie über den Pflegern stehen. Vielleicht gibt es in Deutschland andere Benennungen als in der Schweiz. Oder der Beruf des Pflegers und der Krankenschwester meinen hier das gleiche. Meiner einwöchigen Ausbildung nach habe ich heute Nacht die Zeit mit Krankenschwestern verbracht.

Ich werde in weisse Arbeitskleidung gesteckt. Eine Ärztin nimmt mich mit, sie hofft, mir ein paar interessante Bilder zu zeigen und erklärt mir, was sie macht. Ultraschall der Leiste. Hier schlägt eine wichtige Arterie, über die auch Sonden eingeführt werden, um Herzklappenoperationen zu machen. Pulsierende Farben auf dem Monitor: Rot. Blau. (Arterien, Venen). Als neue Herzklappen können künstlich hergestellte Klappen dienen, oder menschliche Klappen, oder Herzklappen von Schweinen. Ich werde als Pfleger, der stumm dabeisteht, von den Patienten keines Blickes gewürdigt. Sie liegen zu viert nebeneinander da. Alles Männer. Nackte Beine. Es ist heiss. Ein frischer Herzinfarkt liegt etwa 1- 2 Wochen da. Eine Herzentzündung 6 Wochen. Wer Wasser in den Beinen einlagert: 5-6 Tage. Danach gibt es Reha. Am heissesten:  der Controlling Raum, Aufenthaltsraum der Pflegerinnen. Monitore und Ventilatoren. Ich bin immer noch mit „Homeland“-Bildern verseucht. Die EKG – Bildschirme, die die Herzfrequenzen der Patienten direkt in das Zentrum der Station übertragen, wirken auf mich wie die Überwachungskameras der CIA. Der Unterschied: Die abgehörten Menschen wissen, dass sie abgehört werden, und es ist wirklich zu ihrem Besten. Die kleinste Unregelmässigkeit ist sofort hörbar und es kann reagiert werden. Ein maschinenerzeugter rhythmisierter Ton begleitet uns die ganze Nacht. Demente Patienten reissen immer mal wieder die Elektroden ab. Eine Vorgesetzte, die an die Kraft ihrer Autorität glaubte, hat einem dementen Patienten das Versprechen abgenommen, nicht mehr an sich herumzufingern und die Elektroden in Ruhe zu lassen. Sie hat ihm ernsthaft und mit tiefem Blick erklärt, warum das nicht gut sei. Er versprach es hoch- und heilig. Zwei Minuten später waren die Elektroden wieder abgerissen. In so einem Fall schaltet man das Überwachungsgerät auch mal aus. Es würde ständig anschlagen.

Viel passiert nicht. Weil niemand einschlafen darf, wird erzählt. Zeit muss totgeschlagen werden. Zwischendurch wird kurz im Internet nach Mode geschaut oder auf dem Mobiltelephon eine Farm betrieben. Auf diesem Computerspiel, das Pflegerin C spielt, werden Tomaten gesäht, Eier gesucht, Hühner gerupft und geschlachtet, und die Abrechnung für den Verkauf von Gurken gemacht. Wer gut farmt, kommt weiter, wer schlecht farmt, verliert den digitalen Hof. Handysurfing kann hier keiner kontrollieren. Internetrecherchen auf den Hospitalrechnern schon. Über Ausbildungen, Verfahrenstricks, Einstellungsgespräche wird geredet. Es gibt Duplo Schokolade. Ich hole mir in der Tankstelle gegenüber ein heisses Calzone Sandwhich. Eine Schwester von der Nachbarabteilung kommt auf ihrem Roller angerollt. „Hi, habt ihr Lyrica 125 oder 150“. „Lyrica“ – what a name. Ein Medikament, das den Patienten wohl die neueste Lyrik von Durs Grünbein denken lässt und dabei auf einer Neuronenlyra Gutenachtgeschichten klimpert.

Die erfahrene Schwester packt einige Geschichten über das Sterben von Familienmitgliedern aus. Tote in Badezimmern. Verpasste Untersuchungen. Tod durch Nichtwissen. Medizinchecks der ganzen Familie, weil ein Familienmitglied einen Herzinfarkt hatte. Was droht den anderen? Verdachtsmomente werden untersucht, Indizien ausgewertet. Da sind wir wieder beim Agenten. Die Krankenhaus-CIA will rausfinden „what really happened“ und will Tote verhindern. Krankheiten werden gejagt und bekämpft. Alle kommen mit einem blauen Auge davon. Man kommt anders raus als man reinging. Flüge nach Nahost auf einem Notsitz, um rechtzeitig bei Beerdigungen zu sein. Busfahrten, Hotelübernachtungen, bewaffnete Reisebegleiter. Begräbnisrituale der angeheirateten Familie. Die Frauen waschen die gestorbene Grossmutter, die Männer begraben sie. Eine Frau schreit ihren Mann an, weil er die Rituale nicht mehr kennt – er lebt im Westen und vergisst die Traditionen. Die tote Mutter darf nicht mehr von den Söhnen berührt werden. Streicheln ist nun Tabu. Männer haben ihre Rolle, Frauen haben ihre Rolle. Es wird geschrien und geweint.  Die Familie schläft mehrere Nächte im selben Zimmer wie die gestorbene Grossmutter. Sie soll nicht allein sein. Waschungen finden statt. Bei heissem Klima muss schnell beerdigt werden. Über den Sarg wird Beton gegossen, sonst stinkt es. Kinder fliegen allein im Flugzeug. Kinder werden zurückgelassen und wieder umarmt. Kaum ist der Mann bei seiner sterbenden Mutter, packt ihn die neoliberale Arbeitswut und er wird nervös:  Dies und das muss sofort getan werden. Er greift zum Handy und will arbeiten. Ein Bus, ein Bus! Die Ehefrau befiehlt: Du vergisst jetzt Deine Arbeit und verbringst die letzten Tage im Leben Deiner Mutter mit ihr.“

Der Patient in Zimmer XX hat sich gewandelt. War er zuvor laut, fluchte und jammerte auf Italienisch, ist er nun kooperativ und nett, lässt sich waschen und an- und ausstöpseln. Er hatte Albträume. Eigentlich sollte ein Psychologe vorbeikommen, oder die psychosomatische Abteilung eingeschaltet werden. Dafür ist aber keine Zeit und kein Geld. Ein anderer Patient ist neuerdings dauerhaft pöbelnd. In den Akten wird immer auch vermerkt, ob ein Patient sich kooperativ oder unkooperativ verhält. Eine Pflegerin muss lächeln, lächeln, lächeln, ruhig sein, egal, was der Patient sagt oder macht. Wer handgreiflich wird, muss zurechtgewiesen werden. Das Verhalten der Patienten hat aber auch immer damit zu tun, wie man ihnen begegnet.

Eine Lebensspanne laut Formular X: Empfängnis – Säugling – Kleinkind – Adoleszenz -Erwachsenenalter – Junge Alte –  Mittelalte – Hochaltrige  – Langjährige. Es gibt vier Begriffe für alte Menschen und drei Begriffe für die Kindheitsentwicklung. Bald wird es einen fünften für die Alten brauchen, wenn die Lebensspanne sich immer weiter ausdehnt.  Die Empfängnis wird gewürdigt in der Auflistung, der Tod nicht. Das Wort „Empfängnis“ beschreibt die Perspektive der Mutter, nicht der Person, die in die Lebensspanne gespannt wird.

Wer „prefinal“ ist, steht unter besonderer Beobachtung. „Meine Grossmutter hat sich gewünscht, dass, wenn sie stirbt, ihr Mann sich eine neue Frau suchen soll. So etwas könnte ich mir nie wünschen. Mein Mann soll keine neue Frau haben, wenn ich tot bin.“ „Meine Eltern haben mir eine Überraschung in Aussicht gestellt, wenn ich ihr Testament lesen werde. Vielleicht verschenken sie ja das ganze Geld an eine Tierschutzstiftung.“

Herzalarm meint: Wenn der Herzrhythmus, zum Beispiel, die ganze Nacht auf 120 ist, und dann, innerhalb von Minuten, in Zehnerschritten abwärtsrast. Dann blinken und glocken die Überwachungsmaschinen. Wer keine Patientenverfügung hat, wird reanimiert. Der Defibrillator wird einmal in der Nacht getestet. Alles wird protokolliert. Was nicht protokolliert wird, existiert nicht. Wir stehen mit einem Bein im Gefängnis. Wenn schwere Fehler passieren, können Anklagen folgen. Wer nicht mehr leben will, lässt sich gehen. Sich gehenlassen – zulassen, dass man geht. Diesen Beruf würde ich immer wieder wählen.

Gegen vier Uhr dreissig werden alle Patienten kontrolliert. Danach wird Kaffee gemacht: Der Morgen fängt an. Vögel. Licht. Ich gehe.

Andreas Liebmann 12.6.2014 – 6.22 Uhr

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: