Nacht Aktivismus – zweite Nacht

Nacht Aktivismus – zweite Nacht
Nachtaktiv: Der ganze Vagabundenkongress

Der Versuch, einen heissen Sommertag (es ist noch Frühling) in eine schwarze kuschelige Nacht zu verwandeln, schlägt fehl. Ich liege Nachmittags stundenlang in einer Hängematte am Theater und versuche zu schlafen. Kurze Zeit gelingt es. In der Hängematte sind ausser mir: Brot, Käse, Wasser, ein Kissen, eine Decke. Es ist viel zu heiss. Statt zu schlafen, werde ich Zeuge der Tagesaktivität des Kongresses. Alle tun viel. Ich meine, böse Blicke zu erwischen: „Der tut nichts.“ Einer sagt: „Und dafür bekommst Du Geld.“ Einer sagt: „Diese Verweigerung finde ich gut“. Dabei will ich nichts verweigern. Ich war nur aktiv in der letzten Nacht und versuche nun am Tag passiv zu sein. Inmitten des Kongresses zu schlafen ist aber, so wird klar, Arbeit. Und so schreibe ich meinen Schlaf auch an: Arbeit.

Das Gewitter vertreibt mich in die Theaterhalle. Es ist 18 Uhr. Für mich ist jetzt Morgen. Für alle anderen ist Abend. Es gibt Borschtsch und Salat: Mein Frühstück. Der Kongress trinkt Wein und Vodka. Beim Vodka mache ich mit: Er weckt mich auf. Ich stelle mich auf für meine heutige Nacht Aktivität: Eine Nacht lang in der Theaterhalle im Buch „Proletarian Nights“ von Jean Ranciere lesen. Mit Tisch und Lämpchen.
Das Vorwort von Ranciere ist schön. Ranciere will die Hierarchie in der Forschung aufheben – aufheben, dass Wissenschaftler eine Realität beschreiben, der sich die Realität dann fügen muss. Die Realität sieht aber anders aus, und das beschreibt Ranciere. In der Einführung zum Buch von werden vor allem Grabenkämpfe zwischen unterschiedlichen linken philosophischen Strömungen in den späten 60ern in Frankreich beschrieben. Dann lese ich Texte, langsam, sehr langsam, die zumindest nicht für die geschrieben sein können, von denen sie handeln, selbst wenn sie die Hierarchien zwischen den gesellschaftlichen Gruppen der Arbeiter und der Intellektuellen aufheben wollen. Das ist kein Buch, das ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann, ohne ein bereits intaktes Verweissystem, das einen ständig mit Kontexinformationen füttert. Mein Verweissystem ist äusserst unvollständig. Aber noch nichts gegen das Buch: Ich schaffe heute nur einen Bruchteil, für eine Beurteilung ist es zu früh.

Während ich lese, laut, leise, in Begleitung von Rebecca oder Anna, die mit mir die Texte lesen und diskutieren, feiern meine Vagabundenkollegen ihren Feierabend. Ich lese Theorie, sie trinken. Stundenlang geht das gut so. Theorie bearbeiten, umrundet von einer Feier: Ideal. Das hält mich wach. Als dann alle weg sind, es ist schon spät, und ich werde müde. Ich kann mich nicht mehr richtig konzentrieren. So schaue ich ein paar Folgen der US-TV-Serie „Homeland“. Die Theaterhalle wird zur Agentenfabrik. Spärliche Lichter. Auf der gegenüberliegenden Seite wird an Bahnen rumgeschraubt. Sie könnten auch Bomben montieren. Um halb fünf kommt ein Fahrer in die Halle und spricht mit mir wie der CIA Agent soeben im Film. Die Morgendämmerung fängt an, ich lasse den Bahnfahrer arbeiten und gehe nach Hause. Vögel.

Stichwörter zur heutigen Nacht – Vagabundierende Gedanken. EIn Arbeiter beschreibt einen Spaziergang in den Sonnenaufgang mit Gesprächen über Metaphysik. Arbeiter sind nicht Arbeiter, deren einziger Lebensinhalt die Arbeit und der Kampf sind. Arbeiter werden zu bestimmten Zwecken als Arbeiter bezeichnet. Dieser Zweck besteht darin, eine unumstössliche Ordnung zu definieren, in denen die Arbeiter eben die Arbeiter sind. Platon wählt das perfide Bild, das manche eine Seele aus Eisen bekommen haben (die Arbeiter) und andere eine Seele aus Gold (die Philosophen). Naturgegebene Ordnung. In dem Buch schreibt Ranciere gegen diese Art der Manipiulation an. In seiner Forschung sollen auch unterschiedliche literarische Genres wie Argument, Fiktion, Zitat, Poesie und Metaphysik als gleichwertig behandelt werden. Die Texte, die von sogenannten „Arbeitern“ stammen, und die er analysiert sind the work of men and women who wrenched themselves out of an identity formed by domination and asserted themselve as inhabitants with full rights of a common world. Auch Arbeiter produzieren Kultur. Kulturproduktion ist nicht nur Kulturproduzenten überlassen. Old style artisans were dreamers who invented philosophies. They did not stuck into the analysis of industrial production and capitalist exploitation. Who defines what is important?  The belief in historical evolution, says Benjamin, is the legitimation of the victors. Welcher Vagabundentheoretiker hat jemals mit einem Vagabunden gesprochen? Die echten Bettler wollten nichts mit dem Vagabundenkongress zu tun haben, weil sie andere Probleme hatten. Müssen wir sagen, wir sind Vagabunden? Ist das so toll, als Künstler „Vagabund“ zu sein? Ist es überhaupt toll „Künstler“ zu sein? Sind das nicht alles Begriffskrücken? Ziya sagt: Black Consciousness: Der Versuch, sich aus sich selbst heraus zu definieren, über die eigene Situation nachzudenken ohne sich sofort einzuordnen in eine gesellschaftliche Segmentierung. Die Bezeichnung „Arbeiter“ im Gegensatz zu „Bourgois“ zementiert ein Machtverhältnis, in dem der Arbeiter immer unten ist. Und sollte er einmal oben sein, muss er wieder eine Hierachie herstellen, weil er so denken gelernt hat. Bourgeois also unten, Arbeiter oben. Dagegen schreibt Ranciere an, wie er sagt. Sein Buch aber scheint, wie gesagt, dennoch die Hierarchie zu reproduzieren: Es ist ein Buch für Theoretiker.  What is a real worker. What is a real vagabond. What is a real real. Wie machen wir das jetzt mit Rewe? Dürfen wir oder dürfen wir nicht? Juristische Abklärungen helfen bei strategisch künstlerischen Entscheidungen. The equality of intelligences.

Wichtig sind für mich Bezeugungen unserer Vagabundenkongressteilnehmerfreunden aus Russland, Argentinien, Ägypten. Zu hören, wie sie die Situation wahrnehmen, verändert sofort mein Denken. Aya sagt: Das Präsidentensystem passt nicht zu uns. Es ist eine westliche Idee. Wir hatten immer lokale Räte. Und so funktioniert das auch heute noch. Am Freitag in die Moschee und am Samstag in den Night Club. Azul sagt: Bei uns gibt es keine Vergötterung der Mobilität. Bei uns gibt es Peripherie und Zentrum. Tasya sagt: Wir leben in einer Diktatur.

Wichtig ist, eine Gruppe von Leuten zusammenzuhaben, die unterschiedliche Probleme umtreiben. So gibt es die Möglichkeit, unterschiedliche Gruppen, Segmente, Themen zu behandeln. Es gibt kein objektiv wichtigeres Thema als ein anderes. Das diversivizierte Interesse macht es aus. Ich schlafe und Artur knackt Rewe.

AL 11.Juni 2014, 5 Uhr 49

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