Nacht Aktivismus erste Nacht

Nachtaktiv: Tobias Yves Zintel, Andreas Liebmann, Mitarbeiter des kleinen Biogrossmarktes Ecofit, Lastwagenfahrer, Grossmarktwachleute, Mercedes-Benz Laboranten

Schon pfeifen die Vögel. Es ist hell. Fünf Uhr 25. Schon zu Hause. Lange haben wir nicht durchgehalten, aber mehr war heute nicht drin. Ich muss mich an die Nächte gewöhnen. Ich bin kein nachtaktiver Mensch normalerweise. Meine Aktivität in der Nacht ist normalerweise schlafen. Deswegen bin ich auch überrascht, dass es schon hell ist so früh – ich weiss es nicht besser. Die Nacht ist ruhig, und in Momenten, in denen diese Ruhe wirkt, wirkt sie bleiern oder befreiend. Einigen Nacht Aktivismus gibt es im Biogrossmarkt. Die Angestellten arbeiten stumm und effizient. Es ist nicht die Zeit, Interviews über das Leben als Nachtarbeiter zu führen. In diesem Text gibt es keinen O-Ton.

Ich gehe in jeden Raum des Biogrossmarktes, alle Räume sind gekühlt, wir frieren. Ich fotographiere Ananas, Kraut, Birnen, Beeren, Stapel, Stapelwagen, Eierkartons. Mit Schwung öffne ich die Isolierwände. Um eins war der erste Arbeiter eins da –  logistische Planung – um zwei der erste Rumräumer, um drei die ersten Trucks. Rein, raus. Der Tag will beliefert werden. Ich stehe rum. Ich bekomme eine Mango. Ich bekomme einen Kaffee. Ich stehe vor einem Nadeldrucker, der meterweise Bestellungen ausdruckt. Ich spaziere zum hinteren Tor hinaus und stehe vor einem Kieswerk. Ich erinnere mich an meinen ersten Traum.  Ich sitze auf einem Gabelstapler. Ich esse eine Tomate. Ich erinnere mich an meine Zeit als Nachtwache im Obdachlosenheim. Ich stehe vor einer Laderampe. Ich erinnere mich an meine zufällige Militärdienstvermeidung, an meine gescheiterten Versuche, ordentliche Arbeit zu machen. Die Nacht. Das Gemüse. Die Armee. Der Traum. Die Gewalt.

Im Obdachlosenheim habe ich vier Jahre lang gearbeitet. Der Stundenlohn war gut. Wenn nichts los war, schlief ich nachts.  Mal wurde an den Fensterscheiben gerüttelt, mal wollte einer rein, konnte nichts bezahlen, einer der Bewohner kotzte oder wurde verfolgt. Alles musste geregelt werden. Das fertige Essen von der Stadtküche musste warmgemacht werden, der Kaffee gekocht, die Brötchen geschnitten. Der Einbeinige, der Einarmige, der Verfolgte, der Verrückte, der Edle, der Nette, der Guru. Alle wohnten hier, längere Zeit, kürzere Zeit. Anfangs interessierte ich mich für sie. Wollte helfen. Mein Hundeblick blickte ihnen tief in die Augen und in ihr interessantes Schicksal. Die meisten fanden ihr Schicksal nicht interessant, sondern hatten Probleme. Niemand interessierte sich für mich. Und nach vier Jahren war mein Interesse erkaltet. Ich musste gehen. Zwei Jahre später schrieb ich eine Geschichte über einen Nachtwächter in einem Obdachlosenheim, der das Heim anzündet.

Den Militärdienst habe ich zufällig vermieden. Ich hatte einen schweren Fahrradunfall und ständig Kopfschmerzen. Nach der Schule musste ich immer sofort in meine Hängematte und schlafen. Das Mädchen, in das ich verliebt war, interessierte sich für jemand anderen. Die Offiziere, die mich prüften, verschoben die Aushebung auf nächstes Jahr. Dann war mein Kopfschmerz immer noch da, ich musste ständig schlafen und einen Strohhut tragen. Der Neurologe sagte mir ein Leben mit Kopfschmerzen voraus.

Um den vermiedenen Dienst am Vaterland zu kompensieren, heuerte ich als Pfleger in einem Krankenhaus an. Um sieben Uhr ging es los. Um sechs Uhr musste ich aufstehen. Die Pflegeruniform mochte ich nicht. Ich lernte, dass man Wunden bekommt, wenn man immer auf der gleichen Stelle liegt. Ich lernte, Menschen auf die andere Seite zu legen. Ich wollte mehr lernen. Ich lernte, Spritzen zu geben, obwohl ich das noch nicht lernen durfte. Ich wurde müde von den ständigen Anweisungen und Vertröstungen. Nach einer Woche hatte ich einen leichten Unfall beim Fussballspielen, den ich sofort als Vorwand nahm, den Rest meiner Zeit im Krankenhaus zu vermeiden. Später bezahlte mich die Versicherung fürstlich für meinen Ausfall.

Ich arbeitete mit 16 in einem Gemüsemarkt. Ich mochte den Kühlraum. Ich erinnere mich sonst an nichts. Mit dem Geld verdiente ich mir einen Sprachaufenthalt in Torquay, England, wo mich gelangweilte Engländer in einer Nacht umgebracht hätten, hätten sie mich erwischt. Von der Verfolgungsjagt und der Rettung durch die Polizei hatte ich jahrelang Tagträume.

Mein erster Traum handelt davon, dass ich in die Ferien fahre. Meine Schwester will mitkommen, ist aber nicht im Zug. Ich steige aus und will sie holen. Sie ist hinter einer Mauer versteckt. Ich will unter der Mauer durchkriechen, aber der Bach unterspühlt die Mauer. Ich sehe nur noch eine Sandale, deren Schnalle sich im rieselnden Wasser löst.  An diesen Traum erinnert mich das Kies, das hinter dem Grossmarkt von einem Lastwagen abgeladen wird wie ein steinerner Wasserfall.

Tobias und ich sagen dem Biogrossmarkt adieu. Es ist ein kleiner Grossmarkt. Wir spazieren durch das Industriegebiet Richtung Mercedes. Echte Industrie! Der echte Neckar. Und ein echter Grosshandel. Wachleute. Sicherheitszäune, Bauarbeiten. Mercedes ist hier so wichtig, dass es einen Schiffsanlegeplatz gibt, der „Mercedes-Museum“ heisst. In zwanzig Jahren ist die ganze Industrie hier ein Museum, wenn sie sich nicht neu erfindet. Der Automarkt hier läuft nicht mehr so richtig, nun wird halt China mit Autos vollgestopft und die Luft auch dort vergiftet. Flussdelphine wurden innerhalb von fünf Jahren ausgerottet. Die Briten haben den Markt in Japan gewaltsam geöffnet: Den wichtigsten Hafen so lange belagert und beschossen, bis die Japaner sie reinliessen. Das Kapital will spielen. Und wenn es nicht mehr spielen darf, wird geschossen.

AL 10.Juni 2014. – 06.10 Uhr

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