Flauberts Jahrhundert und die „spontane Philosophie“ der Wissenschaft

Das 19. Jahrhundert gilt als historisches Jahrhundert. Das heißt, man dachte in großen historischen Linien. Die Idee einer „Geschichte an sich“, also einer fortschreitenden und vor allem zusammenhängenden Bewegung, kommt überhaupt erst auf. (Schillers Universalgeschichte ab 1789.) Dieses Denken in Geschichte hängt zusammen mit dem Fortschrittsoptimismus (wo es ständig in eine Richtung voranzugehen scheint, da wird plötzlich die große Linie sichtbar) und dieser wiederum ist eng gekoppelt an den Siegeszug der exakten Wissenschaften, insbesondere der Humanwissenschaften Biologie, Psychologie, Medizin. Mal abgesehen davon, dass man sich fragen kann, inwiefern Medizin eine Wissenschaft und nicht viel eher eine Technik ist, kann man das Jahrhundert daher nicht nur als historisches sondern auch und vor allem als wissenschaftliches bezeichnen. Es sind ja nicht nur die Natur- bzw. Biowissenschaften, sondern auch in den Geisteswissenschaften und der Kunst werden (quasi-)naturwissenschaftliche Verfahren angewendet: Der historische Materialismus z.B. (Bertolt Brechts Theater für das wissenschaftliche Zeitalter), aber auch die ganze Frage der Wahrnehmung, also der Ästhetik wird psychologisiert und physiologisiert. (Helmholtz, Mach). Politisch herrscht dabei nach 1850 die große Stagnation, die Revolution erfüllt sich nicht, warten, warten, bis 1914 und dann bis 1917. Aber sozial, technisch, wirtschaftlich und eben vor allem wissenschaftlich passiert jede Woche was Neues. Also verlagert sich das intellektuelle Interesse auf diesen Bereich. Der literarische Realismus feiert nicht Widerstandskämpfer sondern Ingenieure, nicht Kriege sondern Weltumrundungen, beschäftigt sich nicht mit dem Parlament sondern mit dem Küchentisch. (Die Geburt der Science Fiction! – Jules Verne)

Christoph Hofmann wirft der Wissenschaft in seinem Buch „Die Arbeit der Wissenschaften“ vor, diese Fortschrittsideologie des 19. Jahrhunderts nie abgelegt zu haben. Man könnte sagen: Die Postmoderne ist an der Wissenschaft eigentlich vorbeigegangen. Oder: In der Wissenschaft rettet sich das 19. ins 21. Jahrhundert.

So würde Hoffmann das nicht formulieren, und es tut den vielen dezidiert selbstkritischen und selbstreflexiven Positionen innerhalb der akademischen Forschung sicherlich unrecht (man denke nur an die Ethnologie, die heute eigentlich nur noch sich selbst zum Gegenstand hat). Hoffmanns These ist eine andere: Im Kern geht Wissenschaft davon aus, dass a) nichts verloren geht und das es daher b) auch keine unproduktive Wissenschaft gibt. Und „Produktiv“ meint hier: fortschreitend, akkumulativ, verbessernd, korrigierend. Fehler oder schlicht mangelnde Ergebnisse sind in dieser Logik ebenfalls Forschungsergebnisse, die sich in diese Produktivitätsnarration einreihen. Hoffmann nennt diese Logik „spontane Philosophie“, also eine Grundüberzeugung, auf die die Arbeit der Wissenschaft unausgesprochen und weitestgehend unbewusst aufbaut.

Es gibt ganz praktische Probleme mit dieser Logik, zum Beispiel, dass es äußerst fraglich ist, dass Wissen in der Art zur Verfügung steht und rezipiert wird. Das wäre aber die Voraussetzung dafür, dass Wissenschaft wirklich fortschreitet. Das scheint Hoffmann auch kein technisches Problem zu sein, also eines der Archivierung, sondern vielmehr ein kognitives.

Interessanterweise taucht diese Produktivitätslogik in der Kunst spätestens seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr auf. (Seit der Romantik, definitiv aber seit Duchamp, also 1917) Es ist fraglich, ob sie überhaupt vorher gültig ist. Bei allen Verwandschaften, die Kunst und Wissenschaft in den letzten 3000 Jahren immer hatten, ich bezweifle, dass die Kunst jemals, oder sagen wir besser, jemals für lange Zeit, nach dieser Logik gearbeitet hat. Die Kunst ist gewissermaßen die Antithese zur akkumulativen Produktionslogik, weil sie kein Telos hat. Ihre Narration ist gewissermaßen der Irrweg. Sie reagiert auf ihre Umwelt und begleitet die gesellschaftlichen Entwicklungslinien, sie überspannt oder durchzieht sie aber nicht.

Paul Feyerabend, einer der prominentesten und vielleicht auch einer der ersten Kritiker dieser spontanen Philosophien der Wissenschaft, hat das offenbar gesehen, weswegen er eines seiner Bücher „Wissenschaft als Kunst“ genannt hat.

 

JP

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