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Archiv für den Monat Januar 2014

Zum Experiment am 2. Februar 2014 kommt der Frankfurter Ethnologe Sebastian Schellhaas, der sich auf Fragen zu Essen und Ernährung spezialisiert hat, zu Besuch in das Labor von Bouvard & Pecuchet 3000.

Schellhaas ist Doktorand am Graduierten Kolleg „Wert und Äquivalent“ an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität und forscht zurzeit über den Potlatch der nordamerikanischen Ureinwohner. Gemeinsam mit dem Weltkulturen Museum hat er 2012 das sehr schöne Buch „Die Welt im Löffel“ herausgegeben.

Am Sonntag wird er einen Kurzvortrag halten und mit unseren beiden Forschern Liebmann und Biesalski diskutieren.

 

JP

L sitzt in seinem Atelier und schaut einen Indiana Jones Film. Indy schafft es, aus jeder Situation herauszukommen, und sei sie noch so gefährlich. Selbst die gefährlichsten Stunts überlebt er gutaussehend, und seine Partnerin, dämlich, ist,  auch nach einem 30 Metersturz, immer dauerwellengelockt. In der Mitte des Films findet ein grosses Gelage statt: Indy und seinen Begleitern werden lebende Aale serviert, frische Käfer, Affenhirn im Affenkopf, Kuhaugensuppe. Indy darf alles riskieren, weil er immer überlebt: Also isst er fröhlich, während seine Begleiterin vor Ekel umkippt.

B stürmt ins Atelier. Er bringt L´s Cello mit. B ist als Wissenschaftspartner in den Wochenterminen der Jack-in-the-Box. Entweder ON oder OFF. Er muss sich nie hochstarten oder runterfahren. „Die Zeit ist knapp, also loslegen“. Und wenn Zeit ist, zu gehen, wird stracks gegangen. B sieht die Filmsequenz mit den Affenköpfen: „Das ist ja bekannt“. B+L reden über die Wegwerfkultur – und zwar nicht über den allseits bekannten Fakt, dass wir zuviele Lebensmittel wegschmeissen, obwohl sie noch geniessbar sind (Joghurt zB ist auch nach dem Ablaufdatum noch lange essbar, deswegen wird es auch „containert“, also von Aktivisten und Bettlern wieder aus den Mülltonnen der Grossverteiler herausgeholt), sondern über unsere Definition von gutem Essen. Gut ist zum Beispiel nicht: Hahnenfüsse, Schweinskopf, Innereien, Stierhoden, Leber, der Stiel der Brokkoli, Kartoffelschalen etc.  („Leber wird so gut wie nicht mehr gegessen, obwohl sie unglaublich gesund ist und viele wertvolle Stoffe enthält. Keiner weiss mehr, wie man Leber macht“). Diese Dinge werden in der Regel in Länder verkauft, wo sie als Delikatesse gelten: China, Afrika. B macht den Witz des Walkie Talkie: „In Afrika haben alle ein Walkie Talkie, sie essen nämlich die Füsse und den Kopf des Hahns.“ B+L überlegen, ob sie am Sonntag zur Abschlussveranstaltung ein Containern de Luxe machen, also Essen servieren, das wir nicht mehr wollen, aber in anderen Ländern mit Freuden verzehrt wird. Das scheint auch eine Herausforderung an die eigenen Augen zu sein („Die Augen sind das Problem – die Geschmacksnerven machen das alles problemlos mit“). Wir wollen auch Biowein ohne Alkohol servieren, Fleisch ohne Fleisch, Schokolade ohne Zucker. Das ist die Kehrseite: Fressen und saufen wollen, aber keine Konsequenzen spüren. B ereifert sich über alle möglichen Edeltrends im Biosektor. Zum Beispiel die mittlerweile industriell organisierte Verteilung von Biokisten – die in der Regel weder besonders saisonal noch lokal hergestellte Biowaren direkt an die „Besseresser“ liefern. Wir können es uns eben leisten. Aber „Wer Hunger hat, der isst alles“. Indy könnte das alles mit einem Peitschenhieb lösen. Wir brauchen etwas länger.

AL 28.1.2014

L besucht B in seiner Familienresidenz in der Nähe von Mainz. Eine Zusammenarbeit kann nicht stattfinden ohne gegenseitigen Besuch. Wer sich nicht besucht, kann nichts voneinander lernen. Kein Besuch – kein Austausch. L denkt nach über Transdisziplinarität, Freundschaft. Was müssen zwei Menschen machen, damit ihre Begegnung eine Begegnung wird? Das Stereotyp zwischen B und L bisher: L fragt, B antwortet. L ist also der Frager in dieser Begegnung. B ist der Antworter. Ausnahme bisher: Das gemeinsame Musizieren. Hier finden B+L rasch zusammen, auf gleicher Ebene. Die rascheste Annährerung findet in einer Disziplin statt, die beide teilen und die von keinem die Hauptdisziplin ist: Die amateurhaft beherrschte Musik.
Schalen des Wissens und Nichtwissens, Spaziergänge, Ratespiele: Wer ist der andere? L mutmasst über B. Gibt es einen B hinter dem Wissenschaftler? Welche Fragen stellt B ohne sie zu äussern? L erlebt B im Zusammensein mit seiner Frau, mit seiner Tochter und deren Kindern. B ist der Mann der Ansagen, Antworten und Meinungen. Gibt es den Zögerer B? Mutmasst B über L? Was interessiert B an L?
B und L kaufen auf dem Markt ein („direkte Kommunikation muss man sich leisten können“). B und L besuchen ALNATURA. B spottet über Biowein („ein Label – sonst nichts“), allergiefreie Lebensmittel („reines Geschäft“) und lobt fair gehandelten Kaffee („sinnvoll“). B liebt Mainz, den Mainzer Dom, die St. Stephanskirche mit den „weltweit meisten“ Chagallfenstern. B führt L durch das Parkhaus, in die Innenstadt, ins Parkhaus, ins Kaffee, ins Restaurant, in die Innenstadt, ins Parkhaus, ins Parkhaus, auf seinen Hof. L liest B alle bisher geschriebenen Blogs und die Ernährungsprotokolle vor. B gefällt vor allem das Wortspiel Mischkost Mischkunst Mistkost Mistkunst Maiskost Maiskunst Muskost Muskunst. L zeigt B den Dokfilm über Lichtnahrung. B kennt einen Protagonisten und hat explizite Meinungen. B´s Frau serviert Kürbiscremesuppe und Käse. B + L reden über Gifte. 15 Gramm Safran sind tödlich. Kleinkinder können an einer einzigen Muskatnuss sterben. Petersiliensamen in hoher Dosierung können töten. Cayennepfeffer kann in Überdosis Magenbluten verursachen. Das wussten früher die Frauen (Abtreibung) und gitfmischende Höflinge. Man hört „Siegfrieds Tod“. Der Ring der Niebelungen: Eine Ernährungstrilogie: „Alles was is(s)t, vergeht.“ Die „Kantate des Oppossums“ aus südamerikansichen Mythen, notiert von Claude Levy-Strauss. Lebensmittel Tötungsmittel. Auf seinen von L wahrgenommenen leichten Sarkasmus hebt B zu einem längeren Monolog an: Einblick in seine Denkwelt. Dieser Monolog wird gepostet werden. Zeit: Der gemeinsam verbrachte Freitag dauert 7 Stunden. Am Ende denkt L: Das war eine Begegnung.

27.1.2014 AL