Labor Report Tag 8. Die Stadt, der Müll und der Film

L macht einen Selbstversuch: Containern. Eine Freundin sagt ihm wo und wann. L schläft vor und schaut beim Einschlafen „Das grosse Fressen“. Vier Typen bringen sich mit Essen um. Das ist selbst den Nutten zu doof, die sie dazubestellt haben: Sie lassen die Herren alleine sterben. Nur die Kindergärtnerin bleibt, und begleitet fürsorglich alle in den Tod. Der Film ist bekannt und natürlich ein widerlicher Genuss. Die Männer geben den Frauen gern Befehle. Die Frassvilla ist wunderschön, nostalgiegesättigt, morbid. Die Metapher des Films kann, vierzig Jahre nach seiner Premiere, etwas abgegriffen erscheinen. L´s Lebensstil ist Teil einer rasenden Todesfahrt. Eine Überraschung ist das nicht mehr. Dabei gibt L sich so Mühe, zumindest ein paar Hebel, die er erreichen kann, umzulegen. Viele Menschen versuchen das. Wie schauen Überlebende in hundert Jahren auf diesen lächerlichen Tanz?  Die Theaterumsetzung an der Volksbühne 2006 hat L verpasst. Was dabei in einer Theaterkritik angemerkt wird: „Es ist ziemlich sicher, dass die Spieler auf der Bühne – eine kräftige Portion Exhibitionismus vorausgesetzt – beim fröhlichen Herummantschen der höchstmöglichen irdischen Glückseligkeit ziemlich nahe kommen. Hier zeigt sich, dass „Das Große Fressen“ Dekadenz, Lebensüberdruss oder gar Depression nicht abbildet, sondern unterläuft. Der Abend bietet in seiner unkomplizierten Anschaulichkeit dem Zuschauer die Möglichkeit, seine Neidgefühle gegenüber den enthemmten Spielern zu entdecken, sie sich einzugestehen und so mit Fantasien in Kontakt zu kommen, die möglicherweise unreinlich und triebhaft sind, dabei aber von urwüchsiger Lebenslust zeugen. Beim Film war das nicht anders.“ Also: Fressen, sich im Essen wälzen, kann auch, ganz simpel, Vergnügen sein.
Containern. Um halb eins steht L auf, zieht sich an. Müde. Soll er nicht ein Taxi rufen? Dann wäre das Ganze schnell vollbracht. Er sucht Taxinummern. Dann geht er raus in die Nacht und holt sich ein DB-Fahrrad. Er sucht den Supermarkt, der ihm angegeben wurde. Eine halbstündige Fahrt. Erster Impuls, als er vergitterte Container sieht: „Das kann ich nicht“. Eine viertel Stunde kurvt er um das Gebiet. Gibt es Wachleute? Polizei? Er nähert sich den Containern. Eine Gittertür ist offen. Irgendwann steht ist er drin. Findet aber nichts. Nur echten, dreckigen Müll. Wahrscheinlich waren andere schneller. Er geht herum, schaut in verschiedene Container. Nur Müll, Müll, Müll. Er fährt nach Hause und schaut unterwegs noch bei anderen Supermärkte vorbei. Die meisten sichern ihren Müll mit riesigen Vorhängeschlössern und Metallrollos.
L kommt sich in dieser zweistündigen Nachtfahrt wie ein Krimineller vor. Wer Müll essen will, bewegt sich zumindest in einer rechtlichen Grauzone. Indiana Jones an die Supermärkte: Stellt Euren essbaren Müll tagsüber raus. Wer Müll frisst, ist keine Ratte und möchte nachts, wie jeder, schlafen.

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