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Archiv für den Monat Dezember 2013

Rafael Capurro spricht mit Malte Scholz über Freundschaft und Abwesenheit. Das Videogespräch ist Teil der Installation „Rafael & Malte Perfect Enterprises“, die am 24. November als Abschluss und Ergebnis der Zusammenarbeit von Malte präsentiert wurde.
Dieses Video zeigt nur Rafael Capurro. Ein zweites Video zeigt nur Malte Scholz.
JP

Pflanzenfund von Hannes Schwertfeger:
Die Alraune ist eine mythische Menschenpflanze, oder auch ein Pflanzenmensch, wie man will. Um 1300 glaubte man sie mit Hunden finden zu können. Mandrake heißt die Pflanze auf englisch, etwa bei Shakespeare, was etwas offensichtlicher ist. Im Mittelalter glaubte man, sie wächst unter Galgen und zwar aus dem Sperma und Blut von Gehängten. Wie kommt das Sperma der Gehängten in den Bode, wäre so eine Frage. Fakt ist jedenfalls, dass sie sehr ungenießbar bis giftig ist. Wikipedia schreibt: „Die Wurzeln der Alraunen sind fleischige, dicke Pfahlwurzeln, die oftmals gegabelt sind und dadurch nicht selten einer menschlichen Gestalt ähneln.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Alraune_(Kulturgeschichte)

sieht nett aus:

JP

 

Die Wissenschaftshistorikerin Beate Ceranski, mit der ich auch über eine Teilnahme an Bouvard & Pecuchet 3000 gesprochen habe, hat dieses sehr schöne Projekt ins Leben gerufen, das mit einer Webpräsenz Stuttgarter Wissenschaftsgeschichte präsentiert. Interessant ist dabei vor allem aus meiner Sicht die programmatische Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaften in Stuttgart.

http://www.uni-stuttgart.de/impulse/

Es wäre schön, wenn das Projekt weiterginge und mehr WissenschaftlerInnen aufgenommen werden.

Heute fand das erste Treffen zwischen Andreas Liebmann und Hans Konrad Bieslaski für das dritte Kapitel von Bouvard & Pecuchet 3000 im Labor statt. Liebmann und Biesalski werde am 12. Januar 2014 in das Labor einziehen, das zurzeit von Monsterbotanik besetzt ist. Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass es nicht nur inhaltliche Übereinstimmungen zwischen den beiden gibt, sondern auch biografische: beide stammen aus berühmten Ärztefamilien - wie auch Gusatve Flaubert - beide spielen leidenschaftlich klassische Musik, beide haben von sich von ihrer professionellen Praxis aus für die jeweils andere Praxis der Kunst und der Wissenschaft geöffnet: Liebmann zum Beispiel in seiner Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Neurologen Benedict Volk-Orlowski (für die Performances Mein prähistorisches Hirn und Birthday) und Biesalski in der Zusammenarbeit mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp beim Wissenschaftskolleg Berlin. Biesalski erzählte uns, dass er mit Bredekamp darüber gesprochen hat, dass bestimmte neuronale Reaktionen im Menschen beim Betrachten von Lebensmitteln  nur auftreten, wenn diese Lebensmittel in Farbe sind. Schwarzweiße Bilder lösen sie nicht aus. Bei Patienten mit Essstörungen werden diese Reaktionen beim Anblick von Lebensmitteln ebenfalls nicht ausgelöst, so als wären sie nur schwarzweiß.

Am Ende des Gespräch blieb für mich der Begriff der Empirie als ein zentraler Begriff auch für die ganze Reihe hängen: Empirie als das sinnlich erfahrbare, gegenüber der abstrakten Theorie. Bieslaski meint, dass es einen grundsätzlichen Verlust oder vielleicht eher ein sich entfernen der Wissenschaft von der Empirie gäbe. Vielleicht ein gesamtkulturelles Phänomen der Entfremdung und Virtualisierung? Künstlerische Praxis realisiert sich immer in der Konkretion, also in der Herstellung von Zuständen, Atmosphären oder Dingen. Kunst ist aber meines Erachtens nicht angewandte Wissenschaft, also etwa das Labor der ästhetischen oder kognitiven Theorie. Es geht nicht um das Beweisen der Theorie, sondern um die Erfahrung selbst.

Also Empirie - Für und Wieder - vielleicht taugt das als Leitfaden durch die zehn Kapitel. Biesalski und Liebmann haben jedenfalls eine ganze Reihe von Themen gefunden, zu denen im Januar zu forschen sich lohnen würde: Hunger, das selbstsüchtige Gehirn, Bauchgefühl (im doppelten Sinne) und Empirie, Verunsicherung und Nahrung als Feind...

Als Motto für das Labor vielleicht dann folgender Satz:

Wie hatten sie es nur fertiggebracht, bis jetzt zu leben? Comment avaient-ils fait pour vivre jusque-là?

JP

stilleben-mit-obst-und-weinglas

Diesen Satzanfang aus dem 2. Kapitel möchte ich als Motto für das zweite Labor vorschlagen.

Vor diesem Horizont von Wundern standen Bouvard und Pécuchet wie geblendet. So beschreibt Flaubert seine beiden Protagonisten nach der Lektüre von Boitards „Der Gartenarchitekt“. Pierre Boitard (1789 – 1859) war ein Naturwissenschaftler, und kein unbedeutender. Er klassifizierte den Tasmanischen Teufel neu – was auch immer das genau heißt. The unclassified tasmanian devil today:

Boitard war aber vorallem ein echter homme de lettres. Er schrieb einen Fantasybestseller „Paris avant les hommes“, also eine prähistorische Gruselgeschichte auf evolutionstheoretischem Sand seiner Zeit gebaut.

Und er gab botanische und gartenarchitektonische Zeitschriften heraus, zB. die „Revue progressive d’agriculture, de jardinage, d’économie rurale et domestique“. Die progressive Gartenzeitschrift! Das sollte man sich als Titel merken.

Ich vermute, dass Gartenarchitektur nicht wenig mit Staatsführung zu tun hatte. Einige bedeutende Vertreter der Botanik waren Politiker. So auch Adrien Étienne Pierre de Gasparin, Inneminister und Gartendirektor, den B&P ebenfalls in diesem Kapitel lesen. Der Garten als Bild der Welt und des Reichs. Die Ordnung der Dinge im Sinne des Größeren Ganzen.

Vor diesem Horizont von Wundern…
Diese Worte können aber auch als Bild für eine immer wiederkehrende Szene des Romans stehen. Nämlich die intellektuelle Ektase, der B&P immer wieder im Angesicht der Wissenschaft erliegen. Jedes Buch, das sie aufschlagen, lässt sie erschauern, jede Frage begeistert sie. Im ersten Kapitel heißt es verheißungsvoll:

Fern an einem Horizont, der täglich weiter wurde, gewahrten sie Dinge, die undeutlich waren und
wunderbar zugleich.

Das ist die Wissenschaft!